Noch nie in ihrem Leben war Helene so sehr in Verlegenheit gewesen, womit sie ihre Zeit hinbringen solle, als am folgenden Tage. Nach der Reistafel, die um 1 Uhr gehalten wird, legte sie sich etwas nieder. Gegen 3 Uhr hielt es sie nicht länger. Sie kleidete sich an und machte trotz der ungewöhnlichen Zeit einen Spaziergang. Vielleicht traf sie bei ihrer Rückkehr ihr Kind schon bei sich an.

Als sie wieder am Hotel ankam, sah sie tatsächlich einen Wagen im Hof stehen, der ihr der Lamondts zu sein schien. Klopfenden Herzens schritt sie schnell ihrem Zimmer zu. Sie fühlte, in der Ruhe hätte sie dieses alles gar nicht aushalten können. Das energische Sichbewegen gab ihr Kraft.

Im Vorzimmer saß die Dienerin, die mit ihrer Tochter gekommen war. Helene schritt schnell vorbei ohne abzulegen. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer und flog ihrem Kinde entgegen. Aber ihr geschärfter Instinkt ließ sie schon aus der Umarmung Doras eine Unsicherheit herausfühlen. Schon in diesem Moment witterte ihr ahnendes Mutterherz, welche Antwort sie auf ihre große Frage erhalten würde. Aber sie konnte dieses nicht gleich mit dem Verstande erfassen, sich klar machen. Es stand wie etwas Ungeheures, Unbestimmtes vor ihr, an dem sie nicht hoch blicken konnte, das sie noch nichts anging.

So begann sie, nachdem die Liebkosungen und die einleitenden Fragen abgetan waren, in völliger Ruhe:

„Dora, mein Liebling, Dein Vater hat Dir gesagt, weshalb Du hast hierher kommen müssen.“

„Ja, Mama.“

Helene hatte den Arm um die Taille ihres Kindes geschlungen und sah liebreich in das zarte Gesicht mit den dunklen Augen. Es waren Lamondts Augen. Sie fühlte, daß in diesem jugendlichen Herzen kein Zug zu ihr, der Mutter hin bestand. Sie fühlte das Steife, Unnachgiebige der jungen Glieder. Sie fuhr fort:

„Hast Du schon Deinen Entschluß gefaßt, mein Kind? Willst Du lieber mit Deiner Mutter gehen, oder lieber bei Deinem Vater bleiben?“