Seit ich dieses an mir selber erlebt hatte, gebe ich mir gar keine Mühe mehr, jene merkwürdige Umwandlung, die Paulus auf seinem Wege nach Damaskus befiel, zu „erklären“. Es gibt derartige Umwandlungen, die wie der Blitz aus heiterem Himmel den Menschen überfallen, und jeder Versuch, solche Erlebnisse aus gewissen Vorstadien herleiten zu wollen, führt zu Absurditäten. Es ist eben so und wir müssen uns fügen, ebenso wie wir uns der Tatsache fügen müssen, daß wir überhaupt da sind.

Der Alte hatte, während wir die losen Blätter aufsammelten, mein Buch vom Boden genommen und den Titel gelesen.

Wie mir schien, mit leisem Lächeln fragte er:

„Interessiert Sie dieses?“

Damit hatte das Phrasenmachen ein Ende und das Gespräch begann. Wir sprachen lebhaft, ununterbrochen; wir kamen zur Landungsbrücke, in deren Nähe das Hotel der beiden lag — sie waren auch nur auf Besuch hier — wir gingen sprechend ein Stück zurück, dann in der anderen Richtung am alten Stadtturm vorbei, die Landstraße entlang. Die Sonne ging unter; es fing an zu dunklen; schließlich bat mich der Alte, mit ihnen zusammen im Garten des Hotels das Abendessen zu nehmen.

Was wir sprachen? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß nur, daß ich mich in einem Hochgefühl befand, das mich geneigt machte, meine Ansichten in einer übertrieben scharfen, fast übermütigen Weise geltend zu machen. Ich fühlte, daß ich geistreich war und gefiel mir. In einer Art Befangenheit richtete ich meine Worte fast ausschließlich an den Alten, während ich mir doch wohl bewußt war, daß ich im Grunde genommen nur zu dem Mädchen sprach, begierig, von ihr bewundert zu werden.

In einem fielen wir beide, der Alte und ich, ganz zusammen: Das unbefriedigende der modernen Zustände, ihre Oberflächlichkeit, ja Verlogenheit: ihre Unruhe, ihre Hast, ihre Gewalt, uns uns selber zu entfremden, so daß wir schließlich den Weg zu uns selber nicht mehr zurückfinden — kurz: ihre Nichtwirklichkeit.

Der Alte setzte nun die an der Kirche oben unterbrochene Unterhaltung fort. Er bekannte sich als eifrigen Verehrer der Neu-Platoniker, insonderheit des Plotin. Dessen Satz „ta panta hen“ war für den Alten Weltanschauung und Religion in einem. Mit Geist und Gelehrsamkeit entwickelte er die Fäden, die sich in diesem Pantheismus von Indien her zu uns hinüberziehen. Er ging sogar soweit, diesen Gedanken als den eigentlichen, tiefsten Jesus-Gedanken zu erklären, wohingegen das, was wir jetzt als Christentum haben, vielmehr Paulinisches Machwerk sei. „Es ist mir ganz gleichgültig,“ meinte er im Lauf des Gesprächs, „ob Jesus bei indischen Weisen in die Schule gegangen ist. Tatsache ist, daß sein Denken zum Pantheismus hinneigt, wie ja schließlich jeder Feinfühlende von der intellektuellen Rohheit des Monotheismus sich abgestoßen fühlen muß. Sicherlich hat das Christentum einen bösen Tausch damit gemacht, daß in der christlichen Theologie nicht mehr Christus, sondern Paulus der Führende war — statt eines natürlichen Gefühlsmenschen ein finsterer Fanatiker, dessen Temperament nicht vom Herzen, sondern vom Kopf ausgeht. In seinen widersinnigen Deduktionen steckt schon die Wurzel jener späteren Scholastik, zu welcher die ursprüngliche Jesus-Lehre nie die Möglichkeit gegeben hätte.“

Ich sah bei diesen scharfen Worten zur Tochter hinüber, um mich über den Eindruck, den diese Äußerung auf sie machte, zu vergewissern.

Der Alte bemerkte es. Lächelnd sagte er: