Lamondt war wie im Traum. Schweigend saßen sie nebeneinander im Wagen. Vor dem Hause des Rechtsanwalt Kraye setzte er seine Frau ab und begab sich ins Kontor.
Nach einigen Stunden kam ein Bote, der ihn zu eben diesem Rechtsanwalt hinbat. Willenlos folgte er. Es wurden einige Schriftstücke aufgesetzt, die beide unterschreiben mußten, und der Rechtsanwalt stellte in Aussicht, daß schon in wenigen Tagen die Angelegenheit soweit erledigt sein könnte, daß Frau Lamondts Anwesenheit nicht mehr erforderlich sein würde. „Die Einstimmigkeit auf beiden Seiten, besonders auch hinsichtlich des Kindes erleichtert alles sehr“ schloß er seinen Vortrag.
Tatsächlich wickelte sich alles so glatt ab, daß Frau Lamondt schon für den nächsten nach Europa abgehenden Dampfer einen Platz belegen konnte.
Endlich war der Tag der Abreise da, der diesem qualvollen Leben zu Hause ein Ende machte. Frau Lamondt hatte ihren Mann gebeten, dem Kinde, das jetzt etwa sieben Jahr alt war, nichts von der Wahrheit zu sagen, um nicht die Trennung zu erschweren. Der Gutmütige hatte auch hierin eingewilligt. Es war der Kleinen gesagt worden, daß sie verreisten, um die Großmama in Holland zu besuchen. Die Freude darüber war groß, und Lamondt mußte blutenden Herzens manche neugierige Frage beantworten.
Auf dem Schiffe standen die drei im äußersten Winkel, um nicht den Blicken etwaiger Bekannter ausgesetzt zu sein. Beide Eltern waren stumm, außer wenn sie auf die Fragen des Kindes antworten mußten.
Plötzlich begann die Kleine: „Papa, hörst Du, vergiß mir ja nicht Papchen.“ Sie meinte den grauen Papagei. „Das Futter gibt ihm die alte Sarah. Aber den Zucker, weißt Du, den mußt Du ihm geben und dabei mußt Du ihm immer das Wort „Dora“ vorsprechen; aber so wie ich, Papa. Hör’ mal!“ Dabei stellte sie sich wichtig vor Lamondt auf und rief mit Kinderstimme zweimal „Dora!“ „Siehst Du so. Es ist ganz leicht. Mach’ es auch mal, Papa, damit ich sehe, daß Du es recht machst. Schnell doch, Papa!“
Da brach dem gequälten Manne das Herz. Heftig schloß er sein Kind in die Arme und brach in haltloses Schluchzen aus. Dabei streichelte und küßte er das zarte Gesichtchen unaufhörlich, so daß das Kind ganz verdutzt zum Vater hoch sah.
„Mein süßer Liebling, mein wonniges Kind“ begann er endlich. „O Gott und Vater! Muß denn das alles gelitten werden!“
Das Kind wurde unruhig. „Papa, wein’ doch nicht so,“ sagte sie liebkosend. „Ich schreibe Dir alle Tage einen Brief.“ Als der Vater aber immer weiter weinte, wandte sie das Köpfchen zur Mutter hin: „Mama, weshalb weint Papa denn so?“