Generalmajor z. D. Wahle, der zum Besuch seines Sohnes und der Daressalamer Ausstellung zufällig am 2. August eingetroffen war, stellte sich sofort der Truppe zur Verfügung und übernahm auf meine Bitte die Etappenleitung. Seine Aufgabe war deshalb besonders schwierig, weil da, wo keine Eisenbahnen waren, im wesentlichen nur die eingeborenen Träger benutzt werden konnten. Mir stehen über die Zahlen der für die Zwecke der Truppe in Anspruch genommenen Träger keine Angaben zur Verfügung. Es ist auch sehr schwer, diese Zahlen irgend wie festzulegen. Es gehörten Leute dazu, die nur die Lasten von einem Ort zum andern trugen, ehe sie der ständige Träger übernahm, aber ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich sage, daß im ganzen Hunderttausende von Trägern für die Truppe tätig gewesen sind, die doch auch alle verpflegt und ärztlich versorgt werden mußten.

Von den vielen anderen Schwierigkeiten mag noch eine von besonderer Art erwähnt werden. Das Friedensleben der Europäer in tropischen Kolonien hatte sie aus gesundheitlichen Rücksichten an einen gewissen Komfort gewöhnt. Europäische Verpflegung kann man in Ostafrika, wenn man auf Safari (Reise) ist, im allgemeinen nicht kaufen; nur wenige Europäer hatten es gelernt, von den Früchten, welche der Farbige oder die Natur lieferten, zu leben. Unterkunftsmöglichkeiten gibt es selten. Gegen die Moskitos muß man aber geschützt sein. So reiste der weiße Beamte oder Militär kaum mit weniger als 11 Trägern, die außer seinem Zelt, Feldbett und Kleidung auch eine erhebliche Menge an Verpflegung trugen. So hohe Trägerzahlen waren aber für eine Truppe, die beweglich sein sollte, eine Unmöglichkeit. Eine weitere Schwierigkeit ergab sich daraus, daß fast jeder Askari einen Boy hatte. An solchen Desturis (Sitten) zu rütteln, ist bei den naiven Leuten, die durch die Denkungsweise des Islam noch besonders im Festhalten an ihrer alten Überlieferung bestärkt werden, und die außerdem einen großen Stolz und viel Eitelkeit besitzen, besonders schwierig. Es war im einzelnen Falle für den Kompagnieführer nicht immer leicht, hier einen Mittelweg zu finden.

In dem Tropenkriege, der uns bevorstand, spielte die ärztliche Versorgung eine Hauptrolle. Der Eingeborene ist im allgemeinen gegen Malaria in hohem Maße immunisiert, und es kommt selten vor, daß ein Askari daran wirklich erkrankt; manche Stämme aber, die in hochgelegenen, malariafreien Gegenden wohnen, wie beispielsweise die Wadschagga am Kilimandjaro, die deshalb nicht von Jugend auf immunisiert sind, leiden stark an Malaria, sobald sie in die Ebene herunterkommen. Für jeden Europäer wurde von den Abendstunden bis in den Morgen hinein gegen die Malariamücke (Anopheles) streng auf mechanischen Schutz durch ein Moskitonetz gehalten. Ich habe viele Monate am Boden geschlafen, und das Moskitonetz hat mich auch da in hohem Grade geschützt: allerdings habe ich doch zehnmal die Malaria gehabt; denn im Felde ist es nicht immer möglich, die Schutzmaßregeln so anzuwenden, wie es vom gesundheitlichen Standpunkt aus erwünscht ist. Um möglichst jede Kompagnie mit einem Arzt versehen zu können, war es uns hochwillkommen, daß eine stattliche Anzahl Sanitätsoffiziere sich zum Studium und zur Bekämpfung der Schlafkrankheit am Tanganjika und in den südlichen Gebieten, am Rovuma, befand.

Der Betrieb, den diese ganze Tätigkeit der Mobilmachung mit sich brachte, hielt auch den Eingeborenen am Telephon zu Pugu Tag und Nacht in Atem, und es war erstaunlich, mit welcher Gewandtheit hier und anderswo der Eingeborene seinen Apparat bediente. Seine große Begabung für Technik hat uns die wertvollsten Dienste geleistet. Reibungen gab es natürlich unendlich viele. Es kam in den ersten Tagen vor, daß Vieh, das aus der Gegend nördlich von Tabora nach Daressalam zur Versorgung der dortigen Zivilbevölkerung geschafft wurde, anderm Vieh begegnete, das gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung für Truppenzwecke ging. Ich spüre es noch heute einigermaßen in den Gliedern, wie auf Station Pugu ein solcher, mit schönstem Ausstellungsvieh beladener Zug mit voller Fahrt in einen anderen, worin ich mich befand, hineinfuhr und in dem zur Bearbeitung der Mobilmachung notwendigen Personal beinahe eine recht fühlbare Verminderung angerichtet hätte.

