Der Knabe wußte wohl, das war Mihintale, das heilige Mihintale, aber nie vorher war er hier gewesen.

An einem lieblichen Weiher, voll von Lotus, vorbei schritt der Mönch auf diesen Berg zu. Die geisterhaften Schrecken des Waldes waren vorüber. Machtvoll wehte der Wind über die Wasserfläche. Von weitem schon winkte eine mächtige Eingangspforte. Durch sie schritt der Mönch; Suriyagoda eng hinterdrein. Sie waren plötzlich wie in einer anderen Welt. Große und kleine Dagobas, Hallen für Gebet und Speisung, heilige Feigenbäume, von Mauern umrahmt, Steintafeln mit Inschriften, Bäder in schön behauenen Stein gefaßt. Zwischen dem allen eine Treppe, deren Stufen große Steinquadern bildeten, flach und so breit, daß wohl vier Elefanten nebeneinander auf ihr gehen konnten. Diese Flucht von Stufen verlor sich nach oben zu im geheimnisvollen Halbdunkel des Urwaldes: die heilige Treppe von Mihintale.


So verlebte Suriyagoda in Mihintale, dem heiligsten Platze, Jahr für Jahr. Früh vor Sonnenaufgang erhob er sich zusammen mit den anderen Klosterschülern. Dann wurde der Hof gefegt, Blüten von den Bäumen geschüttelt, um sie vor dem Buddha-Bilde nieder zu legen. Die Mönche sangen im Vihara, auf der Erde vor dem Buddha-Bilde knieend, Gesänge, die in ihrer Monotonie dem Klange tiefer Glocken glichen; Gesänge zum Preise des Buddha, zum Preise des Gesetzes, zum Preise der Mönchsgemeinde. Hörte der Gesang dann plötzlich auf, so tönte es von den geschlossenen Lippen der Mönche noch ein Weilchen weiter, wie das Nachschwingen in Erz.

Schon früh wurden die Knaben angehalten zum Meditieren über Menschenliebe, über Wohlwollen gegen alles Lebende, über die Allvergänglichkeit, über die Unreinlichkeit alles Körperlichen und über den Tod. Auch mußten sie sich fleißig üben die Gedanken zu regeln durch achtsames Ein- und Ausatmen. Auch die heiligen Schriften wurden gelesen, indem ein älterer Mönch vorsprach und die Schüler nachsprachen, vorläufig freilich ohne Sinn und Bedeutung zu verstehen. Am Abend sangen die Mönche wieder vor dem Buddha-Bild im Vihara.

Wie lieblich aber waren die Festtage an den Neu- und Vollmonden, wenn alle Anhänger kamen, schon früh am Tage, lautlos, in blütenweißen Kleidern, alle Männer, Weiber und Kinder, ganze Körbe voll gelber und weißer Blüten brachten und vor dem Buddha-Bilde aufhäuften, so viel als ob es die ganze Nacht Blumen geregnet hätte; wenn dann alles still niederkniete und ein Mönch die Satzung rezitierte.

Wenn aber abends der ganze Vihara vom Glanz der Lichter strahlte, dann kam es dem Knaben wohl vor, als ob die bewegungslose Ruhe des Buddha-Bildes Leben bekäme. Das Gesicht schien im Ausdruck zu wechseln, die Lippen sich zu regen, die zum Predigen erhobene Hand sich zu bewegen. Eine inbrünstige Ehrfurcht wallte dann im Herzen des Knaben. Er mußte sich Gewalt antun, hier nicht anzubeten, wie er es im Hause seines Vaters gewohnt war. Denn das muß man ja wissen, daß man zu einem Buddha nicht beten kann; daß man ihm nur Dank und Ehrfurcht erweisen kann dafür, daß er den Weg, den er selber gefunden, auch uns, der Welt, gezeigt hat. Es war die mit der Muttermilch eingesogene Gottsucht, die noch in dem Knaben arbeitete und seine Einsicht hinderte.

Am Abend spät begann dann das Predigen, das oft bis tief in die Nacht dauerte. Gepredigt aber wurde von der Vergänglichkeit, dem Leiden, der Wesenlosigkeit aller Dinge; dem Unbefriedigenden, Leiden züchtenden der Lust, dem Segen des Entsagens. Wovon sonst sollte auch wohl ein Mensch dem andern predigen!

Am Tage nachher aber folgte dann das Beichten der Mönche. Mit gefalteten Händen knieten sie vor dem Abte nieder und sprachen mit diesen tiefen, klangvollen Stimmen: