„Sie dürfen nicht denken, daß meine Tochter über solche Reden erschrickt. Sie gehört zu den weiblichen Wesen, welche denken. Und sobald man anfängt zu denken, hat der persönliche Gott ausgespielt.“

Wieder blickte ich erwartungsvoll zu unserer Gefährtin hinüber.

Die schien die letzten Worte des Alten nicht zu hören. Sinnend sah sie über den See hin; die kräftigen Lippen schienen einander kaum zu berühren und glichen den sich öffnenden Kelchblättern einer Blume. Es war, als ob sie auf etwas aus der Unendlichkeit her lausche. Ich hatte nie ein reineres, schöneres Mädchengesicht gesehen.

Langsam, wie bei jedem Worte überlegend, sagte sie mit einer merkwürdig klaren, wohllautenden Stimme, die etwas gesangartiges hatte:

„Ich denke immer, wenn es einen Gott gäbe, so müßte auch jedes Wesen es wissen, aus sich selber wissen, und es könnte ein Zweifel überhaupt gar nicht möglich sein. Diese Möglichkeit, an Gott zu zweifeln, ist eine Tatsache, die mich immer wieder stutzig macht, über die ich gar nicht hinwegkommen kann.“

„Wie tief Sie gedacht haben!“ sagte ich mit ehrlichem Staunen.

„Ich weiß nicht, was Sie ‚tief denken‘ nennen. Meinem Gefühl nach ist es einer jener Gedanken, die so auf der Oberfläche liegen, daß allein dieses der Grund sein kann, warum alles darüber hinweggeht.“

Nicht gewöhnt, meine Gefühle zu verstecken, sah ich ihr mit so unverhohlener Bewunderung in die Augen, daß sie leicht errötete.

Mit diesem Moment schien es wie ein eisiger Reif auf unsere Unterhaltung gefallen zu sein. Das Mädchen saß verstummt da; der Alte sah plötzlich frostig und unnahbar aus. Hätte ich nicht vorher schon, im Laufe des Gespräches erfahren, daß beide gleichfalls in Mailand wohnten — sie hatten einen der kleinen, mir wohlbekannten Vororte genannt — so würde ich jetzt wohl nichts mehr erfahren haben.