Die Aufmerksamkeit ist mit einem Mischgefühl aus Lust und Unlust verbunden: insofern, als sie uns nützt, und als alle Steigerung der Erfahrung von ihr abhängt, ist sie entschieden lustbetont; insofern aber, als sie einen Widerstand im glatten Bewußtseinsstrome bedeutet, ist sie unlustbetont, wie solche Stellen es immer sind. Dieses Mischgefühl kann man bei einiger Übung in der Selbstbeobachtung deutlich wahrnehmen. Wir können die Aufmerksamkeit der Stelle des Bewußtseins gleichsetzen, an der die Vorstellungen mit der Heftigkeit von Geschossen einschlagen und das Wasser (im Beispiele des Stromes) aufspritzen machen.

Ich fasse zusammen: In jedem Erkenntnisakt gibt es folgende angenehme Faktoren, die wir daher beizubehalten wünschen: 1. den glatten Fluß der Erkenntnis, 2. die begleitenden Lustanteile, 3. die nützliche Aufmerksamkeit, und folgende unangenehme, die wir daher aus dem Bewußtsein lieber ausschalten möchten: 1. die Hemmungen der Erkenntnis, das zeitliche Auseinanderfallen von Vorstellungskomplex und zugehörigem Urteil, 2. die Unlustanteile, die Unfähigkeit, den Willen nach Belieben von gewissen Vorstellungen loszureißen.

Daraus folgen nachstehende Forderungen für die Vervollkommnung unseres Bewußtseins: Der nützliche und angenehme Anteil sollte ihm als sicherer Besitz gegeben, der unnütze und unlustbetonte ausgeschaltet werden.

Beseitigung der Widerstände würde beiden Forderungen entsprechen; nur der Widerstand, den die nützliche Aufmerksamkeit bildet, muß auf allen Stufen der Entwicklung beibehalten werden, weil er für ihren Fortschritt nötig ist. Denken wir uns das Ende der Entwicklung erreicht, so würde natürlich auch dieser Teil der Aufmerksamkeit, als der letzte Widerstand im Bewußtsein, wegfallen: das Bewußtsein eines vollkommenen Wesens wäre identisch mit dem Bewußtsein an sich.

Die Erfüllung jener beiden Forderungen, bezw. die Ausschaltung der Widerstände (mit Ausnahme der nützlichen Aufmerksamkeit), würde uns die Vorzüge des automatischen Denkens ohne dessen Nachteil sichern! Als Nachteil wäre zu denken die Festlegung der Erkenntnisfähigkeit auf einer gewissen Entwicklungsstufe oder für eine bestimmte Umgebung. Das darf aber nicht geschehen: denn, wie James sagt, ist es das Fehlen von festen Reaktionen in Gestalt von Instinkten, das die Überlegenheit des Menschen über das Tier, ebenso wie diejenige des Mannes über das Weib ausmacht.[56] Doch sind natürlich gewisse instinktive Reaktionen möglich, die allgemeingültigen Werten entsprechen, z. B. denen der Nächstenliebe und des »Mitleidens«, und die daher sehr wohl fest werden dürfen und werden. Wir können also definieren: Ein vollkommenes Vernunftwesen würde teils durch die Feinheit seiner Hirnrinde, teils durch Fixierung allgemeingültiger Willensantriebe und Gefühlsregungen die Reaktionen auf die Werte des Wahren, Guten und Schönen als Instinkte besitzen. Ersteres würde wiederum den freien, letzteres den festen Instinkten entsprechen.

Doch diese Art annähernder Automatie, die ich dargestellt habe, wäre nur in einem sehr bildungsfähigen und feinen Gehirn denkbar: denn nur ein solches könnte so widerstandslos auf die Vorstellungen und Willensantriebe reagieren, als es im Vorstehenden verlangt wurde: nur durch ein so fein reagierendes Gehirn könnte das Bewußtsein an sich so glatt hindurchfließen, wie es ein Strom durch ein weiches, felsenloses Bett tut. – – –

In weitgehendem Maße zeigt es sich nun bei näherem Zusehen, daß die Widerstände durch Furcht und Besorgnis hervorgerufen werden, die ein Ausdruck der Selbstsucht sind: Selbstverleugnung ist daher eins der wertvollsten Mittel zur Ausschaltung der Widerstände. Unlustgefühle und die Beschäftigung mit den eigenen Vorstellungen zerstieben vor der Hinwendung des Wollens auf das Absolute und Allgemeine wie Spreu vor dem Winde. So entsteht auch eine Art Passivität des Bewußtseins, die das Denken und Erkennen sehr erleichtert. Demnach besitzen wir in rückhaltloser Selbstverleugnung eine mächtige Handhabe zur Ausschaltung der das empirische Bewußtsein ausmachenden »Wirbel« im Strome des Bewußtseins an sich. Muß aber die Selbstverleugnung, um wirksam zu sein, rückhaltlos sein, so darf sie dennoch nicht grenzenlos sein: die Persönlichkeit soll bewahrt und erhöht werden, das empirische Bewußtsein als nützlicher Teil der Aufmerksamkeit erhalten bleiben; denn der Mensch muß Erfahrung sammeln, wozu die Aufmerksamkeit dient.

Somit stehen die Resultate unserer psychologischen Überlegung der Hauptsache nach im Einklang mit denjenigen, zu denen Schleich auf Grund seiner anatomischen und entwicklungstheoretischen Betrachtung gelangt war: nämlich, daß es auf Höherentwicklung der Hirnrinde und des von ihr abhängigen Geisteslebens geht, und daß sie zur Automatie des Denkens, Wollens und Fühlens führen wird – wenigstens in hohem Grade. – –

Die Menschen fühlen das empirische Bewußtsein als etwas Qualvolles. Die Ursache für diese merkwürdige Tatsache erhellt aus Vorstehendem: es ist ja der Inbegriff der Widerstände im Gehirn. Daß es Tatsache ist, geht daraus hervor, daß die Menschen aller Zeiten mit seltener Einmütigkeit die verschiedensten Mittel zu seiner Unterdrückung angewendet haben: der indische Jogi hypnotisiert sich selbst, der Buddhist übt sich in den höchsten Graden der Willensverneinung, alle Völker benützen berauschende Mittel irgendwelcher Art. – – –

Nach Eimers »Gesetz der männlichen Präponderanz« treten bei Tieren die neuen Merkmale zuerst bei älteren Männchen auf. Da Genialität den fortgeschrittensten Zustand des Menschen bedeutet und sie rein auf den Mann beschränkt ist, so findet dieses Prinzip, wie man von vornherein erwarten müßte, beim Menschen eine glänzende Bestätigung.[57]