In den Zeiten relativer Seßhaftigkeit, die wir in Neumoschi hatten, war auch die wirtschaftliche Seite des Lebens angenehm. Die Europäer, zum großen Teil den Siedlerkreisen der Nordgebiete angehörend, beschafften sich den Hauptanteil ihrer Verpflegung selbst. Reis, Weizenmehl, Bananen, Ananas, europäisches Obst, Kaffee und Kartoffeln strömte reichlich von den Pflanzungen her an die Truppe. Zucker beschafften die zahlreichen Fabriken, und Salz wurde in der Hauptsache von der an der Zentralbahn zwischen Tabora und dem Tanganjika gelegenen Saline Gottorp geliefert. Viele Pflanzungen stellten ihren Betrieb ganz auf die Truppenverpflegungen ein, und bei den reichlich vorhandenen Arbeitskräften machte dieser Wechsel im Anbau keinerlei Schwierigkeiten.

Aber auch der Nachschub mußte angespannt werden. Die von Kimamba zur Nordbahn, nach Mombo und Korogwe führende große Etappenstraße wurde immer weiter ausgebaut, um den Transport der aus dem Gebiet der Tanganjikabahn und weiter aus dem Süden stammenden Erzeugnisse nach dem Norden zu bewältigen. Mindestens 8000 Träger waren allein auf dieser Strecke dauernd in Tätigkeit. Es stellte sich bald als praktisch heraus, die Trägerkarawanen die etwa 300 km lange Strecke nicht durchgehen zu lassen, sondern die Träger auf einzelne Etappen zu verteilen. Hier war es dann möglich, sie stationär unterzubringen und auch in gesundheitlicher Beziehung zu überwachen. Hygieniker bereisten die Strecke und taten das Menschenmögliche für die Gesundheit der Träger im Kampfe besonders gegen Ruhr und Typhus. So entstanden an dieser stark in Anspruch genommenen Etappenstraße auf Tagesmarschentfernungen dauernde Trägerlager, in denen die Leute in zunächst provisorischen, später gut ausgebauten Hütten untergebracht waren. Die Lagerdisziplin war streng geregelt. Um auch für die zahlreich durchreisenden Europäer zu sorgen, wurden für diese kleine Häuser mit Betonfußboden angelegt; der einzelne hatte hier die Möglichkeit, sich aus den Beständen der Etappe zu verpflegen, ohne, wie es sonst bei afrikanischen Reisen üblich ist, den gesamten Verpflegungsvorrat auf lange Zeit mitschleppen zu müssen. Die Arbeit an dieser Etappenstraße war Gegenstand dauernder Aufmerksamkeit, Europäer und Farbige mußten die Zusammenarbeit so großer Menschenmassen erst lernen und begriffen die Wichtigkeit von Ordnung und Disziplin für das Funktionieren des Nachschubes und für die Gesundheit aller Beteiligten.

Auf dem Bahnhof von Neumoschi arbeiteten Telegraph und Telephon andauernd, Tag und Nacht. Bei der Improvisierung der gesamten Organisation konnten Reibungen nicht völlig ausbleiben. Alle Angehörigen des Kommandos waren außerordentlich belastet. Aber es boten sich auch Lichtblicke während der angestrengten Arbeit. Die materielle Versorgung der Europäer hier im Norden kam auch uns im Kommando zugute. Durch zahlreiche Zusendungen von Privatleuten wurden wir geradezu verwöhnt. Wenn einer von uns die Nordbahn entlang fuhr, an der es im Frieden selbst für Geld und gute Worte schwer war, sich etwas Verpflegung zu beschaffen, so sorgte jetzt fast an jeder Station jemand für uns. Ich erinnere mich an einen Fall, wo der aus der Gegend nördlich des Erokberges von anstrengenden Patrouillen recht ausgehungert zurückgekehrte Oberleutnant Freiherr v. Schroetter beim Kommando in Neumoschi eintraf. Nachdem er von 7 bis 11 Uhr nach Durchschnittsbegriffen reichlich verpflegt worden war, bat er schüchtern, ihm doch noch einmal Abendbrot zu geben. Am nächsten Morgen trat er einen vierzehntägigen Urlaub zu seiner in Usambara gelegenen Pflanzung an, um sich zu erholen und nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Frühstück gaben wir ihm Kaffee, Brot, Butter und Fleisch in den Zug mit und hatten die verschiedenen Bahnstationen angewiesen, sich dieses gänzlich verhungerten Patrouillenmannes anzunehmen. So wurde ihm nach einer halben Stunde in Kahe von der dortigen Bahnhofswache von neuem Frühstück gereicht, in Lembeni hatte die reizende Frau des dortigen Bahnhofskommandanten ihm einen Kuchen gebacken und in Same versorgte ihn der Führer des dortigen Rekrutendepots, Feldwebel Reinhardt. In Makanja brachte ihm der Wachthabende, Pflanzer Barry aus der Umgegend, selbstbereitete Schokolade und Ochsenherzen — es ist dies eine etwa melonengroße Frucht —, in Buiko hatte der gastliche Betriebsdirektor der Nordbahn, Kühlwein, der uns so oft bei unserer Durchreise erfrischt hat, ihm ein solennes Essen vorbereitet. In Mombo, wo der Nachschub der Usambaraberge zusammenströmte und wo wir in der Hauptsache unsere Truppenwerkstätten eingerichtet hatten, erwartete unsern Schützling Oberdeckoffizier Meyer mit einem nahrhaften Vesperbrot. Da aber erhielten wir das Telegramm: „Bitte nichts weiteres bestellen. Ich kann nicht mehr.“

