Zu allem kommt noch die Qual, den der Unlustanteil des im Bewußtsein befindlichen Vorstellungskomplexes bedingt: im Anschluß an eine richtige Erkenntnis steigt ein ganzer Komplex von durch Assoziation damit zusammenhängenden Vorstellungen in unser Bewußtsein auf. Ein Teil davon ist mit Lust – ein anderer mit Unlust betont. Durch letzteren entstehen teils nützliche Warnungen; aber teils bringt er auch unnötigen Kummer und unberechtigte Sorge. Wiederum ist es der Neurastheniker, bei dem das die höchsten Grade erreicht. Aber beim Gesunden ist es mehr oder weniger auch vorhanden. Alle unsere Lebenserinnerungen bestehen, wie Wundt sagt, aus Dichtung und Wahrheit: »Unsere Erinnerungsbilder wandeln sich unter dem Einfluß unserer Gefühle und unseres Willens in Phantasiebilder um, über deren Ähnlichkeit mit der erlebten Wirklichkeit wir meist uns selbst täuschen.«[53] – – –
Wir müssen zwischen Bewußtsein schlechthin und dem Sich-Bewußtwerden eines Vorgangs unterscheiden. Das letztere macht das dem Menschen eigentümliche Bewußtsein aus, wie ich zum Verständnis vorweg betonen will. Daher will ich zum Unterschied das erstere mit dem Kunstausdruck »Bewußtsein an sich« und das spezifisch menschliche Bewußtsein mit demjenigen »empirisches Bewußtsein« belegen.
Empirisches Bewußtsein scheint nun nur dort vorzukommen, wo sich ein Widerstand geltend macht. Wir haben »Bewußtsein« von einem Baume, den wir sehen, aber wir »werden uns seiner nicht bewußt«, solange nicht etwas Besonderes an ihm unsere Aufmerksamkeit erregt, weil der Vorgang glatt und widerstandslos verläuft.[54] Beim Reden oder Lesen des weiteren ist man sich seiner Tätigkeit nicht bewußt, bis ein Widerstand eintritt oder sonst etwas die Aufmerksamkeit erregt. Deswegen hat James wiederum recht, wenn er sagt: »Alles Bewußtsein scheint von einer gewissen Langsamkeit des Prozesses in den Gehirnzellen abzuhängen. Je rascher die Ströme sind, desto weniger Gefühl scheinen sie zu erwecken.«[55]
Trotzdem aber entspricht es zweifellos dem tatsächlichen psychologischen Erfahrungsbestand, auch bei solchen schnell und glatt verlaufenden Vorgängen von »Bewußtsein« zu reden. Daraus folgt nun ein qualitativer Unterschied unserer Bewußtseinszustände: Das Bewußtsein, das wir beim fließenden Vorgang besitzen, ist identisch mit dem Bewußtsein an sich, das eben in unserer Hirnrinde zum Durchbruch kommt. Dasjenige Bewußtsein dagegen, das wir dann haben, wenn Aufmerksamkeit oder sonstiger Widerstand im Spiele ist, ist empirisches Bewußtsein. Trotz seiner qualitativen Verschiedenheit kann es natürlich nur eine Modifikation des ersteren sein.
Demnach gibt es Erkenntnis mit und ohne empirisches Bewußtsein. Ersteres nennen wir »Aufmerksamkeit«. Dasselbe wäre es zu sagen: Es gibt Erkenntnis mit und ohne Aufmerksamkeit. Ersteres ist dann der Fall, wenn ein Widerstand damit verbunden ist. Dies aber macht empirisches Bewußtsein.
