Nach kurzer Rückkehr nach Korogwe rückte das Kommando dann nach Neumoschi und bald darauf nach Taveta. Drei der an der Nordbahn eingetroffenen Kompagnien der Zentralbahn wurden bei Tanga vereinigt, die übrigen fünf in das Gebiet des Kilimandjaro befördert. Bei Daressalam blieb zunächst nur Hauptmann von Kornatzki mit der neu formierten 18. Feldkompagnie.
In der nächsten Zeit kam es zu Unternehmungen verschiedener fliegender Kolonnen von Kompagniestärke, deren Zweck es war, die feindlichen Abteilungen, die nach vorliegenden Meldungen die Wasserstellen des angrenzenden englischen Gebietes besetzt hielten, zu vertreiben, ihnen Verluste beizubringen und dadurch den Weg für unsere Patrouillenunternehmungen gegen die Uganda- und Magadbahn frei zu machen. So war Ende September Hauptmann Schulz mit seiner Kompagnie vom Kilimandjaro aus den Tsavofluß abwärts marschiert, bis zur Ugandabahn vorgedrungen und dort auf einen mehrere Kompagnien starken Gegner gestoßen, der sich wahrscheinlich mit Hilfe der Bahn gesammelt hatte. Nördlich des Kilimandjaro hatte Hauptmann Tafel mit seiner Kompagnie und einer fünfzig Mann starken Europäerabteilung eine englische Reiterkolonne verfolgt, war aber dann von dieser im dichten Busch in seinem Lager am Engitoberge angegriffen worden. Es war das erste ernsthaftere Gefecht unserer Askari hier im Norden. Obgleich der Feind aus englischen und burischen Farmern, also guten Reitern und Schützen, bestand, die mit dem Leben in der Steppe vertraut waren, gingen unsere Askari ihm mit aufgepflanztem Seitengewehr so energisch zu Leibe, daß von dem 80 Europäer starken Gegner ungefähr 20 tot liegen blieben, sein Gesamtverlust also auf mindestens die Hälfte seiner Kopfzahl zu schätzen war.
In gleicher Weise wie am Kilimandjaro führten auch die Unternehmungen des Hauptmann Baumstark, der die drei bei Tanga versammelten Kompagnien befehligte, zu Gefechten im Grenzgebiet zwischen Jassin und Mombassa. Der Zweck aller dieser Unternehmungen war zugleich, über das in Frage kommende Operationsgebiet die allernotwendigste Klarheit zu schaffen, da diese Strecken im Frieden nicht erkundet und uns auch in bezug auf Wasser- und Anbauverhältnisse unbekannt waren. Nach und nach wurde so ein anschauliches Bild über Land und Leute geschaffen. Das englische Grenzgebiet war längs der Küste gut besiedelt und reich angebaut. Weiter im Innern hat es den Charakter der trockenen Dornsteppe mit teilweise dichtem Busch. Aus der Steppe erheben sich eine Anzahl von Gebirgszügen, die mehrfach in felsigen Massiven schroff aufsteigen. Die Truppen waren in mehreren befestigten Lagern östlich des Kilimandjaro untergebracht, das Kommando aber wegen der Schwierigkeit der Verbindung von Taveta wieder nach Moschi zurückgekehrt.
Die Drahtverbindung zwischen Moschi und Taveta konnte der später eintreffende Feldpostdirektor auf meine Frage nur als „niedlich“ bezeichnen. Die Isolatoren waren abgeschlagene Flaschenhälse, die auf Stangen oder an Baumzweigen befestigt waren; der Draht war von den Einzäunungen der Pflanzungen entnommen. Die Störungen waren aber doch so erheblich, daß der große Nachrichten- und Meldeverkehr des Kommandos mit dieser Leitung auf die Dauer nicht hatte bewältigt werden können.
Unser Verkehr mit der Außenwelt war seit Kriegsbeginn so gut wie abgeschnitten; zwar nahmen wir anfangs die Funksprüche von Kamina, dann unter günstigen Witterungsverhältnissen gelegentlich die Funksprüche von Nauen auf; aber sonst waren wir bezüglich neuer Nachrichten auf das Auffangen feindlicher Funksprüche und darauf angewiesen, feindliche Post oder sonstige Papiere in unsere Hand zu bringen.
[3] Askari sind „Soldaten“, nicht ein besonderer Volksstamm.