Affenbrotbaum


GRÖSSERES BILD

So viel verständnisvoller Scherz für die Stimmung eines ausgehungerten Leutnants in dieser andauernden Bewirtung liegt, so zeigt sie besser als theoretische Auseinandersetzungen das innige Zusammenarbeiten aller Teile der Bevölkerung der Nordbezirke mit der Truppe und das Bestreben, uns jeden Wunsch an den Augen abzulesen. Dieses Zusammenhalten ist geblieben, solange die Truppe im Norden war.

Wenn der Dienst es irgend gestattete, sorgten wir für Abwechslung und Erholung. Oft haben wir uns in der Umgebung von Neumoschi des Sonntags zu fröhlicher Treibjagd zusammengefunden. Träger und Askari hatten bald ihre Rolle als Treiber begriffen und trieben in musterhafter Ordnung durch den dichtesten Busch uns das Wild zu, das sie mit lautem: „Huju, huju“, auf deutsch: „Da ist er“, ankündigten. Die Strecke dürfte, was Vielseitigkeit anbetrifft, auf europäischen Jagden bisher nirgends erreicht worden sein: Hasen, verschiedene Zwergantilopen, Perlhühner und verschiedene Verwandte des Rebhuhnes, Enten, Buschböcke, Wasserböcke, Luchse, verschiedene Arten Wildschweine, kleine Kudus, Schakale und eine Menge anderes Wild kamen vor. Ich entsinne mich, daß einmal zu meiner Überraschung auf 15 Schritt lautlos ein Löwe vor mir erschien. Leider hatte ich die Flinte in der Hand, und ehe ich die auf meinen Knien liegende Büchse in Anschlag bringen konnte, war er ebenso lautlos verschwunden. Die Jagd gab in dem wildreichen Gebiet des Kilimandjaro, mehr aber noch östlich von Taveta, einen willkommenen Zuschuß zu unserer Fleischversorgung. Im wesentlichen beruhte diese aber auf den Viehbeständen, die aus den Gebieten des Kilimandjaro und Meru von den Massai, aber auch von weit her aus den Gebieten des Viktoriasees für die Truppe nutzbar gemacht wurden.

Sechster Abschnitt
Weitere schwere Kämpfe im Nordosten

Als wir in der Missionskirche von Neumoschi und später in unserer Messe im Bahnhof das Weihnachtsfest 1914 feierten, begannen sich die militärischen Ereignisse nördlich von Tanga so weit zuzuspitzen, daß ein entscheidendes Eingreifen dort wahrscheinlich wurde. Unsere Patrouillen, welche dort auf britischem Gebiet standen, waren in den letzten Tagen des Dezember allmählich zurückgedrängt worden und hatten sich südlich von Jassini auf deutschem Gebiet gesammelt. Es waren hier 2 Kompagnien und ein aus etwa 200 Arabern gebildetes Korps vereinigt. Der Feind hatte sich augenscheinlich verstärkt und die Gebäude der deutschen Pflanzung Jassini besetzt.