Frau Lamondt aber stand, die Hand fest auf das Geländer gelegt, die Zähne in die Unterlippe grabend und erwiderte kein Wort. In diesem Moment zum ersten Mal tauchte der furchtbare Gedanke in ihr auf: „Gehe ich auch den rechten Weg? Weh’ mir, wenn ich falsch gehe.“
Als das Kind auch von der Mutter keine Antwort bekam, begann es leise zu weinen. Einmal noch preßte Lamondt sein Kleinod an sich, als ob er ihr den Atem auspressen wollte, dann drehte er sich schnell um und ohne sein Weib zu berühren, ja ohne sie nur zu sehen, verließ er das Schiff und verschwand in der Menge der Zuschauer am Quai. Nicht einen Blick mehr warf er zum Schiff zurück.
Je näher Frau Lamondt Hollands Küsten kam, um so schwerer wurde ihr Herz. Sie wußte, daß sie daheim, ihrer Mutter gegenüber, einen schweren Stand haben würde; denn sie kannte nur zu gut die Hochachtung und Liebe, die letztere für Lamondt hegte. In Neapel hatte sie einen während der Überfahrt geschriebenen ausführlichen Brief zur Post gegeben, der mehrere Tage vor ihr zu Hause ankommen mußte und der ihren Standpunkt in möglichst schlichter Weise klar legte.
Auf dem Bahnhof in Utrecht wurde sie von niemand erwartet. Zu Hause angelangt empfing ihre Mutter sie mit den Worten:
„O Du unglückliches Kind! Was hast Du getan?“
„Mutter,“ erwiderte Helene, „ist es denn solch ein großes Verbrechen, wenn ein Mensch dem Höheren in sich folgt?“
„Das höchste für eine Mutter liegt innerhalb ihrer Familie“ antwortete die alte Dame streng.
Helene hatte sich unterwegs wohl hundertmal auf’s bestimmteste vorgenommen, allen Äußerungen ihrer Mutter die höchste Sanftmut und Geduld entgegen zu setzen, aber gleich diese erste Probe mißlang. Ihr Charakter war zu ungebändigt. Sie erwiderte trotzig:
„Das weiß ich nicht, Mutter.“