Von diesen Überlegungen ausgehend bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß einige Bemerkungen, die Schleich[48] über die mutmaßliche Weiterentwicklung des Großhirns gemacht hat, manches Richtige enthalten. Er geht von der Beobachtung aus, daß das Großhirn sowohl für das unbewaffnete Auge, als auch unter dem Mikroskop den Eindruck der Unfertigkeit und Neuheit hervorruft gegenüber den andern stammesgeschichtlich viel älteren Teilen des Zentralnervensystems. Auch seiner Beschaffenheit nach ist es viel weicher, breiartiger als letztere. Nun sind die Tätigkeiten der älteren, festeren Abschnitte automatische, unbewußte: sie gehen mit der Unfehlbarkeit und Sicherheit von statten, die uns im allgemeinen alle automatischen Funktionen zeigen. Ganz anders verhält es sich mit den Tätigkeiten des Bewußtseins, die an die jüngsten, obersten Teile des Großhirns geknüpft sind: namentlich in unserm Denken und Erkennen irren wir fortwährend.
Schleich nimmt nun in Anlehnung an den englischen Philosophen H. Spencer an, daß es jeweils nur die jüngsten, in der Entwicklungsreihe also am weitesten vorgeschobenen Teile des Nervensystems sind, deren Tätigkeiten mit Bewußtsein verknüpft sind. Nach dieser Theorie waren diejenigen Funktionen, die jetzt in uns und den höheren Tieren unbewußt, selbsttätig, geworden sind, einst auch mit Bewußtsein verbunden: auch sie mußten mühsam erlernt werden, ebenso wie wir jetzt innerhalb der Sphäre der uns bewußten Lebensäußerungen lernend, übend, prüfend und tastend vorgehen. Das Riechen, die Atmung, die Herztätigkeit, die Verdauung usw. hätten also nach Spencers Ansicht einst in der stammesgeschichtlichen Kindheit der Organismenreihe unter der Leitung des Bewußtseins erlernt werden müssen.
Dieser Ansicht trete ich nun allerdings nur sehr bedingt bei: im allgemeinen stimme ich vielmehr James zu, der annimmt, daß die Reflexbewegungen »zufällige« angeborene Idiosynkrasien, die wegen ihrer Nützlichkeit im Kampf ums Dasein erhalten blieben, sind. Sie fallen unter die Rubrik meiner »primären« Instinkte. Außer diesen mögen in geringerem Grade auch Übungsresultate im Laufe langer Zeiten automatisch geworden sein. Sie bilden dann meine »sekundären« Instinkte. Die Auslese der spontan entstandenen Reflexhandlungen halte ich jedoch für das Wichtigere.
Schleich glaubt ferner, daß die Entwicklung des Großhirns in dem Sinne fortschreiten wird, daß auch unsere höheren geistigen Tätigkeiten einst unbewußt und automatisch sein werden, ebenso wie es jetzt die niederen sind, die von den älteren Hirnteilen abhängen. Unser Denken und Handeln würde dann mit der Raschheit und Sicherheit selbsttätiger Vorgänge stattfinden.
Freilich darf der Schluß nicht gemacht werden, daß das Bewußtsein nichts anders ist, »als der in der Entwicklung am weitesten vorgeschobene, in Differenzierung begriffene Teil des nervösen Apparates überhaupt« …[49] Wir werden vielmehr unten sehen, daß Bewußtsein etwas Besonderes ist.
Abgesehen von diesen Punkten aber scheint mir Schleichs Ansicht richtig zu sein und mit dem übereinzustimmen, was wir nach dem bisherigen Gang der Entwicklung erwarten müßten. Das ist folgendes: 1. Die Entwicklung wird vorwiegend nach der geistigen Seite fortschreiten. 2. Dies muß von der Organisation der Hirnrinde abhängig sein, in der also eine Verbesserung zu erwarten ist. 3. Der Fortschritt muß seinen Ausdruck finden in der Gewinnung größerer Sicherheit und Leichtigkeit im Denken und Handeln seitens der Menschen.
