Blutmischungen spielen bei der Entstehung einer vorzüglichen Rasse offenbar eine bedeutsame Rolle. Ich folge Chamberlains Ausführungen hierüber.[61] Darnach ist Vermischung mit nahe verwandten hohen Typen günstig; sie muß aber zeitlich eng begrenzt und dann von strenger Reinzucht gefolgt sein. »Mit zeitlicher Beschränkung,« schreibt Chamberlain, »will ich sagen, daß die Zufuhr neuen Blutes möglichst schnell vor sich gehen und dann aufhören muß; fortdauernde Blutmischung richtet die stärkste Rasse zugrunde« (S. 284). Stehen die sich vermischenden Formen einander fern, so muß vollends die Vermischung eine seltene und von sorgfältigster Reinzucht gefolgte sein. Dies sind die allgemeinen Grundsätze, wie sie bisher zur Bildung der hochwertigsten Rassen geführt haben. Ihre Anwendung auf unser Problem ist natürlich nur unter gewissen sinngemäßen Modifikationen möglich.
Wir dürfen nämlich, um Begriffsverwirrung nicht aufkommen zu lassen, nie unsern leitenden Gesichtspunkt aus den Augen verlieren. Es soll eine neue und höhere Form des Menschen nach besonderen Grundsätzen hervorgebracht werden: die Hauptrichtung der Entwicklung soll weitergeführt werden. Diese Hauptrichtung besteht in der Zunahme der geistigen Fähigkeiten; diese sollen also noch mehr vervollkommnet werden. Außerdem kommt dazu die weitere Entfaltung der menschlichen Körperschönheit als des sichtbaren Ausdrucks des entwicklungstheoretischen Fortschritts. Daraus ergibt sich aber naturgemäß ein freierer und unabhängigerer Standpunkt für die Herkunft des Auslesematerials, der so formuliert werden kann: Wer auch immer an Geist, Charakter und Körperschönheit hervorragt, bildet die Vorstufe der neuen und höheren Form und sei als Auserlesener betrachtet.
Doch habe ich in dem Abschnitt »Die Auserlesenen« angegeben, daß Hoheit des Charakters und körperliche Gesundheit bei guter Durchschnittsintelligenz und Annäherung des Körpers an die Merkmale der Vollkommenheit praktisch als genügend erachtet werden sollen. Darüber bin ich dann im folgenden hinausgegangen, ebenso wie auch die letzte Formel die Ansprüche strenger faßt. Ich bin mir des kleinen Widerspruchs bewußt; doch löst er sich bei sinngemäßer Auffassung dessen, was ich meine, auf. Wir müssen einmal das Optimum, das Ideal klar zeichnen und das andere Mal das zunächst Erreichbare festhalten: das Optimum wäre es, wenn die hervorragendsten Individuen allein als Auserlesene gelten würden. Da es aber zu wenige Individuen von solcher Vollendung gibt und die Durchführung des Postulats auch eine zu große Härte gegen die übrige gesinnungstüchtige Menschheit enthalten würde, da schließlich aller biologische Fortschritt eben durch Entwicklung geschieht, so sehe ich bei der praktischen Forderung von der Durchsetzung des Optimums ab, mache also eine durch die Tatsachen sich als nötig erweisende Konzession. Wenn die Menschheit einmal zielbewußt den rechten Weg überhaupt einschlägt, dann wird es auf diesem allmählich immer mehr der Vollkommenheit und der Erreichung des Optimums entgegengehen.
Die Auserlesenen leben nun nicht räumlich auf bestimmten Teilen der Erde zusammen, sondern können allenthalben in den höheren Kulturvölkern gefunden werden. Demnach erhalten wir folgende Formel für die Herkunft der Varianten: Zerstreut durch die ganze Kulturmenschheit findet sich eine Anzahl geistig und körperlich hervorragender Individuen: sie bilden das Material für die Reinzucht der Vollkommensten.
Diese Forderungen wahren zugleich die Notwendigkeit der Blutmischung und der Reinzucht. Denn nach ihnen werden sich innerhalb der höchsten Kulturvölker Angehörige verschiedener biologischer Rassen zusammenfinden. Das werden aber einander nahe verwandte hohe Formen im Hinblick auf die Merkmale sein, die uns leiten. Diese Eigenschaften kennzeichnen sie als eine Art Rasse für sich trotz ihrer geographischen Zerstreutheit innerhalb aller Kulturvölker. So haben wir bei Innehaltung meiner Grundsätze die Tatsache von Blutmischung in biologischer Hinsicht und von Reinzucht bezüglich der Eigenschaften, die das wahre Wesen echten und höheren Menschentums ausmachen. – –
Nicht zu verwechseln sind Intelligenz, Begabung, Weisheit, Genialität mit Gelehrtheit, nicht Tugend und Güte des Charakters mit bloßer Enthaltsamkeit von Lastern oder gar nur von dem, was zur Zeit gesellschaftlich verpönt ist. Die ersteren sind angeborene Erbwerte, die anderen anerzogene Eigenschaften. Es liegt mir fern, die Sache des Bonzen und des Moralphilisters zu verfechten!
Ebensowenig darf ästhetisches Gefühl mit dem modernen Ästhetentum oder mit dem zusammengeworfen werden, was R. Eucken »ästhetischen oder künstlerischen Subjektivismus« nennt.[62] Wiederum ist jenes vorwiegend ein Erbwert, dieser dagegen eine nachträglich angewöhnte Haltung, und zwar ein Entartungssymptom. Das Ästhetentum soll nach Preisgabe des Idealismus als einer Weltanschauung den unrettbaren Untergang im krassen und öden, doch immerhin noch ehrlichen Materialismus decken.
Da nun die Werte, auf die es uns ankommt, erbliche sein müssen, so kommen sie auch in allen Klassen der Bevölkerung vor, nicht etwa nur bei den sozial höheren Schichten. Doch sind sie innerhalb derjenigen Klassen, die Generationen hindurch einer höheren Bildung und sorgfältigeren Charakterpflege teilhaftig gewesen sind, etwas häufiger vorhanden als in andern. So führen also die Grundsätze der Reinzucht der Vollkommensten nicht zur Beschränkung des Auslesematerials auf die höheren Bevölkerungsklassen. Vielmehr finden sich die geeigneten Varianten in allen Schichten. Deswegen sei hier nochmals der Nachdruck auf den Wert des Individuums gelegt. Wer auch immer tüchtige Erbwerte besitzt, der sei als ein Auserlesener, als die Vorstufe des Heros betrachtet.
[6. Der Instinkt.]
In unserer Tafel der Grundsätze ([S. 24]) ist als letzter noch der Instinkt genannt. Über ihn ist aber nichts Besonderes mehr zu sagen, da er bereits an andern Stellen behandelt worden ist.