Recht schwierig war die Lage der von zahlreichen Europäern (dabei vielen Frauen und Kindern) bewohnten Küstenorte, die ja einer Beschießung durch englische Kriegsschiffe in jeder Minute ausgesetzt waren. Der Gouverneur vertrat den Standpunkt, daß eine solche Beschießung unter allen Umständen vermieden werden müßte. Gemäß einer Bestimmung, die allerdings den Fall eines äußeren Krieges nicht berücksichtigte, lag die oberste militärische Gewalt im Schutzgebiet in den Händen des Gouverneurs, und beim Aufhören der Verbindung mit der Heimat war es nicht möglich, hierin Wandel zu schaffen; ich mußte mich mit dieser vom militärischen Standpunkt sehr erheblichen Schwierigkeit abfinden und mit der Möglichkeit rechnen, daß bei genauer Ausführung der Anweisungen des Gouverneurs beispielsweise Daressalam und Tanga, also die Anfangspunkte unserer Eisenbahnen und die gegebenen Stützpunkte für feindliche Operationen, die von der Küste aus ins Innere gehen sollten, dem Feinde kampflos in die Hände fielen.

Nach meiner Auffassung konnten wir durch Bedrohung des Feindes in seinem eigenen Gebiete unsere Kolonie am besten schützen. Wir konnten ihn sehr wirksam an einer für ihn empfindlichen Stelle, der Ugandabahn, fassen, und unsere zahlreiche deutsche Ansiedlerbevölkerung des Gebietes unserer Nordbahn (Tanga-Moschi) stand hierzu gewissermaßen aufmarschiert. Aber der von mir schon früher für den Kriegsfall vorgeschlagenen Truppenversammlung im Norden am Kilimandjaro stimmte der Gouverneur nicht zu. Es mußten aber doch, um überhaupt handeln zu können, die über das ganze Gebiet zerstreuten Truppen zusammengerufen werden. Da dies in dem von mir gewünschten Gebiet des Kilimandjaro zunächst nicht erreichbar war, fand die Versammlung der Truppen notgedrungen einen Tagesmarsch westlich Daressalam, auf den Höhen von Pugu statt. Dort traf sich die Daressalamer Kompagnie mit den teils im Fußmarsch, teils mit der Bahn herangezogenen Kompagnien aus Kilimatinde, Tabora, Udjidji, Usumbura und Kissenji.

Die Polizei, welche nach den geringen für den Kriegsfall getroffenen Vorbereitungen sofort zur Schutztruppe treten sollte, wurde wenigstens zum Teil zur Verfügung gestellt, eine Anzahl gediente Askari eingezogen, und so wurden sogleich vier neue Kompagnien (die Kompagnien 15 bis 18) aufgestellt.

Der Beurlaubtenstand an Deutschen wurde nach Bedarf eingezogen und jede Kompagnie zu rund 16 Europäern, 160 Askari und 2 Maschinengewehren formiert.

An einigen Stellen stieß die Einberufung der Europäer zur Waffe auf Schwierigkeiten. Den Besatzungen einiger Schiffe der Ostafrikalinie, die im Hafen von Daressalam lagen, wurde auf ihre Anfrage vom Bahnhofskommandanten irrtümlicherweise geantwortet, daß für sie kein Platz in der Truppe sei. Auf Veranlassung des stellvertretenden Gouvernements wurde den Leuten dann ein Revers vorgelegt, nach dem sie sich schriftlich verpflichten sollten, im Kriege neutral zu bleiben. Nachträglich wurde den Mannschaften dieser Verstoß gegen die Wehrpflicht klar, und auch ihr gesundes Empfinden sträubte sich dagegen. Unter Darlegung der Verhältnisse wandten sie sich an mich, der ich von diesen Vorgängen keine Ahnung hatte; glücklicherweise konnte der geplante Akt noch rückgängig gemacht werden, da der Revers noch nicht in die Hände des Feindes gelangt war.

Die Trägerausstattung der Kompagnien schwankte und wird durchschnittlich ungefähr 250 betragen haben. Die im Hafen von Daressalam ungeschützt lagernden Bestände an Waffen, Munition und anderem Kriegsgerät wurden auf verschiedene Plätze des Inneren längs der Bahn verteilt, wo Depots eingerichtet wurden.

Die Ausbildung der Truppen wurde sogleich mit Schwung betrieben, und schon damals bewährte sich die von einem praktischen Kompagnieführer, dem Hauptmann Tafel, angeregte Unkenntlichmachung unserer Kopfbedeckungen durch Gras und Blätter. Es war natürlich die Frage, ob es gelingen würde, mit unseren Askari auch gegen moderne Truppen zu fechten; es wurde dies von manchem alten Landeskenner bestritten. Nach Beobachtungen, die ich während des Aufstandes in Südwestafrika 1904-1906 gemacht hatte, glaubte ich aber, daß auch in dem ostafrikanischen Schwarzen, der ja derselben großen Familie des Bantustammes angehört wie der Herero, Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit geweckt werden könnten. Es war das gewiß ein Wagnis; aber dies vereinfachte sich dadurch wesentlich, daß uns gar nichts anderes zu tun übrig blieb.

Alle Organisationsfragen, die sonst im Frieden sorgfältig vorbereitet und durchdacht waren, mußten jetzt im Augenblick behandelt und entschieden werden. Hierzu gehörte die außerordentlich wichtige Regelung des Verpflegungswesens und des gesamten Nachschubs. Es kam darauf an, die großen, auch militärisch wichtigen Straßen in erster Linie zu berücksichtigen. Welche Straßen würden dies wohl sein?

Zunächst stellte sich heraus, wie nachteilig es war, daß zwischen dem Gebiet der Zentralbahn und der Usambarabahn keine Schienenverbindung bestand. Der Verkehr zwischen beiden hatte sich im Frieden zu Schiff von Daressalam nach Tanga abgespielt; jetzt war uns diese Möglichkeit unterbunden. Augenscheinlich war an die Wichtigkeit einer militärischen Benutzung der Bahnen nicht gedacht worden. Als Ersatz mußten wir eine Etappenstraße zwischen Morogoro und Korogwe an der Nordbahn ausbauen. Die zweite Straße führte westlich des Massai-Reservates entlang von Dodoma über Kondoa-Irangi, Ufiome nach Aruscha, und die dritte aus dem reichen Gebiet von Tabora, der Hauptstadt des Wanjamwesilandes, nach Muansa am Viktoriasee und damit in das Gebiet der auch vom Konsul King als wichtigsten unserer Stämme erkannten Wassukuma. Diese Verbindung war auch deshalb bedeutungsvoll, weil sie uns außer den reichen Viehbeständen die Reisernte vom Viktoriasee zuführte. Andere Linien verbanden Kilossa mit den reichen Gebieten von Mahenge, Iringa und sogar Langenburg, welches uns einen großen Teil des Bedarfs an Weizenmehl lieferte.

Nachdem die erste Organisation des Nachschubwesens im großen und ganzen hergestellt war, war es nicht möglich, dies auch weiterhin in seinen Einzelheiten vom Kommando aus zu leiten. Es mußte eine Persönlichkeit gefunden werden, die auf Grund ihrer militärischen Vergangenheit geeignet war, das Nachschubwesen nicht nur vom Standpunkt der Verwaltung aus, sondern auch den oft sehr drängenden militärischen Bedürfnissen entsprechend zu leiten und diesen anzupassen.