„So wirst Du es wohl noch lernen müssen, mein Kind.“

„Mutter, wenn da etwas ist, was ich noch lernen muß, so bin ich bereit dazu.“

Trotzig wie immer, dachte die Mutter und wandte sich liebkosend der Kleinen zu, die sofort ein eifriges Gespräch begann.

Beide Frauen waren sich im Charakter gleich. Das Beharren auf einer vorgefaßten Meinung, das sich Hineinbohren in seine eigene Meinung war der Mutter wie der Tochter eigentümlich. Frau van Hoeven sah mit Empörung auf die Tat ihrer Tochter, und die letztere hatte nicht die Fähigkeit, durch Nachgeben und Sanftmut ihre Mutter milder zu stimmen und schließlich auf ihre Seite zu ziehen. So begann ein trauriges Nebeneinanderleben, eine Fortsetzung der letzten Zeit in Batavia. Auch jede Ablenkung in Form äußerer Geselligkeit fehlte. Alle Bekannte und Verwandte in Utrecht ergriffen Lamondts Partei, der ihnen als Ehrenmann und als Muster eines Ehemanns bekannt war. So mied man es, mit der jungen Frau zusammen zu treffen, und wenn es doch geschah, so ging es nie ohne absichtliche oder unabsichtliche Stiche ab. Ja, es kam schließlich so weit, daß es Helenen unangenehm wurde, bei Tage in die Stadt zu gehen. Sie zog es vor, abends zu promenieren. Mit Recht konnte sie bald von sich sagen: „Ich bin hier die Verfehmte.“

Natürlich suchte sie immer wieder Trost in ihren Idealen. Aber es war, als ob die Gedanken, in denen sie in Java ganz naturgemäß wie in ihrem Element gelebt hatte, plötzlich vertauscht wären. Ihr war, als ob sie aus reeller Münze plötzlich zu wertlosen Schaugroschen geworden wären. Alle diese schönen Begriffe, die sie damals entzückt und ihr Denken genährt hatten, waren jetzt leere Namen geworden ohne Saft und Kraft. Nur eine Art von Pietät hielt sie zurück, diese Schemen für immer bei Seite zu werfen.

Jene Frage, die sich ihr beim Abschied so grell aufgedrängt hatte: Gehe ich den richtigen Weg? — kehrte immer häufiger wieder, immer drohender, beschäftigte sie tags und quälte sie nachts. Sie geriet schließlich in einen Zustand äußerer und innerer Verlassenheit, so daß sie sich niemanden auf der Welt unglücklicher denken konnte als sich selber. Ihr war als ob sie ständig unter einer schwarzen Wolke wandelte, das Sonnenlicht vor und hinter sich, aber sie selber von jedem erhellenden und wärmenden Strahl ausgeschlossen.

Dazu kam eine andere Sache, die ihre Traurigkeit vermehrte. Sie hatte während dieser ganzen Jahre in regelmäßigen Zwischenräumen Savades Briefe erhalten. In Java waren dieselben ihre höchste Freude gewesen, hier wären sie ihr höchster Trost gewesen. Aber dieselben blieben aus. Gleich nach ihrem Eintreffen in der Heimat hatte sie ihm (er war in einem Städtchen an der Küste stationiert) folgenden Brief geschrieben:

„Ich halte mich für verpflichtet, allen meinen Freunden das mitzuteilen, was ich eben im Begriff bin Ihnen mitzuteilen, weil ich Sie auch unter meine Freunde rechne. Ich habe mich von Herrn Lamondt trennen lassen und wohne wieder im Hause meiner Mutter“.

In ihren Briefen an Savade hatte sie nie auch nur eine Andeutung von ihrem Vorhaben fallen lassen. Und so wäre es nicht unwahrscheinlich, daß es sich bei ihrem Entschluß um etwas Plötzliches gehandelt habe, um eine jener uns Menschen so gefährlichen Klarheiten und Fernsichten, die meist für den Verstand nichts anderes sind als die Fata Morgana für das Auge.