Einige Zeit nach diesem Vorfall besuchte eine berühmte deutsche Kapelle auf ihrem Wege nach Ostende auch Utrecht und gab hier ein Konzert. Die beiden waren in Sachen des Prozesses gerade in der Stadt und besuchten das Konzert. Helene hatte seit ihrer Übersiedelung nach Java fast keine Musik mehr gehört und vorher nicht sehr viel. Die ersten Nummern des Programmes ließen sie kalt. Die letzte Nummer des ersten Teiles war Beethovens Es-dur-Konzert.

Sie erwachte wie aus einem Schlaf bei den gewaltigen Schlägen, mit denen dieses kolossalste aller Konzerte einsetzt. Weit geöffneten Auges starrte sie auf Orchester und Solisten. Ihr Staunen wuchs, als jetzt das Thema einsetzte, ganz Mark, ganz unwiderstehlicher Entschluß. Sie hatte das Gefühl, als ob hier etwas Übermenschliches an den Pfeilern der Welt rüttelte, seine ungeheure Kraft bis zum Äußersten anspannte in diesem vergeblichen Kampf. Sie wurde mitgerissen wie in einem Wirbelwind. Ihre Augen glänzten. Sie atmete stürmisch. Bei jenen gewaltsamen, lang anhaltenden Fortes spannte sie unwillkürlich die Muskeln. Das waren die Höhepunkte dieses Titanenkampfes. Sie atmete erleichtert auf, wenn sie aus dem Tosen des Unwetters in eine jener Windstillen geriet, die mit ihrer bezaubernden Lieblichkeit das Herz des Hörers gefangen nehmen. Sie war fast ermattet, als der erste Satz beendet war, als dieses gewaltige „Ich will“ in mächtigen, geordneten Schlußakkorden sich gleichsam freiwillig zur Ruhe begeben hatte.

Und jetzt dieses himmlische Adagio. Als ob die Engel aus der Höhe das Heilig! Heilig! riefen. Sie schloß die Augen. Sie merkte gar nicht die Tränen, die langsam über ihre Wangen rollten. Ihr war, als ob sie ihre Körperlichkeit nicht mehr fühlte. Von einer inneren Seligkeit wurde sie überwältigt, gleichsam hochgehoben. „Wie kann Musik nur so rein sein“ dachte sie. „Muß hier nicht jeder Wunsch ersterben. Können solche göttliche Harmonien nicht nur einem solchen entquellen, der selber wunschlos ist, der entsagt hat?“ Plötzlich durchzuckte es sie wie ein Licht. „Ist Entsagen nicht vielleicht das Höchste?“

Jetzt setzte resolut der dritte Satz ein, um sich schnell zu jener Anmut und Heiterkeit aufzuschwingen, die nicht von dieser Welt sind. „So mag wohl einer jauchzen,“ dachte Helene, „der allem Wünschen entsagt hat.“ Wieder war ihr, als ob sie sich gleichsam aus ihrer Körperlichkeit hochhebe. Sie verharrte in einem Zustand von Verzückung, bis sie mit den letzten Schlägen des Orchesters schwer aus ihrer Sonnenhöhe herabstürzte. Armer Ikarus oder glücklicher Ikarus?

Hastig erhob sie sich. „Wir wollen gehen,“ sagte sie zu ihrem Mann.

„Es ist ja erst der erste Teil zu Ende.“

„Ich muß gehen.“

Der hatte die Tränen im Auge seines Weibes gesehen. Er verstand.

Zu Hause angelangt, sagte er plötzlich: