Die „Königsberg“ war bereits vor mehreren Tagen aus dem Hafen von Daressalam ausgelaufen, und das im Hafen liegende Vermessungsschiff „Möve“ war am 8. August von ihrem Kommandanten gesprengt worden. Dies bedeutete für uns an Land einen wertvollen militärischen Zuwachs, da der Kommandant der „Möve“, Korvettenkapitän Zimmer, nunmehr unter meinen Befehl trat. Oberleutnant z. S. Horn fuhr sofort mit einigen Matrosen nach Kigoma und bemannte und armierte den kleinen Dampfer „Hedwig von Wißmann“. Er jagte auf dem Tanganjika den belgischen Dampfer „Delcommune“, den er nach einigen Tagen überraschte und zusammenschoß, und sicherte uns hierdurch die außerordentlich wichtige Beherrschung des Tanganjika-Sees. Die schnelle Verschiebung von Truppen, die an der Zentralbahn standen, auf Bismarckburg oder auf Usumbura zu war von der ungestörten Transportmöglichkeit auf dem Tanganjika durchaus abhängig und hat im späteren Verlauf der Operationen eine Rolle gespielt.

Im Norden des Schutzgebietes war die in Aruscha stehende 1. Kompagnie durch die in schnellem Marsche von Kondoa heranrückende 13. Kompagnie und eine aus Polizeiaskari in Moschi gebildete Kompagnie verstärkt worden. Auch ein großer Teil der Europäer der Nordbezirke hatte sich zu einer Abteilung unter dem Hauptmann von Prince zusammengetan. Diese Truppen standen in der Hauptsache in der Gegend von Moschi. Das östlich vorgelagerte, auf englischem Gebiet liegende Taveta war vom Feinde besetzt; es kam darauf an, diesen wichtigen Punkt, dessen Besitz für den Feind ein wertvolles Ausfalltor gegen unsere europäischen Siedlungsgebiete des Nordens bedeutete, schnell zu nehmen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis es gelang, die Truppen hierzu in Bewegung zu setzen. Viele glaubten, daß wir auf Grund der Kongoakte verpflichtet seien, neutral zu bleiben, und hatten zu den Anweisungen des neuen Kommandeurs wenig Vertrauen; erst am 15. August wurde endlich das schwach besetzte Taveta genommen.

Der Verlauf des Gefechts bewies, daß die Truppe zu gemeinsamem, einheitlichem Handeln in dem unübersichtlichen Buschgelände noch sehr der Weiterbildung bedurfte. Den Befehl übernahm hier im Norden Hauptmann Kraut, der sich zufälligerweise im nordöstlichen Grenzgebiet zu Grenzregulierungen aufhielt. In den nächsten Tagen gelang es, auch den Inhaber der obersten militärischen Gewalt dazu zu bewegen, der Verschiebung der Hauptstreitkräfte zur Nordbahn zuzustimmen.

Diese an sich einfache Verschiebung erforderte unter den damaligen Verhältnissen erhebliche Vorbereitungen. Es waren wenige Deutsche zu finden, welche das ganze Gebiet zwischen der Strecke Daressalam-Morogoro einerseits und Tanga-Mombo andererseits so gut kannten, daß sie zuverlässige Angaben über Wege und Verpflegungsverhältnisse machen konnten. Es war notwendig, Erkundungsoffiziere auszusenden und so eine Anzahl brauchbare Verpflegungsstraßen festzulegen. Die Ergebnisse dieser Erkundungen konnten aber nicht alle abgewartet werden; die Märsche mußten beginnen. Das Gebiet war nach europäischen Begriffen dünn besiedelt, und bei dem vorhandenen Kartenmaterial waren die Verpflegungs- und Wasserverhältnisse nur unter dem Gesichtspunkt vermerkt worden, ob sie als Höchstgrenze für eine Kompagnie ausreichend wären. Man konnte daher ohne Vorbereitungen nicht gut viel mehr als eine Kompagnie ohne Tiefenstaffelung auf eine Straße setzen; die Geübtheit und Gewandtheit im Beschaffen von Verpflegung, wie die Truppe sie gegen Ende des Krieges besaß, war damals noch nicht vorhanden. Es kam im großen und ganzen darauf hinaus, daß der Marsch und die Verpflegung einer Kompagnie unter dortigen Verhältnissen ungefähr dieselben Rücksichten verlangte, welche unter deutschen Verhältnissen eine Division erfordert. Bei dieser Verschiebung war mit der Gefahr zu rechnen, die darin bestand, daß die Kompagnien längere Zeit für Befehle nicht erreichbar waren. Die einzige telegraphische Verbindung von der Zentralbahn nach dem Norden lief unmittelbar längs der Küste und konnte jederzeit unterbrochen werden, wenn der Feind es beabsichtigte.

Die Gewandtheit, mit der Postdirektor Rothe und Sekretär Krüger auf die Wünsche der Truppe eingingen, sogleich den Bau der neuen Drahtlinie Morogoro-Handeni-Korogwe in Angriff nahmen und sich hierbei von der sonst in den Tropen üblichen Solidität unter dem Druck der Verhältnisse vorübergehend frei machten, ermöglichte den Bau der Strecke in wenigen Wochen. Wegen der Zerstörung durch Termiten werden im Frieden grundsätzlich eiserne Telegraphenpfosten gesetzt, die wegen der gerade in hiesiger Gegend zahlreichen Giraffen sehr hoch und mit sehr starkem Leitungsdraht versehen sein müssen. Der zunächst notgedrungen nur behelfsmäßige Bau und das Legen von Kabeln hatten unausgesetzte Störungen und Reparaturen zur Folge.

Inzwischen eingegangene Meldungen vom Vorgehen kleinerer feindlicher Abteilungen bei Jassini, zwei Tagemärsche nördlich Tanga, bestärkten mich in dem Glauben, daß der Feind in dortiger Gegend eine Landung vorhatte und dann schnell in das Innere längs der Nordbahn vordringen würde. So waren die einzelnen Kompagnien von verschiedenen Punkten der Bahnstrecke Daressalam-Mpapua abmarschiert und in der Hauptsache konzentrisch auf Handeni, einige Teile gegen andere Punkte der Strecke Tanga-Korogwe unterwegs, als ich in Pugu am 23. August nachmittags von Oberleutnant von Chappuis, der mit der 17. Feldkompagnie gerade bei Bagamojo lagerte, telephonisch angerufen wurde. Er meldete mir, daß ein kleiner englischer Kreuzer vor Bagamojo läge und den dortigen Leiter der Zivilverwaltung aufgefordert hätte, die Telegraphenstation zu zerstören; widrigenfalls würde er den Ort beschießen. Ich gab an Hauptmann von Chappuis Befehl, sogleich die vollziehende Gewalt zu übernehmen und eine Landung des Feindes mit der Waffe zu verhindern. Ein Boot des Kriegsschiffes, das unter Parlamentärflagge an Land anlegen wollte, wurde daher abgewiesen, und die Folge war eine Beschießung des Ortes. Der Kompagnie und den Eingeborenen machte diese großen Spaß, da sie so gut wie ohne jedes Treffergebnis verlief.

Das Kommando begab sich Ende August mit der Bahn nach Kimamba bei Morogoro. Unterwegs wünschte mir General Wahle, der von Morogoro aus das Etappenwesen leitete, alles Gute für das entscheidende Gefecht, das wir in Gegend Handeni erwarteten und zu dem auch sein Sohn unterwegs war. Dann reiste das Kommando mit Hilfe zweier requirierter Automobile weiter auf Handeni zu. Nach 30 Kilometer Fahrt mußte dieses Transportmittel aufgegeben werden, da der angeordnete Ausbau der Straße noch nicht genügend vorgeschritten war. Hauptmann von Hammerstein und ich fuhren auf Fahrrädern weiter und überholten nach und nach die marschierenden Kompagnien. Die vermutete Landung des Feindes bestätigte sich nicht, und wir trafen Anfang September in Korogwe ein. In Tanga war inzwischen ein englischer Kreuzer erschienen und hatte dort liegende Leichter abgeschleppt.

