„Ach, verzeihen Sie mir Armen, Überreizten! Ich weiß ja, daß Sie der einzige sind, der Verständnis für mein Tun hat. O, sicher, Sie werden nicht nach der Schablone urteilen. Sie werden die nicht ungehört verdammen, die der Ansicht ist, daß die Frau nicht die Verpflichtung habe, in der Ehe nicht allein ihren Körper, sondern auch ihren Geist, ihre Seele, ihr Höchstes hinzuopfern. Die Ehe mag ein geheiligtes Institut sein, aber das Göttliche in uns ist heiliger. Es ist eine Sünde wider den heiligen Geist, es durch die Ehe zertreten zu lassen.“

Sie sah ihn an, als ob sie eine Antwort erwarte. Da er aber sinnend vor sich hinblickte, so fuhr sie fort:

„So will ich Ihnen denn auf Ihre Frage wahrheitsgemäß antworten: Ich kann nicht leugnen, daß ich zur Zeit in einer Periode geistigen Elends mich befinde. Alles was ich die Jahre vorher klar und bestimmt sah, das ist jetzt dunkel, konfuse, zweideutig geworden. Aber ich weiß auch so bestimmt als ich hier vor Ihnen stehe, daß alle diese dunklen Wolken sich zerstreuen werden, so bald die innere Ruhe, die Ruhe des Denkens wieder in mich zurückgekehrt sein wird. Klar wie der Tag sehe ich die Zeit vor mir, in der meine Ideale wieder in ihrem alten Glanz leuchten und wärmen werden.“

„So sind Sie entschlossen, diesen Ihren Weg weiter fort zu gehen?“

Es lag über seinem Sprechen wie ein Schleier, der einen bestimmten Affekt nicht durchblicken ließ.

Ohne Überlegung erwiderte sie: „Ja, ich will es.“

Ihre Augen leuchteten. Ihr Atem ging schnell. Kerzengrade stand sie vor ihm, so daß sie größer aussah, als sie in Wirklichkeit war.

Voll unverhohlener Bewunderung blickte er sie an. „Wie bewundere ich Sie! Sie sind Männern ein Vorbild.“

Es war, als ob er noch etwas sagen wollte, aber der Faden schien abgerissen. Einen Moment schwiegen beide. In der Leere dieses Schweigens saugten sich beider Herzen aneinander. Aber das vermittelnde Wort versagte, der seelische Kontakt zerfiel.

„Ich bin nur für wenige Stunden in Utrecht. Es wird Zeit, daß ich mich empfehle.“