„O, ein wundervoller Trost!“ Ein Weilchen lag sie regungslos, dann richtete sie sich im Bett auf, daß ihr die Haare ins Gesicht flogen.
„Mein Gott im Himmel, was für ein Leben! Wer erbarmt sich! Ist denn dieses Leben überhaupt noch einen Tag zu ertragen!“ Sie griff sich mit der Faust in die Haare und begann leise zu stöhnen. In der Dunkelheit konnte man sie für eine Schwerkranke halten.
Savade wartete ein Weilchen, dann begann er wieder:
„Helene, mein Ton mag vielleicht nicht der richtige gewesen sein, aber ich frage Dich noch mal: Was haben Leute wie wir, die ihr Leben mit Bewußtsein zu leben versuchen, für Trost? Die anderen helfen sich mit Selbsttäuschungen von Tag zu Tag hin. Was bleibt uns aber anderes, als die Dinge mit ruhigem Mut anzuschauen und in verständigem Sichfügen Trost zu finden?“
„O gewiß, gewiß! Das sind schöne Worte, aber sie gelten nur bis zu einer gewissen Grenze des Unglücks. Wird diese überschritten, so ist nichts mehr mit Denken einzuhemmen. Ich wenigstens kann es nicht. Denn es kommt alles darauf an, wie das Leiden aufgefangen wird.“ Sie benutzte dieselben Worte, mit denen er sie am Hochzeitstage getröstet hatte. „Wenn Du wüßtest, wie mein Herz jeden leisesten Stich auffängt. O, ich bin wie — nun gut! nun gut! Da giebt es freilich andere Leute, Leute wie diesern Herrn Lamondt. Die essen gut und schlafen gut und lassen Gott einen guten Mann sein. Außerdem sind sie noch tadellose Familienväter und vollkommene Ehrenmänner; freilich so lange alles gut geht. Wenn aber die Zeiten der Trübsal kommen, was tut dieser wackere Lamondt? — Er schießt mit vergifteten Pfeilen wie die Wilden in Sumatra. Er fragt sich nicht: ‚Ist es gerecht, so zu handeln? Sind meine Anklagen wahr?‘ Nein! Wie ein Barbar vergiftet er ein Familienglück, weil er es nicht mit genießen kann. Ach, hättest Du doch den Brief gegeben. Alles ist dahin, zerknickt, zertreten, seit diesem Brief. Sechs Wochen nur sind wir Mann und Weib gewesen. Ach, als Du damals aus meinem Zimmer gingst — mein Herz blutet seit diesem Tage. Freilich Lamondt ist und bleibt ein Ehrenmann, aber Schmach und Schande auf sein Weib. O, es ist eine wunderbare Gerechtigkeit in der Welt.“ Jetzt freilich macht jeder ein ernsthaftes Gesicht: „Bedenken Sie, daß Sie vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden reden. Hat die Bekanntschaft mit Herrn Savade nicht doch auf die Scheidung von Herrn Lamondt einen Einfluß geübt?“ Sie äffte den Richterton nach. „Als ich aber damals mit Lamondt vor den Altar trat, da sagte niemand zu mir: ‚Bedenke, daß Du vor Gott dem Allmächtigen stehst. Bist Du dir klar darüber, daß dieser Lamondt der rechte für Dich ist?‘ Und wenn man mich gefragt hätte, ich hätte sagen müssen: ‚Ich weiß es nicht.‘ Denn ich war ja ein Kind. Und als ich verständig wurde, und mein Verstand seine Forderungen stellte, da gab mir Lamondt Steine statt Brot. Um dem geistigen Hungertode zu entgehen, ging ich davon.“
Sie schwieg erschöpft. Die letzten Sätze hatte sie vor übermäßiger Erregung fast schreiend hinausgestoßen.
„Helene,“ begann jetzt ihr Mann und griff sacht mit seiner Hand nach ihrem Bett hinüber, um ihre Hand zu suchen, „hör’ mich jetzt an. Ich bin schuldig, ich weiß es und bin bereit, meine Schuld gut zu machen.“
Hastig fiel sie ein: „O, laß jetzt nur, laß nur! Jetzt hat nur eines für mich Wert: Wie ich vor meinem Kinde bestehen werde.“
Verletzt schwieg Savade still. So verdarb sich Helene abermals ihr Lebensglück.