Daß die geistige Höhe nicht nur von der Masse des Gehirns, sondern auch von seiner sonstigen Beschaffenheit abhängt, ist ja Tatsache. Anzahl und Tiefe der Furchen spielen eine große Rolle, weil von ihnen die Größe der Oberfläche des Großhirns abhängt, und weil hier der Sitz der höchsten geistigen Fähigkeiten ist.
Die vergleichenden Messungen machen nun, wie schon erwähnt, eine Zunahme der Hirngröße, namentlich im Stirnteil, wahrscheinlich.[40]
Das weibliche Gehirn ist durchschnittlich etwas kleiner als das des Mannes. Browne fand, daß das männliche Gehirn 29,71 Gramm mehr wiegt als das weibliche. Dabei hatte er den Anteil in Abzug gebracht, der auf den Unterschied der Körpergröße zu setzen ist, wodurch bewiesen wird, daß der Unterschied nicht nur ein relativer, sondern ein absoluter ist.[41] Dieser Unterschied tritt nach Rüdinger schon während des Lebens im Mutterleibe auf. Er sagt: »Alle drei Hauptdurchmesser des Gehirns sind bei neugeborenen Knaben größer als bei Mädchen« …[42] Auch die Windungen sind bei weiblichen Gehirnen während des Lebens im Mutterleib bedeutend einfacher als bei männlichen; der ganze Stirnlappen macht daher bei Mädchen den Eindruck der Glätte oder Nacktheit. »Trotz vieler individueller Ausnahmen,« fährt Rüdinger fort, »welchen man sorgfältigere Berücksichtigung zuteil werden lassen muß, kann man die Tatsache, daß ganz verschiedene typische Bildungsgesetze für die Großhirnwindungen der beiden Geschlechter bestehen und schon im fötalen Leben sich geltend machen, nicht bestreiten.«[43]
Sehr bemerkenswert sind die Resultate, zu denen J. Ranke gelangt. Sie beziehen sich auf die altbayerische Landbevölkerung. Nach ihnen ist hier das Gehirnvolumen bei den Frauen im Verhältnis zu ihrer Körpergröße relativ etwas größer als beim Manne bezüglich der seinigen. Jedoch kommt es bei Männern häufiger vor, daß die Hirngröße den Mittelwert überragt, als daß sie hinter diesem zurückbleibt. Anders bei den Frauen: bei ihnen besteht eine Neigung zum Zurückbleiben hinter dem Mittelwert. Ranke sagt: »Das psychische Organ der Männer zeigt also vorwiegend eine das Mittelmaß übersteigende Entwicklung, und die Zahl besonders mächtig entwickelter Gehirne ist relativ viel größer als bei Frauen.«[44]
Ranke findet nun einen Zusammenhang zwischen diesen anatomischen Unterschieden und den geistigen Leistungen der beiden Geschlechter: beim weiblichen Gehirn sind sie »für das Durchschnittsweib etwas höher« als diejenigen des männlichen Gehirns »für den Durchschnittsmann«.[45]
Browne untersuchte das spezifische Gewicht der Marksubstanz des Gehirns an verschiedenen Stellen und fand es überall bei beiden Geschlechtern gleich, nämlich 1044. Das spezifische Gewicht der grauen Hirnrinde aber, »in welcher man den Sitz des Bewußtseins zu suchen hat«, betrug bei Männern 1036-1037 (letzteres in den Stirnwindungen), bei Frauen überall nur 1034.[46]
Ploß schließt mit folgenden Sätzen: »Jedenfalls scheinen uns die bisher aufgefundenen Differenzen wichtig und charakteristisch genug, um auch den eifrigsten Verfechter der Frauenemanzipation aus dem Felde schlagen zu können, besonders da, wie Rüdinger gezeigt hat, diese Unterschiede angeborene und nicht erst im späteren Leben erworbene sind.«[47]
In Vorstehendem haben wir die anatomische Erklärung für die Erfahrungstatsache, daß die höchsten Geistesgaben nur beim Manne vorkommen. – – –
Da es sich für uns um Weiterentwicklung des Menschen handelt, so müssen wir unsere Aufmerksamkeit nunmehr der Frage zuwenden, wie dieser Fortschritt im Geistesleben und am Gehirn statthaben könnte.
Es muß sich um Höherentwicklung der Vernunft als des Inbegriffs des höheren Geisteslebens in allen seinen drei Sphären handeln. (S. die terminologische Auseinandersetzung auf [S. 26]). Anatomisch muß eine weitere Entwicklung der Großhirnrinde dem zugrunde gelegt werden. In ihr haben wir also die anatomischen Bedingungen für den Fortschritt der Menschheit zu höheren und edleren Formen des Daseins zu suchen.