Er erhob sich, um Abschied zu nehmen. Die junge Frau überkam es in diesem Augenblick wie eine unbeschreibliche Angst. Ihr war es, als ob sie etwas für ewig und unwiderbringlich verlöre, wenn sie ihn jetzt so gehen ließe. Sie wußte kaum, was sie tat. Fast flehend trat sie vor ihn:
„O, bleiben Sie doch noch, nur ein paar Minuten! Diese Zeit, in der ich jetzt mit ihnen geredet habe, ist die einzige frohe Viertelstunde, die ich genoß, seit ich die Schwelle dieses Hauses überschritten habe. O, wenn Sie wüßten, was das heißt, als eine Verfehmte leben. Wenn Sie wüßten, was das heißt, wenn man das Tageslicht meiden muß, weil man in aller Augen immer nur die Anklage liest. Aber das ist die Brutalität unserer Nächsten. Über ein schwaches Weib fällt alles erbarmungslos her. Sie ist ja dazu geboren, in der Deichsel zusammen zu brechen, und wehe ihr, wenn sie eigenmächtig an ihrem Schicksal modelt. Wenn der Mann, höheren Idealen folgend, sein Weib verläßt, so wird er bewundert und womöglich der Löwe der Gesellschaft. Ein armseliges Weib, das nichts will, als in Ruhe leben, wird nach Indianer-Manier langsam zu Tode gequält. O, mein Gott, mein Gott! Was habe ich in dieser Zeit gelitten!“ Ihre Lippen zuckten, und sie schlug die Hände vor’s Gesicht, um die Tränen zu verbergen, die langsam ihre Augen füllten.
Savade stand wortlos. Er fühlte unendliches Mitleid und unendliche Liebe. Ihm war, als ob dieses Menschenwesen vor ihm geschaffen sei, ihm, gerade ihm die Noblesse ihrer Gedanken, die Eigenart ihres Empfindens zu enthüllen. Ihm war, als ob er, nur er allein der Strahl sei, dem diese Blume sich öffnen könne.
Er näherte sein Gesicht dicht dem ihrigen. „O, weinen Sie nicht,“ bat er leise und zärtlich. „O bitte, weinen Sie nicht. Es zerreißt das Herz, jemanden leiden zu sehen, den man so liebt, wie ich Sie liebe. Es würde mir Seligkeit sein, Sie zu schützen, Sie mit aller der Sorgfalt zu umgeben, die Ihre Natur erfordert. Haben Sie genug Vertrauen zu mir, um sich meiner Führung für Ihr künftiges Leben anzuvertrauen? — Geliebte!“
Er versuchte sanft, ihre Hände vom Gesicht herabzuziehen. Da lag sie an seiner Brust, leise weinend wie ein geängstigtes Kind am Halse der Mutter. Er streichelte ihr das Haar und flüsterte zärtliche Koseworte. Was war nur aus der eigenwilligen Frau Lamondt geworden.
Plötzlich bog sie sich zurück und sah ihn an. „Denkst Du auch an Lamondt?“
„Ja, ich denke an ihn, Helene. Unsere Ehe baut sich auf den Trümmern seines Glückes auf. So wollen wir jetzt den heiligen Schwur tun, unsere Ehe und unser Leben so zu führen, daß wir in Zeiten der Trübsal und in Zeiten der Freude ruhigen Gewissens an Lamondt und sein vom Schicksal zerstörtes Glück denken können.“
Stolz, selig blickte sie zu ihm hoch. „O, wie viel Glück doch in einem Augenblicke leben kann,“ sagte sie leise.
„Und wie viel Unglück. Wir, Helene, dürfen selbst an einem Tage wie dem heutigen das nicht vergessen.“