Weinend erwiderte Dora:
„Ach, Mama, wenn wir doch alle drei zusammen bleiben könnten.“
„Du weißt ja, mein Kind,“ sagte Helene sanft, „daß das nicht möglich ist. Geliebtes Kind,“ fuhr sie nach kurzem Schweigen mit etwas zitternder Stimme fort, „ich will Dich nicht quälen. Ich weiß. Ich sehe. Aber um eines bitte ich Dich herzlich, mein Kind: Sag mir, weshalb Du Dich entschlossen hast, Deine Mutter zu verlassen?“
Und in der vollen, unbarmherzigen Aufrichtigkeit des Kindes erwiderte Dora:
„Weil Du Dir einen neuen Papa genommen hast. Papa hat sich keine neue Mama genommen.“
Wie in sich zusammengesunken stand Helene regungslos. Einen Augenblick schien es, als ob sie den Mund öffnen, auf die Worte ihres Kindes reagieren wollte. Dann drehte sie sich langsam um und verließ lautlos, wie in Gedanken das Zimmer.
Geängstigt blickte ihr Dora nach, aber sie rief nicht, sondern ließ ihre Mutter gehen. Sie wußte nicht, wohin dieselbe wollte, und wartete daher auf ihre Rückkehr, um Abschied zu nehmen. So saß sie wohl an zwei Stunden. Die javanische Dienerin im Vorzimmer schlief längst den Schlaf des Gerechten. Jetzt ging die Sonne unter. Es wurde dunkel. In ihrer Angst begann Dora zu weinen. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Denn daß sie ihre Mutter nie wiedersehen würde, wenn sie sie jetzt nicht noch einmal sähe, war ihr klar. Plötzlich ertönten laute Schritte draußen und Lamondt riß heftig die Tür auf. Mit einem „O, mein Kind!“ schloß er seine Tochter fest in die Arme. Es lag in diesen Worten die ganze Welt von Angst und Qual, die er in diesen Stunden um sein verloren geglaubtes Kleinod ausgestanden hatte.
Während dessen war Frau Savade aus den Pforten des Hotels hinausgewandert. Es lag wie ein Nebel auf der Welt, auf ihr, auf ihrem Denken. Nur durch diesen Nebel hindurch fühlte sie gleichsam wellenweise das ungeheure Weh, das sie soeben betroffen hatte.
Nachdem sie einige Zeit planlos das Europäer-Viertel durchwandert hatte, geriet sie in die javanische Vorstadt, wo diese zierlichen, sauberen Bambushäuschen aus Kokos, Areka und Bananen hervorlugen, Bilder des Friedens und der Anspruchslosigkeit.