„Fast hätte ich es wieder vergessen. Ich wollte es Dir vor dem Konzert schon geben. Ich habe heute ein Buch bekommen, das Dich auch interessieren wird. Es geht freilich nach einer ganz anderen Richtung als der, die wir bisher verfolgt haben. Aber ich kann mir wohl denken, daß es imstande ist, manche Leere zu füllen und manch unruhiges Herz ruhig zu machen. Es lehrt die Seligkeit im Entsagen finden.“
Helene hatte anfangs gleichgültig zugehört. Bei dem Wort „Entsagen“ merkte sie auf. Nie in ihrem Leben hatte dieses Wort, dieser Gedanke als etwas sie Betreffendes ihren Weg gekreuzt und heute stellte er sich ihr zweimal entgegen. Wie eigentümlich! Neugierig blickte sie auf das Büchelchen, das ihr Mann ihr hinhielt. „Der Buddhismus“ las sie. Es kam ihr vor wie eine geheimnisvolle Botschaft von einer ihr unbekannten Seite her. „Hier heißt es umdenken,“ fuhr Savade fort. „Von all den Idealen, in denen wir bisher gelebt haben, bleibt hier auch nicht ein Stein auf dem andern. Alles stürzt hier. Aber es ist mein Weg nicht.“ Damit gab er seiner Frau das Buch in die Hand. Sie nahm es an sich, fest entschlossen, es durchzuarbeiten, sobald die geeignete Zeit sich dazu böte.
Der Prozeß hatte jetzt schon weit ins zweite Jahr hinein gedauert. Endlich erfolgte das Urteil. Der oberste Gerichtshof stieß die in erster Instanz erzielte Entscheidung um, und Helene kam endgültig in den Besitz ihres Töchterchens. In der Nacht nach diesem Tage hatte sie zum ersten Mal seit vielen Monaten einen sanften Schlaf.
Savade hatte jetzt aufs neue Gelegenheit, sich über sein Weib zu wundern. Sie selber wollte nach Java gehen und ihr Kind holen. Aber sie schien sich gar nicht übereilen zu wollen. Sie müsse erst ihre Reisevorbereitungen treffen, meinte sie. So gingen volle zwei Monate darüber hin, ehe sie sich in Antwerpen einschiffte. Vor ihrer Abreise teilte sie ihrem Mann ihren Entschluß mit, das Kind nicht mit Gewalt von Lamondt fortzureißen, sondern ihr den freien Willen zu lassen, ob sie mit ihrer Mutter gehen wolle oder nicht. „Wie brav, Helene, wie brav!“ rief Savade und umarmte sie mit jugendlicher Zärtlichkeit. „Will’s Gott, Helene, so haben wir ein frohes Wiedersehen und alles wird gut.“
„Ja, will’s Gott!“
Unbegreiflicherweise hatte sich ihrer die feste Idee bemächtigt, ihr Kind würde, reifer geworden, freiwillig die Seite der Mutter wählen.
Die Fahrt um die spanische Küste und im Mittelmeer war stürmisch. Sie hatte viel unter Seekrankheit zu leiden. Es war im Januar, als sie diese Reise antrat. Mit dem Eintritt ins Rote Meer aber begann eine köstliche Zeit. Die Milde der Luft, die Pracht der Sonnenauf- und -untergänge entzückten immer wieder aufs neue. Sie befand sich damals in einem Zustand innerer Ruhe, über den sie sich selber wunderte. Oft fragte sie sich: „Wie ist es nur möglich, daß ich alle diese Schönheiten genießen kann?“
In der Äquinoktial-Zone saß sie meist die halben Nächte allein auf dem Vorderteil des Schiffes, ließ sich von diesem lauen, starken Wind durchwehen und sah still auf die Wunder unter sich und über sich, das immer wechselnde Meeresleuchten und die stille Pracht des gestirnten Himmels. Völlig majestätisch waren diese Nächte, wenn jene mächtigen, am Horizont lagernden Gewitterballen sich schweigend ihre Grüße herüber und hinüber sandten.