[IV. Das System des Geistes.]

Im Vorausgehenden habe ich eine reinliche Scheidung zwischen geistigen und körperlichen Eigenschaften durchgeführt. Ein solcher glatter Dualismus zwischen Geist und Körper ist überall der Standpunkt der reinen und unverfälschten Erfahrung: als Erfahrung ist er Tatsache: darüber, daß unsere Erfahrung uns nirgends Monismus, sondern auf allen Gebieten den klar ausgesprochenen Dualismus zwischen Geist und Materie gibt, gibt es nichts zu unterhandeln, zu diskutieren. Denn Tatsachen stehen fest.

Für die Psychologie bestätigt James, der mit ungeheurer Strenge beflissen ist, die wirkliche und reine psychologische Erfahrung ohne Beimengungen unseres Denkens zu schildern, diesen Dualismus. Er sagt: »Die Stellung des Psychologen gegenüber dem Erkennen … ist ein durchgreifender Dualismus. Sie nimmt zwei Elemente an, den erkennenden Geist und das erkannte Ding und behandelt sie als nicht aufeinander zurückführbar.« …[63]

Erst wenn man jetzt im Denken hinter die Erfahrung zurückgeht und Metaphysik treibt, kommt man auf das Gebiet der Diskussion, nämlich darüber, ob man das Urprinzip der Welt noch als eine Zweiheit von Geist und Stoff oder als eine Einheit auffassen soll. Im letzteren Fall stehen – allgemein gesprochen – zwei Lösungen zur Verfügung, der materialistische und der idealistische Monismus. Wenn man einmal zur Annahme eines idealistischen Prinzips gelangt ist und dann noch behauptet, es sei unstatthaft, noch Genaueres über dessen Wesen auszusagen, so beruht das auf erkenntnistheoretischer Vornehmtuerei: vielmehr muß es dem gesunden Menschenverstand auf den ersten Blick klar sein, daß ein idealistisches Prinzip der Welt gleichbedeutend ist mit einem geistigen. Das läßt sich auch noch sonst sehr triftig begründen; darüber aber kann ich mich hier nicht verbreiten.

Insbesondere erkenntnistheoretische Erwägungen führen nun zur Annahme eines einheitlichen Weltgrundes, also des Monismus, und zwar des idealistischen oder Monismus des Geistes. Denn der materialistische Monismus spielt zwar in den unklaren Köpfen der Masse noch eine große Rolle, – existiert in der wissenschaftlichen Philosophie aber überhaupt nicht mehr! Windelband z. B. bezeichnet den Versuch, »das Bewußtsein als Nebenfunktion der Materie« aufzufassen, »als Absurdität.«[64]

Es hängen aber alle geistigen Vorgänge im Menschen von der Beschaffenheit des Organs des Geistes in ihm, seines Gehirns ab. Das ist wiederum Erfahrung, also Tatsache; darum habe ich auch an allen Stellen des Vorhergehenden diesen Standpunkt streng festgehalten: er ist ja überhaupt die Voraussetzung für die Nützlichkeit von Höherzüchtung des Menschen in geistiger und sittlicher Hinsicht. Nicht aber erzeugt das Organ des Geistes den Geist: dies ergeben philosophische Überlegungen – und auch Intuition. Diesen Standpunkt habe ich besonders in dem Abschnitt: »Das Organ des Geistes« vertreten: ja, ich habe ihn hier gewissermaßen von der Erfahrung ausgehend von neuem begründet, auf neue Art die alte Wahrheit wieder frisch aufgefunden.

Niemand kann leugnen, daß in dieser Abhandlung zwei streng wissenschaftliche Standpunkte in reinster Harmonie miteinander dastehen: einmal der Standpunkt naturwissenschaftlicher Erfahrung, daß alle geistige Betätigung im Menschen von seinem Gehirn abhängt; das andere Mal der Standpunkt wissenschaftlicher Philosophie und des gesunden Menschenverstandes, daß der Geist und das Bewußtsein an sich sind und nicht im Gehirn erzeugt werden können. – – –

Ist der Monismus des Geistes Wahrheit, dann muß auch der Mensch sich restlos als Geist auffassen lassen, – und das geht in der Tat zwanglos. Doch ist der Gedankengang, der dazu führt, ein unabhängiger und beruht nicht auf der Voraussetzung des Monismus des Geistes. Vielmehr hilft er ihn begründen.

Ich erinnere zunächst an die terminologische Klarstellung ([S. 26]). Dort sahen wir, daß alles Geistige überhaupt aus den drei Grundklassen Denken (Erkennen etc.), Wollen und Fühlen besteht.

Zum Denken gehört das Gebiet der Wahrheit, zum Wollen das des Guten, der Sittlichkeit, des Charakters und der Gesinnung, zum Gefühl das der Schönheit. Denn das Schöne ist Gegenstand des ästhetischen Gefühls. Des näheren ist es das Schöne in Formen, Farben, Tönen und Bewegungen, das den Gegenstand der Ästhetik ausmacht. Alles das aber ist sinnlich wahrnehmbar, nämlich durch unsere zwei höchsten Sinne: Gesicht und Gehör. Das liegt schon in dem Wort Ästhetik.[65] Dann aber ist das Schöne im Menschen nicht nur sein ästhetisches Gefühl, sondern auch seine eigene sinnliche Wahrnehmbarkeit: diese aber wird dargestellt von seinem Leib. Demnach ist der Leib des Menschen eine Offenbarung des Prinzips der Schönheit, also des Geistes, und der Mensch ist restlos begriffen als eine Funktion der drei ewigen Ideen des Wahren, Guten und Schönen. Denn sein Geist (Erkenntnis, Wille, Gefühl) und sein Körper (Schönheit als zum ästhetischen Gefühl gehörig) gehen rein in ihnen auf.[66]