Unser Sammelplatz Pugu liegt etwa 20 Kilometer landeinwärts von Daressalam. Hier war unser Lager am Anstieg der Puguberge. Der Wald ist außerordentlich dicht und das Land mit Eingeborenen- und auch Europäerpflanzungen stark besiedelt. Trotz der etwas erhöhten Lage befindet sich Pugu durchaus in der heißen Küstenzone, und obgleich wir im August noch in der kühlen Jahreszeit standen, war die Temperatur doch so, wie wir sie mit dem Ausdruck „tropisch“ bezeichnen: es ist die drückende, etwas feuchte Hitze, die für den Europäer größere Märsche sehr anstrengend macht.

Wir hatten in jener Zeit für die Europäer noch Zelte und für jeden ein Feldbett mit dem unvermeidlichen Moskitonetz, so daß in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten bestanden. Für Krankheitsfälle wurde in der nahen Pflanzung Wichmann ein vorläufiges Feldlazarett eingerichtet. Unsere Pferde hatten nicht übermäßig zu leiden. Aber doch erkrankten alle unsere Tiere nach und nach an Tsetse. Den Schutz, den wir in Daressalam den Tieren durch einen Tsetse-sicheren Stall gegeben hatten, der mit Drahtgitter in Art der Fliegenfenster versehen war, konnten wir hier im Feldlager ihnen nicht mehr verschaffen.

Dritter Abschnitt
Die ersten Kämpfe

So waren wir im Feldlager Pugu in voller Tätigkeit, als am 8. August vormittags von Daressalam her schweres Artilleriefeuer ertönte. Nach bald eingehenden Meldungen stammte es von zwei englischen kleinen Kreuzern „Astraea“ und „Pegasus“, die den Funkenturm zum Ziel nahmen. Dieser Turm lag an so exponierter Stelle, weil die Lage an der Küste eine weitere Reichweite in das Meer hinaus ermöglichte; der Turm in Daressalam war wichtig für uns, weil die im Bau befindliche Groß-Station in Tabora noch nicht fertiggestellt war, und die zwei kleineren Stationen von Muansa und Bukoba nur lokalen Wert hatten. Der Turm wurde von den Engländern nicht getroffen, sondern durch uns selbst in etwas zu großer Besorgnis, daß er dem Feinde in die Hände fallen könnte, gesprengt. Nach kurzer Zeit brachte ein Beobachtungsoffizier die Meldung, daß bei Kondutschi, einen Tagesmarsch nördlich Daressalam, der Feind anscheinend eine Landung vorbereite. Bei der Gestaltung der Küste war eine solche nicht unwahrscheinlich. Ich ordnete deshalb sogleich den Abmarsch der vorhandenen sieben Askari-Kompagnien[3] an, um die günstige Chance, den Feind dort bei einer Landung zu überraschen, auszunutzen.

Noch ehe der Abmarsch angetreten war, sprach ich auf der Station Pugu den Gouverneur Dr. Schnee im Eisenbahnzuge bei seiner Durchfahrt nach Morogoro. Er zeigte sich von den Feindseligkeiten der Engländer ganz überrascht und sehr einverstanden mit meiner Absicht, den Feind bei Kondutschi anzugreifen. Auf dem Wege dahin begegnete ich zwei Herren des Daressalamer Gouvernements, die mir ein Schreiben vorzeigten, das Verhandlungen betreffs der Übergabe Daressalams an die Engländer enthielt. Da mir der Gouverneur hiervon nichts mitgeteilt hatte, ich außerdem ziemlich eilig war, sah ich nur flüchtig hinein. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es sich hier um Abmachungen handeln könnte, die der Gouverneur gebilligt hätte. Als aber die Truppe in der Nacht auf einem Berge 16 Kilometer nördlich Daressalam angelangt war, und wir am nächsten Morgen den Hafen und die davorliegenden englischen Kreuzer übersahen, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem Landungsversuch in Kondutschi ein Irrtum gewesen war. Wir stellten fest, daß die englischen Schiffe nach Land zu verkehrt hatten, und es schien mir jetzt doch wahrscheinlich, daß Verhandlungen mit dem Feinde stattfänden. Ich marschierte nun auf die Stadt vor; da ich befürchten mußte, daß es in der Eile des Augenblicks vielleicht zu nachteiligen Abmachungen in Daressalam kommen könnte, schickte ich den Hauptmann Tafel hinein. Dieser sollte mitteilen, daß ich die vollziehende Gewalt übernähme und daß Verhandlungen mit dem Feinde ausschließlich durch mich zu gehen hätten. Erst durch Hauptmann Tafel erfuhr ich, daß tatsächlich auf Anordnung des Gouverneurs Übergabeverhandlungen geführt worden waren. Mein Eingreifen in diese wurde vom Gouverneur nicht gebilligt, bei dem ja laut einer allerdings auf ganz andere Verhältnisse zugeschnittenen Schutztruppenbestimmung die oberste militärische Gewalt ruhte.

Praktisch hatte dies für den Augenblick keine Folgen. Nur einige englische Marinemannschaften waren an Land gewesen und bereits wieder an Bord gegangen. Für den Soldaten war es aber nicht erhebend, daß hier unter den Augen einer tausend Mann starken guten Truppe ein Abkommen geschlossen war, das uns in Daressalam jede feindliche Handlung untersagte, während sich der Feind hierzu nicht verpflichtete, und daß wir von einem in militärischer Hinsicht so wichtigen Schritte überhaupt keine Kenntnis erhalten hatten.