Es galt nun das Verpflegungs- und Nachschubwesen der Truppe im Norden zu organisieren. Der bisherige Feldintendant Hauptmann d. L. Schmid war wegen Krankheit ausgefallen, und es war schwer, eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Glücklicherweise bot sich eine solche in dem Hauptmann d. L. Feilke, dem langjährigen erfahrenen Leiter der Prinz-Albrecht-Plantagen in Usambara, der sich in der Gegend von Tanga aufhielt, wo er sich der Truppe zur Verfügung gestellt hatte. Früher Adjutant des 8. Jägerbataillons, vereinigte dieser 52jährige welterfahrene und geschickte Offizier aufs glücklichste die für den schweren Posten eines Intendanten erwünschte militärische Vorbildung und wirtschaftliche Begabung. Er kam sofort, und wir beide fuhren nach Neumoschi. Dort traf ich den Hauptmann Kraut. Auf dem Kilimandjaro war der Kleinkrieg durch Anlage von Verpflegungsdepots vorbereitet worden, unsere Patrouillen gingen über Taveta hinaus in der Richtung auf die britische Ugandabahn vor, und es war schon zu zahlreichen kleinen Zusammenstößen gekommen. Die nötige Erfahrung für Fernpatrouillen, wie sie in späterer Zeit so erfolgreich zu Bahnzerstörungen führten, besaß aber die Truppe zur damaligen Zeit noch nicht. Die ersten Patrouillengänger waren halb verschmachtet an der Ugandabahn angelangt und gefangengenommen worden. Ich begab mich von Neumoschi aus zum Himolager, wo Hauptmann von Prince in befestigter Stellung stand. Er begleitete mich nach Taveta, das von einem vorgeschobenen Offiziersposten besetzt war. An Ort und Stelle konnten wir nun die Verlegung des Gros der Nordtruppe nach Taveta besprechen. Die dortige, sehr zahlreiche Eingeborenenbevölkerung schenkte den von der Truppe eingesetzten Verwaltungseuropäern durchaus ihr Vertrauen; die Leute verkauften ihre Erzeugnisse weiter auf dem Markt, und das Verhältnis war ein recht befriedigendes.

Schon bei Ausbruch des Krieges war an vielen Stellen die Befürchtung vor Eingeborenenaufständen aufgetaucht. An der Zentralbahn entstanden wilde Gerüchte über eine Erhebung der Wahehe — es ist dies der kriegerische Stamm, der in der Gegend von Iringa so lange der deutschen Besitzergreifung getrotzt hatte —, und am Kilimandjaro wurde ein Aufstand der Wadschagga befürchtet. Die große Anzahl der schwarzen Arbeiter auf den europäischen Siedlungen der Nordgebiete wurde aus Verpflegungsgründen ebenfalls von den Behörden für unzuverlässig gehalten. Diese Befürchtungen haben sich aber sämtlich nicht bestätigt. Später hat mir ein sehr intelligenter gefangener belgischer Askari geradezu gesagt: „Du weißt ja, die Eingeborenen halten immer zu dem, der der Stärkere ist“, und ein englischer Massai äußerte unumwunden: „Uns ist es gleichgültig, ob die Engländer oder die Deutschen unsere Herren sind.“

Erst später, nach dem Eindringen des Feindes, bildete der Eingeborene eine wesentliche Gefahr für uns; dann war sie allerdings sehr groß. Der Eingeborene hat ein feines Gefühl dafür, wann die wirkliche Macht von der einen Hand in die andere übergeht.