Wie der Mönch Suriyagoda in weltlichem Stande geheißen habe, ehe er in den Orden des Erhabenen getreten war, dessen wußte sich niemand mehr zu entsinnen. So lange lebte er schon im Orden. Auch über sein Alter wußte niemand etwas sicheres. Kopf und Gesicht trug er stets glatt geschoren, auch seine Haltung war stets aufrecht. Trotzdem behaupteten manche, daß er das achtzigste Lebensjahr längst überschritten habe, und daß es die Strenge und Leidenschaftslosigkeit seines Lebenswandels sei, die ihn über das Alter siegen lasse.

Er war von einer wahrhaft vollendeten Magerkeit, und sein Auge leuchtete in einem so gleichmäßig milden und doch so starken Glanze, daß alle, die ihm nahe kamen, eher einen verklärten Geist als einen unreinen Körper zu sehen meinten.

Auch stand er längst im Geruche, die Arahatschaft erreicht zu haben, zur Einsicht gekommen zu sein: „Dieses ist meine letzte Geburt; nie wieder werde ich auftauchen im Strudel des Samsara.“ Er selber freilich hatte nie auch nur eine Andeutung darüber gemacht. Denn daß einer sich seiner höheren Einsichten rühmt, anderen oder sich selber gegenüber, das gibt es nicht im Orden des Erhabenen.

Seine Klause lag abseits von den anderen, auf dem Wege zum At-Vihara, und wenn die Gläubigen an Mahasāya-Dagoba angebetet hatten und zum At-Vihara hinaufgingen, so pflegten sie auch vor seiner Schwelle Blüten vom Tempelbaum niederzulegen. So groß war der Ruf seiner Tugend und Weisheit.

Mit Suriyagodas Erwachen war es merkwürdig zugegangen. Freilich ist das innere Erwachen der Menschen stets das Merkwürdigste des ganzen Lebens, aber selbst die ältesten Theras wußten sich niemandes zu erinnern, bei dem das Erwachen so früh eingetreten war wie bei ihm. Auch die Umstände, unter denen sich alles ereignet hatte, waren einigermaßen merkwürdig. Der Eine erwacht wohl, wenn er einen kranken Menschen, ein zu Tode getroffenes Tier sieht; ein Anderer, wenn er sinnend sitzt und den Wind in den Blättern säuseln hört; wieder ein Anderer, wenn er eine Flamme züngeln, ein Licht verlöschen sieht; die meisten freilich, wenn sie, nach dem Almosengange zurückgekehrt, sich an einem stillen Orte niederlassen, die Beine gekreuzt, den Körper gerade aufgerichtet und der Einsicht pflegen, wie sie vom Buddha belehrt worden sind. So trifft es den Einen so, den Andern so, je nach den Vorbedingungen. Mit dem ehrwürdigen Suriyagoda war alles folgendermaßen zugegangen:

Er war wiedergeboren worden in das Haus eines reichen Brahmanen, der von Süd-Indien arm herübergewandert war nach Lanka und in Anuradhapura in Diensten des Königs stand, weil er einiges konnte, was die eigenen Untertanen des Königs nicht konnten.

Dieser Mann wohnte in der Nähe des Tempels, den man schlechthin den Pfau-Tempel nannte, nicht weit vom heiligen Bo-Baume, dem täglich ungezählte Scharen von Anbetern ihre Ehrfurcht erweisen. Er selber freilich hielt fest am Glauben seines Heimatlandes, in dem man Shiva anbetete. Er verachtete das Gesetz des Buddha und nannte es eine vergrübelte Narrenlehre, weil er es eben nicht verstand. Die Mönche aber im Orden des Erhabenen nannte er „kahlgeschorene Pfaffen“. Deswegen geschah es nie, daß diese auf ihrem täglichen Almosengange vor seiner Tür stillstanden, um Gabe in Empfang zu nehmen.

Eines Tages nun kam ein fremder Bhikkhu durch Anuradhapura, um in Mihintale am Mahasaya-Dagoba Ehrfurcht zu erweisen.

Das war so gekommen:

Seit vielen Jahren lebte er fern im Süden in Tissamaharama, ernsthaft, enthaltsam, innig bemüht um Einsicht. Denn das sieht ja jeder Nachdenkliche bald, daß Leben zwecklos ist, und hat es Zwecke, daß sie von uns hineingelegt sind; also wozu das Ganze, wozu? Antwort gibt nur der Tathāgata.