Bringen wir nun diese anatomischen Überlegungen mit der Psychologie in Einklang, so ergibt sich etwa folgendes: Unser Bewußtsein besteht aus einem ununterbrochenen Fluß von Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen, welch letztere beide den Vorstellungen angegliedert sind. Da jede Hauptvorstellung stets durch Verschmelzungen und Assoziationen von einem Kranz anderer Vorstellungen umgeben ist, der ganze Komplex jeweils das Bewußtsein ausmacht und dieser ganze Komplex ein fortwährend sich verändernder ist, so gleicht unser Bewußtsein von der Wiege bis zum Grabe einem ununterbrochenen Flusse, in dem das einmal Vorübergeströmte niemals zurückkehrt. Denn nie ist der Komplex als Ganzes wieder der gleiche, der er früher einmal war; der ganze Komplex aber macht das Bewußtsein aus. Niemals treten einzelne Vorstellungen, z. B. bei der Erinnerung, ins Bewußtsein; sie haben immer ihren Kranz zugeordneter Vorstellungen um sich, und dieser wechselt ununterbrochen.[50]
Vorstellungen bilden die Unterlage der Erkenntnis: sie sind also das Material des Erkenntnisaktes. Die Außenwelt ist uns ebenso wie die Erinnerung zunächst als Vorstellung gegeben. Vorstellungen sind aber noch keine Erkenntnis. Erst durch ihre Verarbeitung entsteht letztere. Ein Interesse besitzen wir jedoch nur an der Erkenntnis selbst, während die Vorstellungen als solche nichts anders bedeuten als eine Belästigung unseres Bewußtseins.
Bei der Wahrnehmung von Gegenständen zeigt sich nun der Idealvorgang der Gewinnung von Erkenntnis: denn in demselben Augenblick, in dem uns unsere Sinnesorgane die Empfindungen oder Vorstellungen übergeben, haben wir auch schon die Erkenntnis des Gegenstands. Die Vorstellung der Außenwelt und das Wahrnehmungsurteil fallen also zusammen; die Erkenntnis aber liegt in letzterem. Daher definiert auch Höfler, dem ich mich anschließe: »Wahrnehmung = Wahrnehmungsvorstellung + Wahrnehmungsurteil.«[51] Auf der niedersten Stufe der Denktätigkeit ist also der vollkommene Vorgang bereits erreicht: niemandem bereitet die Beurteilung und Erkenntnis der Gegenstände irgendwelche Schwierigkeit, sobald ihm einmal die zugehörigen Empfindungen, bezw. Vorstellungen gegeben sind. Zum Verständnis trage ich hier nach, daß ich auch diesbezüglich die Terminologie Höflers annehme, der definiert: »Empfindungen sind Wahrnehmungsvorstellungen von möglichst einfachem, physischem Inhalte.«[52] Deswegen setze ich also auch statt Empfindungen Vorstellungen.
Bei den höheren Graden des Denkens ist aber der Idealvorgang des Erkennens noch lange nicht erreicht. Hierbei stören uns vielmehr folgende zwei Umstände: 1. Nicht nur der Vorstellungskomplex befindet sich in unserm Bewußtsein, der für die zu gewinnende Erkenntnis wertvoll ist, sondern außerdem sind uns noch eine größere oder geringere Menge anderer Vorstellungen bewußt, welche jenem assoziiert sind, aber mit dem Erkenntnisakt nicht zusammenhängen, sondern ihn erschweren. Bei Neurasthenikern kann das außerordentlich hohe Grade erreichen und sie zum Denken nahezu unfähig machen. 2. Es liegt ein Widerstand zwischen Vorstellung und Erkenntnis, der erst überwunden werden muß. Beim höheren und fortgeschritteneren Denken folgt die Erkenntnis, das Urteil, nicht sofort, blitzartig, automatisch auf das Denkmaterial, die Vorstellungen, wie es bei der Wahrnehmung der Fall ist. Dort bedarf es vielmehr einer gewissen Anstrengung. Die geniale Intuition, die ja ebenso automatisch und blitzartig erfolgt wie das Wahrnehmungsurteil, ist nichts anders als dieselbe Vollkommenheit auf der Stufe der höheren Denktätigkeit. Während aber bei der Wahrnehmung Sicherheit und Verlaß besteht, ist dies bei der genialen Intuition nicht der Fall: sie kommt bisweilen und ein andermal wieder nicht und ist überhaupt nur bei einzelnen besonders hoch konstruierten Gehirnen vorhanden. Im übrigen quält sich der Mensch mühsam von Erkenntnis zu Erkenntnis durch.