Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von 670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer „Muanza“ mit 2 Schleppern und 10 Dhaus (Booten) ab. Kurz nach dem Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an dem Feuer unserer Posten.

Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber, die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen Vormarsches nach Frankreich.

Fünfter Abschnitt
In der Erwartung weiterer Ereignisse

Schon mit Rücksicht auf die Bedrohung des Kilimandjarogebietes schien es mir angezeigt nach dem entscheidenden Erfolg von Tanga, der sowieso nicht weiter ausgebeutet werden konnte, die Truppen schnell wieder in die Gegend von Neumoschi abzutransportieren. Der Jubel der Ansiedler der Nordgebiete, die ja den Hauptteil der bei Tanga fechtenden Europäer gestellt hatten, war unbeschreiblich. Blumengeschmückt fuhr der erste Zug, der die Europäerkompagnie trug, wieder in Neumoschi ein. Ich selbst hatte bei Tanga noch ausreichend zu tun und folgte erst nach einigen Tagen zum Bahnhof in Neumoschi, wo das Kommando seine geschäftliche Tätigkeit wieder aufnahm. Bei der Knappheit des Personals konnten wir es uns nicht leisten, für die verschiedenen Funktionen auch immer verschiedene Persönlichkeiten zu haben. Wie der Offizier des Kommandos gelegentlich als Schütze oder Radfahrer einspringen mußte, so mußte auch der Intendant ordonnanzieren, der Schreiber im Gefecht mitschießen und als Gefechtsordonnanz tätig sein. Es war eine große Erleichterung des Dienstbetriebes, daß wir in dem europäisch ausgebauten Bahnhofsgebäude von Neumoschi eine Lokalität besaßen, wo wir trotz großer Engigkeit innerhalb des Stabes die meisten Sachen schnell im mündlichen Verkehr erledigen konnten. Wir verfügten über gute Telephon- und Telegraphenanlagen und lagen zentral in dem Netz von Fernsprechverbindungen und Wegen, die wir uns in beiden Richtungen sowohl auf Tanga, Taveta, Ost-Kilimandjaro, West-Kilimandjaro zum Longido, wie auch nach Aruscha geschaffen oder, soweit sie vorhanden waren, vervollkommnet hatten. Es gab Wochen, wo sich unser Dienstbetrieb fast wie im Frieden abspielte, allerdings bei gesteigerter Arbeitsleistung. Aber obgleich fast niemand innerhalb des Kommandos für sein Ressort vorgebildet oder vorbereitet war, so vollzog sich das Zusammenarbeiten doch harmonisch und erfolgreich. Es wurde vom besten Geist, von der Liebe zur Sache und kameradschaftlichem Zusammenhalten getragen.

Ich selbst begab mich im Auto — wir hatten uns nämlich auch bis zum Longido hin eine Autostraße gebaut — nach dem zwischen Longido und Kilimandjaro gelegenen Engare-Nairobi (kalter Fluß), einem Flüßchen, das vom Nordabhange des Kilimandjaro die Steppe in nordwestlicher Richtung durchzieht. Dort saßen eine Anzahl Burenfamilien auf ihren Farmen. Die Abteilung Kraut hatte ihr Lager dorthin verlegt, da der Verpflegungsnachschub bis zum Longido hin bei zweitägigem Marsch durch die Steppe nicht geschützt werden konnte und deshalb allzu gefährdet war. Ich überzeugte mich, daß auch hier, nördlich des Kilimandjaro, zur Zeit keine Gelegenheit zu Unternehmungen war und kehrte nach Neumoschi zurück. Der Weg von Neumoschi, wo ein großer Teil des Verpflegungsnachschubes aus Usambara und den weiter südlich gelegenen Gebieten per Bahn gesammelt wurde, beträgt bis Taveta 50 Kilometer. Wenn wir auch nur wenige Kraftfahrzeuge, nämlich 3 Personenwagen und 3 Lastautos im ganzen, zur Verfügung hatten, so bedeutete das für unsere Verhältnisse doch etwas Wesentliches. Die Drei-Tons-Wagen konnten auf der gut ausgebauten Straße bei trockenem Wetter bequem in einem Tage hin und zurück gefahren werden. Da Träger für dieselbe Strecke hin und zurück mindestens vier Tage brauchten, ergab die Berechnung, daß ein Auto so viel leistete wie 600 Träger, die außerdem selbst Verpflegung beanspruchten.

