Bogenschütze
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GRÖSSERES BILD
Das Kommando traf am 3. November abends in Korogwe ein. Ich begab mich zu dem dort eingerichteten Lazarett und sprach die aus dem Gefecht von Tanga am 3. November zurückgekommenen Verwundeten. Einer derselben, Oberleutnant d. L. Merensky, berichtete mir, daß am 2. November bei Tanga Posten- und Patrouillengefechte in der Gegend von Ras Kasone stattgefunden hatten und daß am 3. November ein anscheinend mehrere tausend Mann starker Feind, der bei Ras Kasone gelandet war, die 17. Kompagnie östlich von Tanga angegriffen hatte. Diese, durch die Europäer und Polizeiaskari aus Tanga unter dem Oberleutnant Auracher verstärkt, hatte dem Angriff standgehalten, bis die ersten von Neumoschi eintreffenden anderthalb Kompagnien eingriffen, sofort gegen die linke Flanke des Feindes vorstürmten und ihn zurückwarfen. Oberleutnant Merensky hatte den Eindruck, daß der Feind vollständig geschlagen und die Wiederholung eines Angriffes unwahrscheinlich wäre. Die während der Eisenbahnfahrt stückweise eintreffenden Telegramme hatten mir ein klares Bild der Lage nicht geben können, als das Kommando am 4. November um 3 Uhr morgens 6 Kilometer westlich von Tanga die Bahn verließ und dort den Hauptmann Baumstark antraf.
Dieser hatte die Lage anders beurteilt und glaubte bei der großen Überlegenheit des Feindes, daß bei einem erneuten Angriff Tanga nicht zu halten sei. Er hatte deshalb seine von Norden kommenden zwei Kompagnien und die Teile, die am 3. November bei Tanga im Gefecht gestanden hatten, am Abend dieses Tages 6 Kilometer westlich von Tanga gesammelt und in der Stadt selbst nur Patrouillen belassen. Ob Tanga frei oder vom Feinde besetzt war, darüber herrschte keine Klarheit. Starke Offizierspatrouillen wurden sofort über Tanga hinaus auf Ras Kasone zu vorgetrieben. Glücklicherweise hatte das Kommando einige Fahrräder mitgebracht, und so konnte ich, um schnell Aufklärung durch persönlichen Augenschein zu schaffen, sogleich mit Hauptmann von Hammerstein und dem kriegsfreiwilligen Dr. Lessel zum Bahnhof Tanga hinein vorfahren. Von der hier angetroffenen vorgeschobenen Postierung der 6. Feldkompagnie konnte ich auch nichts Näheres über den Feind erfahren und fuhr weiter durch die leeren Straßen der Stadt vor. Die Stadt war vollständig verlassen, und die weißen Europäerhäuser leuchteten in den Straßen, durch die wir fuhren, im klarsten Mondschein. So erreichten wir den Hafen am jenseitigen Stadtrande; Tanga war also frei vom Feinde. 400 Meter vor uns lagen hell erleuchtet die Transportschiffe, auf denen großer Lärm herrschte: es war kein Zweifel, daß die Landung unmittelbar bevorstand. Ich bedauerte sehr, daß unsere Artillerie — wir hatten nämlich auch zwei Geschütze C/73 — noch nicht zur Stelle war. Hier, im hellen Mondschein, auf so nahe Entfernung, hätte sie trotz der Anwesenheit der feindlichen Kreuzer vernichtend wirken können.
Wir fuhren dann weiter auf Ras Kasone zu, ließen im deutschen Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten — wir konnten die Sprache nicht verstehen — angerufen, sahen aber nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnant Bergmann der 6. Feldkompagnie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten. Für die Art, wie ich das sicher bevorstehende Gefecht zu führen gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten und in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich, daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde. Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.
Bei den verschiedenen Aufgaben galt es die Eigenart der Truppenteile zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompagnie noch nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompagnie, die im Frieden in Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser, außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompagnie sowie kleineren, zu einer Kompagnie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga-Pangani, blieben drei gute Kompagnien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und 8. Schützenkompagnie mit ihren drei Maschinengewehren sowie die 13. Feldkompagnie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung. Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga-Pangani und schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompagnie sowie die zwei Geschütze C/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser. Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow gebracht.
Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir würden ihm sonst die beste Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.
Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt, und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.
Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden. Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei; und mit Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert, daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an alles gesetzt werden.
Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann von Prince persönlich den Befehl, mit seinen zwei Europäerkompagnien nach Tanga hineinzurücken, um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende Askarikompagnie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner einfachen und strammen Art die Meldung machte: „Adui tajari.“ (Der Feind ist bereit.) Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompagnie zurückgeworfen worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann von Prince war mit seinen beiden Europäerkompagnien sofort vorgestürmt und hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern, langgedienten Mannschaften, bestehende North Lancashire-Regiment, 800 Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in hartnäckigem Straßenkampf entrissen. Aber auch südlich von Tanga hatte Hauptmann Baumstark seine Kompagnien an der Front eingesetzt, und nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari durch die Palmen bis an die Straße Tanga-Pangani zurückgingen. Die Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompagnien, die hier fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf. Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde, doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand allerdings nur eine einzige Kompagnie zur Verfügung, aber es war die gute 13. Feldkompagnie. Die 4. Kompagnie, deren Ankunft ich von Minute zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.