Was Helene damals gedacht hat, wußte sie wohl selber nicht. Wahrscheinlich genoß sie nur die Seligkeit der Ruhe.

Um diese Zeit war es auch, daß ihr jenes Buch wieder einfiel, das ihr Mann ihr an jenem Abend nach der Musik gegeben hatte. Sie fing jetzt an, darin zu studieren und zwar in jener glücklichen Gemütsverfassung, die es ihr ermöglichte, den neuen Gedankenreihen vorurteilslos zu folgen.

So begann sie denn, sich in jene erhabene Lehre vom Leiden der Welt zu versenken. Ihr war, als ob bei jenem ehernen Satz „Alles Leben ist Leiden“ eine Saite in der tiefsten Tiefe ihres Herzens mitschwinge. Ihr Verstand erlaubte es ihr wohl, jener tiefen Lehre vom „Werden“ zu folgen, die alles, auch die eigene Körperlichkeit zu einem Wechselnden, ewig Entstehenden, ewig Vergehenden macht, zu einem Ding gleich der flackernden Flamme. Ja sie war imstande, ohne Empörung jene vom Buddha gelehrte Radikal-Kur zu prüfen und über das Ungeheuerliche derselben nachzudenken. „Alles aufgeben, allem entsagen ist freilich fürchterlich“ dachte sie. „Der Satz ‚Wer nichts Liebes hat, der hat auch nichts Leides‘ mag wohl dem Neuling empörend klingen. Aber heißt das schließlich nicht den Menschen menschlich nehmen, als Mensch dem Menschen menschlich raten? Könnte es nicht sein, daß lediglich im Meiden, im bedingungslosen Entsagen Sicherheit für den Menschen liegt?“ Sie dachte an jenen Musikabend. War ihr damals nicht das Entsagen als etwas Erhabenes, Königliches erschienen? Sie erkannte wohl, daß die Größe und Noblesse der buddhistischen Lehre darin ruhe, daß man auf Grund von Vernunftschlüssen allem, selbst seinem eigenen „Ich“ zu entsage wage, um jener gesicherten, ewigen Ruhe willen, wie sie notgedrungen folgen muß, wenn alles Wünschen und Wollen für immer ausgelöscht sind. Sie erkannte klar, daß dem eigenen „Ich“ nur entsagt werden könne, wenn nichts Ewiges, Göttliches anerkannt werde, wenn alles im Joche der Notwendigkeit liefe ohne Anfang, ohne Ende, ohne Fortschritt. War das aber richtig, wo hinaus ging es dann mit jenen Idealen, deren Dienst sie ihr bisheriges Leben gewidmet hatte? Waren sie nicht gerade das Unwandelbare, das Ewige in der Flucht der Dinge; das was sich mit fortschreitender Entwickelung der Menschheit immer klarer, immer schöner zeigte? Mit einem Wort: Waren sie nicht der Ausfluß des Göttlichen?

Ruhig, ohne Gedankenqual wog sie beide Möglichkeiten auf ihre innere Wahrscheinlichkeit hin ab. Was für Beweise gab es eigentlich für die Existenz jener Menschheits-Ideale? Waren sie nicht schließlich auch nur bedingt, Produkte unseres Gehirns und als solche hin- und herschwankend mit der Tätigkeit dieses Gehirns, gleich Schatten, die mit der Beleuchtung schwanken. Wie anders hatte sie vor Jahren auf diese Ideale geblickt, als jetzt. Wie war das aber möglich, wenn es sich um etwas wahrhaft Göttliches handelte? Sie hielt innerlich Umschau. Sie sah nirgends einen Halt, nirgends eine Sicherheit. Der wahre Glaube war nie in ihr gewesen. „So wäre ich vielleicht Irrlichtern gefolgt, Phantomen, und das Wahrhafte, die Sicherheit läge allein im Entsagen? Wie sicher muß derjenige leben, der allem entsagt hat!“ Es überkam sie plötzlich wie Klarheit, daß eine Frau, die aus dem Schutz ihrer Familie heraustritt, nur den Weg der Sicherheit, das heißt des Entsagens gehen dürfe. Ihr war, als ob sie den Grund für die Wirrnisse ihres Lebens erkenne, weil sie vorwärts gegangen wäre, zugegriffen hätte. „Ich bin schon weit auf dieser Bahn vorgegangen,“ dachte sie. „Wie wäre denn jetzt noch Abhilfe zu schaffen? — Dadurch, daß ich allem entsage, auch meinem Kinde; daß ich stehenden Fußes zurückkehre, von wo ich gekommen bin und ein Leben der Wunschlosigkeit beginne.“ Sie nickte still. „Das wäre wohl für alle das Beste, auch für Savade. Wie einfach sich alles gibt, wenn man den Mut hat zu entsagen. Ja, wenn —.“

In Batavia angekommen mietete sie sich in einem jener Hotels in der Nähe des Königsplatzes ein. Sie hatte von ihrem Zimmer die gewaltige Aussicht auf die Bergriesen der Preanger Landschaft. Auch von ihrem Zimmer in Lamondts Haus hatte sie diese Aussicht gehabt.

Sie saß den ganzen Tag in einer Art Unentschlossenheit. Zum Abend endlich nahm sie einen Wagen und fuhr hinaus zu ihrem früheren Hause. Sie ließ in weitem Bogen um dasselbe herumfahren, aber sie konnte doch gut Lamondt erkennen, der Arm in Arm mit Dora im Garten spazieren ging. Sie fühlte einen wehen Schmerz am Herzen, aber sie konnte sich nicht enthalten, wieder und wieder hinzusehen. Sie staunte, wie sehr Dora sich in diesen zwei Jahren entwickelt hatte. Sie sah aus der Ferne fast wie eine Dame aus.

In ihr Hotel zurückgekehrt, setzte sie sich an den Schreibtisch. Sie schien immer noch unentschlossen. Endlich brachte sie folgenden Brief zu Papier:

„Mein Herr!

Sie wissen, daß der oberste Gerichtshof mir endgültig das Recht auf unsere Tochter zugesprochen hat. Ich bin heute hier angelangt, um meine Rechte, wenigstens in gewissem Sinne, geltend zu machen. Denn da ich meine Tochter wahrhaft liebe und ihr Glück höher stelle als das meinige, so bin ich entschlossen, ihr die freie Wahl zu lassen, ob sie es vorzieht, mit ihrer Mutter zu gehen, oder bei Ihnen zu bleiben. Ich bitte Sie, zu diesem Zweck das Kind morgen nachmittag gegen 4 Uhr in dieses Hotel zu schicken, damit ich sie fragen kann. Denn deswegen bin ich selber von Holland hergekommen und das ist das Einzige, was ich mir ausbedinge. Ich hoffe, daß Sie mit ebenso ehrlichen Waffen kämpfen, als ich es zu tun entschlossen bin.

Helene Savade.“