Um in der Terminologie keine Unklarheit aufkommen zu lassen, bemerke ich, daß hierbei Geist in beiden Bedeutungen gemeint ist: als Gegensatz zur Materie und als höheres geistiges Prinzip. Wenn aber die Zurückführung alles Körperlichen auf Geist als auf das an sich seiende Prinzip der Welt gemeint ist, dann ist die zweite Bedeutung die ausschlaggebende: denn der Geist an sich ist der reine Geist im unbedingten, absoluten Sinne, gleichbedeutend mit Vernunft und Logik. Nach der terminologischen Auseinandersetzung muß es jedem klar sein, daß Vernunft nicht Verstand ist: Vernunft umfaßt das ganze Geistesleben, auch das Gefühl, nur ist hierbei aus ihm alles Niedere und Unberechtigte ausgeschieden: Vernunft, Logik und Geist in seiner höheren Bedeutung sind also der Inbegriff des vollkommenen und idealen Geisteslebens in allen drei Sphären, derjenigen der Erkenntnis, des Willens und des Gefühls. Den Sphären entsprechend unterscheide ich denn auch theoretische, praktische und ästhetische Vernunft. – – –
Ist nun der Mensch eine Funktion der Ideen der Vernunft oder des Geistes (jetzt immer in der zweiten Bedeutung gebraucht), dann geziemt es ihm auch, sein Wollen und Handeln mit Geist zu durchdringen, logisch zu gestalten. Wir haben das Ziel und den Weg zu diesem zu unterscheiden. Das Ziel ist Vollkommenheit. Diese also besteht in der völligen Erhebung des Menschen auf die Höhe des Wahren, Guten und Schönen, d. h. in der Verkörperung dieser Ideen in ihm.
Demnach kann ich nunmehr die letzte und genaueste Definition des Zuchtzieles geben: Das Zuchtziel ist die Einbettung des Geistes in den Menschen. Ist somit das Ziel alles Lebens auf der Erde die Verwirklichung von Geist in der Kreatur, dann besteht das vorhin Gesagte zu recht: auch der Weg dazu muß auf die Stufe des Geistes oder der Vernunft projiziert werden. Dies geschieht, wenn der Weg gewählt wird, den ich angegeben habe. – – –
Die Liebe als die schaffende und erhaltende, also dem Gesetz des Lebens entsprechende Manifestation des Geistes, wird auch in einer durchgeistigten und nach logischen Gründen handelnden Menschheit selbstredend bestehen bleiben: sie wird herrlichere Früchte tragen denn je zuvor. Aber auch sie wird auf die Stufe des Geistes projiziert sein. Dann wird sie sich äußern in ihrer Reinheit, nämlich als Selbstverleugnung: Selbstverleugnung der Gatten, überhaupt des Mannes und des Weibes, voreinander – das ist die Liebe zwischen Mann und Weib auf die Stufe der Vernunft übertragen: das ist die Logik in der Liebe der Geschlechter zueinander. Ein erbärmlicher Wicht, der sie in dieser Reinheit für etwas Ärmeres hält als das, was die Menschen jetzt gewöhnlich unter »Liebe« verstehen! – – –
So ist der Mensch und all sein Treiben, alles, was ihn angeht, als ein Ausschnitt aus einem großen System des Geistes restlos begriffen, und dies geschah in drei Aussagen:
1. Der Mensch ist selber ganz eine Funktion des Geistes.
2. Deshalb soll auch sein Wollen und Handeln durchgeistigt, vernünftig sein.
3. Die Liebe äußert sich auf dieser Stufe als Selbstverleugnung.
Der Mensch soll nach allem einsehen, daß die Preisgabe seiner kleinlichen sentimentalen Rücksichten und der Aufschwung auf die Höhe reinen Geisteslebens ihn nicht ärmer, sondern weit reicher machen, das Dasein erst zu wahrem Leben gestalten. Freilich bedarf es dazu einer heroischen Auffassung des Lebens von Mann und Weib und entschlossener Abwendung vom Philistertum, der Hinlenkung auch des Willens auf das Allgemeine und Absolute, auf die wahren Werte der Persönlichkeit.
So möge denn die Blüte der Menschheit unter dem Banner des Geistes über das Philistertum hinwegschreitend den Aufstieg zu größerer Vollendung antreten!