Vor einer dieser Hütten blieb Frau Savade wie in Gedanken stehen. Die Türen des kleinen Hauses standen weit offen. Niemand war darin, auch niemand in der Nähe zu sehen, nur ein kleines Ding, das noch auf allen Vieren herumkroch, saß im Garten dicht am Rande des denselben durchfließenden Kanales.

Helene konstatierte dieses alles, als ob sie selber dabei interessiert wäre. Sie wunderte sich nicht einmal, daß sie jetzt in ihrem Schmerz Interesse für derartiges habe. Sie wurde immer nachdenklicher. „Auch dieses kleine Wurm,“ dachte sie, „hat eine Mutter. Auch diese Mutter wird ihr Kind lieben, wie eben Mütter ihre Kinder lieben, und doch macht ihr der Gedanke an das einsame Kind und den Kanal, in dem es jeden Augenblick ertrinken kann, sicher keine unruhige Minute. Mich aber würden diese Gedanken Tag und Nacht jagen und mich keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen. Mein Gott, sind denn alle diese Erlebnisse, diese Quälereien, diese Freuden nicht schließlich erst durch uns selbst geschaffen? Schließlich geht doch der Lebensfaden von uns allen nur geradehin von Geburt zum Tode. Und was alles machen wir daraus! — So will ich denn alles fahren lassen und mich in mich selber zurückziehen. Wenn ich mein Kind in Wahrheit liebe, was macht’s dann aus, ob es an der Seite des Vaters oder der Mutter gedeiht.“

Bei diesem Gedanken schien ihr Geist wieder in die Wirklichkeit zurückzuschnellen. „O!“ stöhnte sie leise. Jetzt erst fühlte sie klar und ungemildert die Größe des Schmerzes, den sie vorhin erlebt hatte. Den Kopf tief zur Erde gesenkt schritt sie vorwärts.

Mit der inneren Klarheit kam aber auch die Frage: Was nun tun? — Zu ihrem Manne zurückkehren? In seiner Liebe, seinem Vertrauen Ersatz für die verlorene Kindesliebe suchen? — Sie lächelte bitter. Sie dachte an Lamondts Brief. — Warten und nach einigen Jahren an ihr Kind noch mal die gleiche Frage richten? — Sie lächelte wieder. Diesmal hatte sie eine klare Antwort bekommen. Wenn dann auch die Erwachsene aus Pflichtgefühl mit ihr ging, vielleicht auch aus Mitleid, was hatte sie davon. Sie wollte Sicherheit, Wahrheit. Einen Augenblick durchzuckte sie auch der Gedanke: „Weshalb habe ich mein Kind damals hingegeben. Ich konnte nicht hoffen, es je wieder zu bekommen. Ich hätte bis zum letzten Atemzug wie eine Löwin darum kämpfen sollen.“ Aber gleich dachte sie: „Was sollte mir das Halbe. Ich wollte ja das Ganze. Ich wollte ein Kind, das mich in Wahrheit liebt. Ich wollte sicher sein, daß sie mich in Wahrheit liebt. Und jetzt! Und jetzt! Was ist jetzt sicher? Was ist jetzt wahr?“

Wie suchend ließ sie ihre Augen umherschweifen. Eine entsetzliche Angst überkam sie. Unwillkürlich schlug sie die Hände ineinander und weinerlich, fast wie ein Kind, begann sie:

„O Gott im Himmel! Ich weiß ja nicht, ob ich richtig bete, aber ich muß jetzt zu dir beten, ich muß ja! O hab’ doch Erbarmen mit mir Armseligen. Ich kann nicht mehr. Ich bin so müde. Gib mir doch nur ein wenig Ruhe.“ Sie legte den Kopf an einen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen.

Als sie das Gesicht hob, traf ihr Auge gerade den nackten Sonnenball, der wie eine blutrote Kugel, von lodernden Wolkenfetzen umgeben auf der Erde stand. Er erschien ihr wie etwas Tröstendes und zugleich Drohendes. Starr blickte sie hinein. Plötzlich sagte sie: „In der Nähe von Utrecht liegt das Kloster zum Heiligen Herz. Die Ordnung ist streng, die Lage entzückend. Dort wird Ruhe sein.“

Sie ging schnell vorwärts, wie einer, der durch einen Entschluß gefaßter geworden ist.

In diesen Gegenden folgt die Dunkelheit fast unmittelbar dem versinkenden Sonnenball. Ehe sie zurück in das europäische Viertel kam, war es bereits ganz Nacht. Eben ging sie an einem javanischen Bambushäuschen vorbei. Gleich einem Kasten war es rings verschlossen. Nur durch einen Spalt in der Tür fiel ein Lichtschein. Aus dem Inneren aber tönten die Klänge des Gamelang, melancholisch, geheimnisvoll. Kein anderer Laut regte sich innen. Es war, als ob die ganze Hütte zu Musik geworden, ins Tönen geraten sei.

Helene blieb lauschend stehen. Sie hatte den Gamelang immer so gern gehört. Seine monotone Musik hatte etwas Beruhigendes. „Da sitzen sie jetzt,“ dachte sie, „und lauschen regungslos diesen Klängen. O, sie sind wie die Könige. Ein wunschloses Herz ist ein großes Ding.“ Lange stand sie in Gedanken. Endlich sagte sie leise: „Es ist so! Ich bin falsch gegangen.“