Vierter Abschnitt
Die Novemberkämpfe bei Tanga
Erbeutete englische Zeitungen berichteten, daß Deutschland den Verlust seiner geliebten Kolonien, seiner „Küchlein“, so besonders schmerzlich empfinden würde und daß Deutsch-Ostafrika der „wertvollste Happen“ sei. Erbeutete Post sprach von der demnächstigen Ankunft eines indischen Expeditionskorps von 10000 Mann, und da ich sowieso aus allgemeinen Erwägungen heraus schon immer mit einer feindlichen Landung größeren Stiles in der Gegend von Tanga gerechnet hatte, reiste ich Ende Oktober dorthin, fuhr mit meinem mitgenommenen Auto die Gegend ab und besprach mich an Ort und Stelle mit Hauptmann Adler, dem Führer der 17. Kompagnie, sowie dem Bezirksamtmann Auracher. Erfreulicherweise trat dieser meiner Auffassung bei, daß bei einer ernsthaften Bedrohung Tangas vor allem einheitliches Handeln notwendig sei, und ich versicherte ihm, daß ich selbstverständlich für alle hieraus hervorgehenden Konsequenzen die Verantwortung übernähme. Dies war besonders deshalb von Bedeutung, weil nach den gegebenen Anweisungen des Gouverneurs eine Beschießung von Tanga unter allen Umständen vermieden werden sollte. Die Ansichten darüber, was im gegebenen Fall zu tun oder zu lassen sei, konnten also sehr verschieden sein.
Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Neumoschi, am 2. November, wurde von Tanga aus gedrahtet, daß 14 feindliche Transportschiffe und 2 Kreuzer vor Tanga erschienen seien. Diese verlangten die bedingungslose Übergabe der Stadt; die Verhandlungen darüber zogen sich in die Länge, da Bezirksamtmann Auracher, der an Bord gegangen war, darauf aufmerksam machte, daß er besondere Weisung einzuholen habe, und das angedrohte Bombardement durch die Bemerkung verhinderte, daß Tanga ein offener und unverteidigter Ort sei. Hauptmann Baumstark, der mit zwei Kompagnien nördlich Tanga im Grenzgebiet war, wurde sofort auf Tanga in Marsch gesetzt. Ebenso wurden aus der Gegend von Taveta und vom Kilimandjaro die beiden Europäerkompagnien und die Askarikompagnien im Eilmarsch nach Neumoschi herangeholt. Zwei Lastautos, die zum Verpflegungstransport auf der Strecke Neumoschi-Taveta dienten, taten bei dieser Truppenverschiebung wertvolle Dienste. Meine Absicht, alle verfügbaren Truppen gegen die zweifellos in Tanga bevorstehende Landung mit größter Schnelligkeit dort zu sammeln, war trotz der den Truppen zugemuteten, starken Märsche nur durchführbar, wenn die Nordbahn ihre Leistungsfähigkeit auf das Äußerste anspannte, und das war bei den wenigen Lokomotiven — es waren nur acht — viel verlangt. Die etwa 300 Kilometer lange Strecke ist eine Schmalspurbahn, auf der im voll ausgelasteten Zuge von 24 bis 32 Achsen nur eine Kompagnie mit vollem Gepäck oder zwei Kompagnien ohne Gepäck und ohne Träger befördert werden konnten. Nur dem Entgegenkommen aller mit diesen Transporten beschäftigten Personen — ich nenne besonders den als Leutnant zur Truppe eingezogenen Eisenbahnkommissar Kröber und den Betriebsdirektor Kühlwein —, die die Züge bei Tanga bis auf das Gefechtsfeld und in das Feuer hinein vorführten, ist es zu danken, daß diese Transporte überhaupt ausgeführt werden konnten. Noch am 2. November wurden die gerade in Neumoschi anwesenden Truppenteile, anderthalb Kompagnien, mit der Bahn abtransportiert, am 3. morgens das Kommando mit einer weiteren Kompagnie; drei andere Kompagnien folgten später. Ebenso wurden alle kleineren Formationen des Bahnschutzes nach Tanga herangezogen. Die Stimmung der abfahrenden Truppen war glänzend; dies mag jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, daß der Askari sich über den Ernst der Lage klar war, als vielmehr darauf, daß für ihn eine Eisenbahnfahrt unter allen Umständen ein großes Vergnügen bedeutete.