Mit Doras Abreise schien auch Helenens Ruhe dahin zu sein. Sie war beständig in gereizter oder gedrückter Stimmung. Und das steigerte sich, je weiter dieser zweite Prozeß vorrückte, der sich vor der obersten Instanz des Landes abspielte. Jene wunderbare Seelengemeinschaft, in der sie mit ihrem Manne in den ersten Wochen ihrer Ehe gelebt hatte, war ganz dahin. Jenes Hochsteigen aus dem Dunst der Alltäglichkeit, jenes Weilen hoch oben in erhabenen Regionen, jene unvergleichliche Wonne des gemeinsamen Genießens solcher erhabenen Augenblicke — das alles war dahin, sei es, daß Lamondt’s Brief immer noch wirkte, sei es, daß die Wirken des Prozesses alles geistige Leben zerstörten.
Hinzu kam, daß bei diesem Prozeß eine Hauptrolle die Frage spielte, ob Helene durch die Bekanntschaft mit Savade bewogen worden sei, ihre Ehe mit Lamondt zu lösen. Es war ihr fürchterlich, sich hierüber Fremden gegenüber äußern zu müssen. Sogar ihr Briefwechsel mit Savade wurde einer Durchsicht unterzogen. Helene unterwarf sich allem aus Liebe zu dem Kinde und im Bewußtsein ihrer Unschuld. Aber jene hohen, idealen Gedanken erschienen ihr dadurch beschmutzt, von den Fingern anderer Leute begriffen. So vermied sie es jetzt, sich mit ihrem Manne auf solche Gegenstände einzulassen. Sie war wie jene noblen Tiere, die zu ihrer Beute nicht mehr zurückkehren, wenn sie merken, daß niederes Wild daran genagt hat.
Nun ist keine Qual der Welt ganz groß, so lange der Mensch schlafen kann. Aber dieser höchste Trost eines gequälten Herzens ging Helenen jetzt auch verloren. Nächte lang wälzte sie sich ruhelos auf ihrem Lager und entschlummerte sie endlich, so warteten gleich Wegelagerern schwere Träume auf sie, um sie zu ängstigen.
Eines Nachts träumte sie, daß sie in ihrem Haus in Batavia wäre. Lamondt, als Blindekuh verkleidet, tappte auf dem Rasen umher. Sie selber und Savade standen sich umschlungen haltend vor ihm, lachten über ihn und küßten sich. „Das ist nicht wahr!“ schrie sie laut im Schlaf, so laut, daß sie selber davon erwachte. Sie hörte noch das „wahr“, wie von einer fremden Stimme ihr zugeschrien.
Auch ihr Mann erwachte davon.
„Was ist denn, Helene?“ fragte er erschrocken.
„O, ich habe nur geträumt.“
„Mit Deinen Träumen, das ist ja förmlich krankhaft geworden.“ Er hatte einen anstrengenden Tag gehabt und sich nicht ganz wohl zu Bett gelegt. Bei dem Schrei seiner Frau war er mit einem Nervenschreck aufgewacht. Etwas ungeduldig fuhr er fort:
„Ich verstehe nicht, wie Du so wenig geistige Hilfsquellen in Dir selber findest, daß Du in allen diesen Situationen nicht besser Herr Deiner selbst bleibst.“