Auf der Brücke, die über den großen Kanal führt, blieb sie wieder stehen. Ihr Auge traf drüben eine Villa, in deren hell erleuchteten Räumen Leute sich bewegten. In diesem Moment fiel wieder ein Gedanke an Lamondts Villa und an ihr Kind in ihr Herz wie der Sonnenstrahl in das unbedeckte Auge. Sie zuckte körperlich zusammen. Ein Gefühl jener großen Öde überkam sie, die ein Mensch nicht ertragen kann. Heimlich, kühl kroch der Gedanke hoch: „Ich kann ja gar nicht mehr leben.“ Sie lehnte sich mit beiden Ellenbogen auf das Geländer, wie einer, der in Ruhe über etwas nachdenken will. Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß sie das Wasser unter sich fixiere, das in der Dunkelheit als gleichmäßig schwarze Fläche dalag. Matt bis ins innerste Herz hinein dachte sie: „Der Weg bis zum Kloster zum Heiligen Herz ist weit. Sollte nicht da unten auch schon Sicherheit sein für mich? Aber was dann mit meiner Tochter? Wird sie nicht denken, sobald sie anfängt zu denken, daß ich in Verzweiflung fortgegangen bin? Wird sie nicht grübeln? Wird sie nicht über mein Schicksal jammern? Wird Lamondt dieses Grübeln nicht fühlen? Wird mein Tod nicht abermals ein Glück zerstören?“ Heftig schlug sie sich auf den Mund: „Schäm’ dich, Heuchlerin!“
Das verlöschende Feuer ihrer Energie flackerte noch einmal hoch auf. Es überkam sie wie eine machtvolle Sucht, vor sich selber die Probe auf die Wahrheit ihrer Gefühle abzulegen. Mit kräftigem Ruck schwang sie sich auf die breite Brüstung. Oben kam ihr der Gedanke: „Werde ich nicht sofort wieder hochtauchen?“ Das Wasser war ihr Element. Sie lächelte fast. „Die Probe aufs Exempel!“ sagte sie leise. Ihre Augen glänzten. Sie war ganz Leben. Mit der rechten Hand raffte sie fest die Kleider zusammen, so daß sie sich eng um die Füße schnürten. Mit der Linken fuhr sie tief in den Busen. So stürzte sie kopfüber hinab. Es war nicht jener schwere, plumpe Fall, sondern man meinte zu hören, wie der Körper den Wasserspiegel durchschnitt.
Als am nächsten Morgen die Leiche unterhalb antrieb, hielt die rechte Hand noch krampfhaft die Kleider umklammert. Die Nägel der Linken aber hatten sich so tief in die rechte Brust gegraben, daß sie nur mit Mühe zu lösen waren.
So starb Helene van Hoeven, weil sie die Wahrheit falsch gesucht hatte. Denn wer die Wahrheit im Bejahen, im Verlangen, im Zugreifen sucht, der sucht sie falsch. Wer sie aber so sucht, der gleicht dem Menschen, der das Messer bei der Schneide faßt: er verletzt nur sich selber.