Nach allem: Es gibt ein Bewußtsein an sich. Wo es nicht gehemmt wird, ist es auch im menschlichen Gehirn sich selber gleich (oder ähnlich). Wo es aber auf seinem Weg durch das Gehirn auf einen Widerstand trifft, da wird es eben dadurch verändert und bildet dann das empirische Bewußtsein. Demnach ist Bewußtsein an sich vergleichbar einem glatt dahinfließenden Strome. Im Bette dieses Stromes aber befinden sich Unebenheiten, wie sie in einem wirklichen Flusse durch Felsen und Steine dargestellt werden. Diese Rauhigkeiten bietet die Unvollkommenheit der Gehirnkonstruktion dar: auch an ihnen entstehen daher Wirbel im Strome des Bewußtseins an sich, wie sie im wirklichen Wasser an entsprechenden Stellen vorkommen. Die Wirbel im Bewußtseinsstrome heben sich von dem glatten Strome ab und werden als Besonderheiten kenntlich. Der Inbegriff dieser Besonderheiten, also der Rauhigkeiten an Stellen des Widerstands, ist das empirische Bewußtsein. Wo aber der Bewußtseinsstrom ohne Hemmungen durch das menschliche Gehirn hindurchfließt, da erleidet er natürlich keine wesentliche Veränderung: in diesem Teil ist demnach unser empirisches oder menschliches Bewußtsein nicht verschieden von dem Bewußtsein an sich, sondern bildet nur einen Ausschnitt aus ihm. Wo aber Wirbel entstehen, da werden wir uns des Bewußtseins an sich bewußt. Hier also ist unser empirisches Bewußtsein verschieden von dem Bewußtsein an sich: denn in diesem als solchem sind Hemmungen unbekannt.
Das ergibt die unverfälschte Psychologie der unmittelbaren Erfahrung! – – –
Bei der Wahrnehmung von Gegenständen treten die Lust- und Unlustgefühle auch in das Bewußtsein ein.
Letztere entsprechen gefährlichen oder unangenehmen Stellen in der Außenwelt, denen wir daher zu entgehen suchen. Es stehe z. B. ein schön blühender Baum am Rande eines Abgrundes: was wird bei der Wahrnehmung stattfinden? Der Baum wird uns mit einem Lustgefühl erfüllen, von dem Abgrund aber werden wir uns fernzuhalten trachten. Hier begegnet uns der Wille in seiner primitiven und ursprünglichen Form, nämlich als Bewegung. In der Tat ist Bewegung überhaupt das Wesen des Wollens. Denn bei Phantasievorstellungen (im Gegensatz zu Wahrnehmungsvorstellungen) ist es analog: wir nehmen die lustbetonten Vorstellungen dankbar an und wünschen, von den unlustbetonten loszukommen. In beiden Fällen, dem der äußeren Wahrnehmung und dem des Phantasiebildes, hat der Wille die Merkmale der Bewegung an sich, nämlich Richtung. Allein, innerhalb des Umkreises der Phantasietätigkeit gelingt die Tat, d. h. die Ausführung der Bewegung oder die Einschlagung der Richtung, nicht so leicht als bei der wirklichen Bewegung im äußeren Raume, die, wie wir sahen, die ursprüngliche Willensäußerung ist: mit unfehlbarer Sicherheit und ohne merkbare Anstrengung vermögen wir, von dem Abgrund zurückzugehen, sobald wir es »wollen«. Jedoch können wir nicht mit auch nur annähernd ähnlicher Sicherheit eine unangenehme Vorstellung unterdrücken, »uns im Geiste von ihr hinwegbewegen«.
Wenn wir aber die äußere Bewegung, den Willen auf primitiver Stufe, vollständig beherrschen, so ist nicht einzusehen, warum das auf höheren Stufen nicht auch der Fall sein sollte: die höhere Willenssphäre ist eben nur noch zu unvollständig in unserm Zentralorgan ausgebildet. Wir sollten demnach beim Erkenntnisakte im Gebiet der Phantasie annehmen und behalten können: 1. die der Erkenntnis unmittelbar zugrunde liegenden Vorstellungen, und 2. die begleitenden Lustvorstellungen; dagegen sollten wir die Unlustvorstellungen, nachdem sie uns einmal bewußt geworden sind und zur Warnung gedient haben, verlassen können. Der Zusammenhang mit dem Beispiele vom Baume bei der äußeren Wahrnehmung ist ja klar: das unter 1 Angeführte entspricht den Empfindungen des Baumes, das unter 2 Genannte denjenigen der schönen Blüte und das zuletzt Gesagte dem Abgrund. – – –