Dem später von den Engländern vertretenen Grundsatz, den Lastentransport von den Schultern der Träger und der Tiere zu nehmen und mit Automobilen zu bewerkstelligen, muß umsomehr beigetreten werden, als Menschen und Tiere unter den tropischen Erkrankungen in hohem Maße litten, während Mücken gegen Automobile ja machtlos sind. Wir konnten aber diesen klaren Vorteil nicht ausnutzen, weil wir eben nur wenige Kraftwagen hatten. Immer wieder mußten wir auch in dieser für den Nachschub ruhigen und geregelten Periode des Krieges auf Träger zurückgreifen. Noch heute sehe ich die Freude des damaligen Intendanten, als eine Trägerkarawane von 600 Wassukuma von Muanza her in Neumoschi anlangte; sie brachte vom Viktoriasee über Kondoa-Irangi bis zum Kilimandjaro Reis, der hier dringend benötigt wurde. Wenn man berücksichtigt, daß der Träger für diesen mindestens 30 Tage erfordernden Marsch täglich ein Kilogramm Verpflegung selbst braucht und höchstens 25 Kilogramm trägt, so müssen die Märsche schon sehr überlegt eingerichtet werden und durch besiedelte und verpflegungsreiche Gebiete führen, wenn überhaupt solche Transporte von Wert sein sollen. Wenn trotz dieser Nachteile der Trägertransport in großem Umfange in Anspruch genommen werden mußte, so zeigt dies die Schwierigkeit des Nachschubes und der Verpflegung, die wir in Kauf nehmen mußten.

Der Intendant Hauptmann Feilke verstand es aber auch meisterhaft mit den Leuten umzugehen und für sie zu sorgen. Die Träger fühlten sich gut aufgehoben, und das Wort „Kommando“, das sich einzelne als Eigennamen beilegten, gewann an Verbreitung. Mir persönlich gaben die paar Kraftwagen die Möglichkeit zu zahlreichen Geländeerkundungen und Besichtigungen von Truppen. Nach Taveta, wohin ein Teil der Truppen aus Tanga zurückkehrte, konnte ich von Neumoschi in zwei Stunden fahren; es hätte dies sonst vier Tage gedauert; später bin ich an einem Tage von Neumoschi aus zum Engare-Nairobi und westlich um den ganzen Meruberg nach Neumoschi zurück gefahren, eine Reise, die mit Trägern wohl nicht unter zehn Tagen zu machen war.

Der Erfolg von Tanga wirkte belebend auf die Entschlossenheit der ganzen Kolonie zum Widerstande.

Am 26. November gelang es in Morogoro dem Chef des Etappenwesens, Generalmajor Wahle, die Einwilligung des Gouverneurs zu erlangen, daß Daressalam im Falle eines Angriffes verteidigt werden sollte. Es war ein Glück, daß diese Einwilligung noch eben rechtzeitig erfolgte. Schon am 28. November erschienen zwei Kriegsschiffe, ein Transportschiff und ein Schlepper vor Daressalam, und verlangten eine Besichtigung unserer im Hafen liegenden Schiffe. Hier lag unter anderem die zum Lazarettschiff eingerichtete „Tabora“ der Deutsch-Ostafrikalinie. Da die Engländer schon bei einer früheren Gelegenheit erklärt hatten, daß sie sich an kein über Daressalam getroffenes Abkommen gebunden erachteten, so hätte es jedesmal erneuter Konzessionen bedurft, wenn man einer angedrohten Beschießung entgehen wollte. Es war also eine Schraube ohne Ende geschaffen. Ich drahtete nun, daß die verlangte Einfahrt einer englischen Pinasse in den Hafen mit Waffengewalt zu verhindern sei. Leider war diese Pinassenfahrt aber entgegen meiner Auffassung von der deutschen Behörde zugestanden worden, und der zur Zeit in Daressalam anwesende älteste Offizier fühlte sich hierdurch gebunden. Als nun aber die Engländer statt mit der einen zugestandenen Pinasse mit mehreren kleineren Fahrzeugen einfuhren, auf der „Tabora“ Zerstörungen vornahmen und sogar Personal dieses Schiffes gefangen fortnahmen, wurde das Unzweckmäßige unserer bisherigen Zugeständnisse allen bis dahin Zweifelnden doch zu augenscheinlich. Hauptmann von Kornatzky kam noch gerade rechtzeitig genug, um die kleinen englischen Fahrzeuge, als sie beim Auslaufen die schmale nördliche Hafeneinfahrt durchfuhren, wirksam unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Hierbei wurde leider auch einer der deutschen Gefangenen verwundet. Die Abwehrmaßnahmen waren eben nicht rechtzeitig getroffen worden. Es ist dies ein kleines Beispiel dafür, wie gefährlich und schließlich auch unvorteilhaft es ist, wenn im Kriege der militärische Führer immer wieder in seinen Entschlüssen und in der Ausführung seiner nun einmal unvermeidlichen Handlungen beeinträchtigt wird.

Übrigens richtete die nun folgende Beschießung von Daressalam keinen nennenswerten Schaden an, denn daß ein paar Häuser dabei beschädigt wurden, kann man ernsthaft als solchen nicht rechnen.