Es war wohl ein Jahr her, daß sie diesen Brief geschrieben hatte. Eine Antwort war bis jetzt nicht erfolgt. Sie dachte bitter: „Wer nicht hat, dem wird auch genommen das was er hat.“ Sie bedachte nicht, daß sie ja ihr Kind behalten habe.
Eines Mittags wurde ihr auf ihr Zimmer, wo sie sich meist allein oder zusammen mit der Kleinen aufhielt, eine Visitenkarte überbracht. Sie laß: Louis Savade.
Nie hat Frau Lamondt später diesen merkwürdigen Augenblick vergessen. Ihr war, als ob plötzlich der Schleier, der uns umgibt, zerrisse und sie durch den Riß in die Zukunft blicke. Der Gedanke, auf den ihr geistiges Auge hier traf, jagte ihr erst das Blut ins Gesicht und trieb es dann jäh zum Herzen zurück, so daß sie vor zitternder Schwäche sich auf einen Stuhl niederlassen mußte. Noch einige Mal wechselten schnell jähe Röte und tiefe Blässe. Endlich war die Blutwelle so weit beruhigt, daß sie es wagen konnte, in den Salon hinunter zu gehen.
Beim Verlassen ihres Zimmers trat sie unwillkürlich vor den Spiegel. Aber mit schnellem Ruck wandte sie sich um, ohne hineingesehen zu haben.
Savade trat ihr, wie auch damals in Java, mit jener vorsichtigen Höflichkeit entgegen, die er jedem zeigte. Sie mußte sich zwingen, ihn wenigstens für einen Augenblick frei anzusehen, aber sofort senkte sich ihr Blick wieder, und nach der ersten Begrüßung entstand eine Pause. Es war der jungen Frau unmöglich, jetzt solche banalen Fragen zu tun wie: „Aber wie kommen Sie denn hierher?“ oder: „Sind Sie in Geschäften hier?“ usw. Oben hatte sie mit blitzähnlicher Klarheit den Zweck seines Kommens erkannt. Als er ihr jetzt aber mit dieser formellen Höflichkeit entgegen trat, da war ihr, als ob alles verloren sei und ihr Leben für ewig in um so tiefere Nacht und Dunkel tauche.
Endlich begann Savade, um dem Schweigen ein Ende zu machen:
„Was ist alles geschehen, seit wir uns nicht gesehen haben.“
„O Gott, ja“, erwiderte sie traurig.
Er sah sie prüfend an. Auch jemand, der weniger Menschenkenner war als er, mußte die Last von Leiden sehen, die auf diesem blassen Gesicht lagerte. Da ihre Augen durch die Lider verdeckt wurden, so war ihr Gesicht ganz stilles Dulden.
Ihm wurde das Herz warm. Er begann wieder: