Es machte den Eindruck, als ob er durch allmähliches Vorrücken längs der Küste auf Tanga vordringen und das von ihm besetzte Gebiet durch ein Blockhaussystem sichern wollte. Um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu erkunden, fuhr ich mit Hauptmann von Hammerstein Mitte Januar nach Tanga und dann im Automobil auf der soeben fertiggestellten neuen Straße, die 60 km längs der Küste nach Norden in das Lager des Hauptmanns Adler bei Mwumoni führte. Eine Erkundung, auf der mich der durch zahlreiche erfolgreiche Patrouillengänge in der dortigen Gegend besonders geeignete Leutnant d. R. Bleeck führte, zeigte, daß das Gelände um Jassini herum in der Hauptsache aus einer meilenlangen Kokospflanzung der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft bestand, in die Sisal, eine mit spitzen Stacheln versehene Agavenart, hineingebaut war. Dieser Sisal, der ein dichtes Unterholz in den Stangen der Kokospalmen bildete, war an vielen Stellen mit seinen stachligen Blättern so ineinander gewachsen, daß man sich nur hindurch zwängen konnte, wenn man eine Menge recht unangenehmer Stiche erduldete. Eine Schwierigkeit ist es ja immer, in solchem ganz unbekannten Gelände, ohne die Grundlage einer Karte, nur auf die Meldungen der Patrouillen hin die Anlage für ein Gefecht zu treffen. Hier konnte diese Schwierigkeit dadurch behoben werden, daß der zur Truppe eingezogene langjährige Assistent der Pflanzung, Lt. d. R. Schaefer, genaue Angaben machen konnte. Es wurde eine leidlich zutreffende Skizze angefertigt und mit Kriegsnamen versehen. Im großen und ganzen schien es so, daß es sich bei Jassini um einen vorgeschobenen Posten handelte, und daß die Hauptmacht der feindlichen Truppen weiter nördlich sich in befestigten Lagern befand. Es war anzunehmen, daß ein Angriff auf den vorgeschobenen Posten bei Jassini die Teile des feindlichen Gros aus ihren Lagern herauslocken und zum Kampfe im freien Felde veranlassen würde. Mein Plan war, diese Möglichkeit auszunutzen. Um gegen den aus seinen Sammelpunkten zur Unterstützung herbeieilenden Feind unter günstigen taktischen Bedingungen zu fechten, beabsichtigte ich, meine Truppen an seinen voraussichtlichen Anmarschwegen so bereit zu halten, daß er seinerseits gegen sie anlaufen mußte.

Die Beschaffung der Verpflegung hatte in der dicht besiedelten Gegend keine Schwierigkeiten, und von den zahlreichen Europäerpflanzungen konnten die erforderlichen Träger gestellt werden. Es brauchten also beim Hertransport der von Moschi telegraphisch herbeibefohlenen Kompagnien nur die Maschinengewehr- und die Munitionsträger mitzukommen, eine wesentliche Erleichterung für den Eisenbahntransport. Dieser spielte sich bei der erprobten Umsicht des Linienkommandanten, Leutnant d. Ldw. a. D. Kroeber, und dem Verständnis und dem Feuereifer, mit dem das gesamte Bahnpersonal die unvermeidlichen Anstrengungen glatt ertrug, schnell und ohne Reibung ab.

Am 16. Januar waren die von Moschi kommenden Kompagnien einige Kilometer westlich von Tanga ausgeladen und sogleich in Richtung auf Jassini in Marsch gesetzt worden, ebenso die Truppen aus Tanga, wo zum unmittelbaren Schutz nur eine Kompagnie zurückblieb. Am 17. Januar abends waren die Streitkräfte, im ganzen neun Kompagnien mit zwei Geschützen, 11 Kilometer südlich Jassini bei der Pflanzung Totohowu versammelt, und der Befehl zum Angriff wurde für den nächsten Morgen gegeben. Major Kepler wurde mit zwei Kompagnien rechts umfassend, Hauptmann Adler mit zwei weiteren Kompagnien links umfassend gegen das Dorf Jassini angesetzt. Nordwestlich, an der von Semanja kommenden Straße, wurde das Araberkorps aufgestellt, Hauptmann Otto mit der neunten Kompagnie ging frontal auf der Hauptstraße gegen Jassini vor; ihm folgte unmittelbar das Kommando und dahinter das Gros, aus der Europäerkompagnie, drei Askarikompagnien und zwei Geschützen bestehend. Die Märsche waren so angesetzt, daß beim ersten Tagesgrauen der Angriff gleichzeitig gegen Jassini zu erfolgen hatte und alle Kolonnen sich durch energisches Vorgehen gegenseitig entlasten sollten. Noch vor Anbruch des Tageslichtes fielen die ersten Schüsse bei der Kolonne Kepler, wenige Minuten später begann das Feuer auch vor uns bei der Kolonne Otto und wurde dann allgemein. Es war nicht möglich, sich ohne jede Übersicht in dem endlosen Palmenwald auch nur ein annäherndes Bild zu machen von dem, was eigentlich los war. Wir waren aber bereits so dicht an der feindlichen Stellung von Jassini, daß der Feind überrascht schien, trotz seines ausgezeichneten Kundschafterdienstes. Diese Vermutung hat sich später wenigstens teilweise bestätigt. Von unserer schnellen Konzentration südlich Jassini und dem unmittelbar darauf erfolgenden Angriff mit so starken Truppen hatte der Feind tatsächlich keine Ahnung gehabt.

Die Kolonne Otto warf eine ihr gegenüber verschanzte Postierung schnell zurück, und das Kommando begab sich nun links ausholend durch den Wald, wo zunächst eine und dann zwei weitere Kompagnien zu umfassendem Vorgehen gegen Jassini angesetzt wurden. Hierbei war es auffallend, daß wir auf nahe Entfernung, vielleicht 200 Meter nur, ein sehr wohlgezieltes Feuer erhielten, und erst viel später stellte sich heraus, daß der Feind in Jassini nicht nur einen schwachen Posten hatte, sondern daß hier vier indische Kompagnien in einem stark ausgebauten und vortrefflich gedeckten Fort eingenistet waren. Der hinter mir gehende Hauptmann von Hammerstein brach plötzlich zusammen: er hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. So nahe mir dies natürlich ging, mußte ich im Augenblick den Schwerverwundeten in ärztlicher Hand zurücklassen. Nach wenigen Tagen riß der Tod dieses ausgezeichneten Offiziers eine schwer auszufüllende Lücke in die Tätigkeit unseres Stabes.

Das Gefecht war sehr heftig geworden. Zwei unserer Kompagnien hatten, obgleich die beiden Kompagnieführer, die Oberleutnants Gerlich und Spalding gefallen waren, in glänzendem Sturmlauf die festen Pflanzungsgebäude von Jassini rasch genommen und sich nun unmittelbar vor der feindlichen Stellung eingenistet. Bald wurde das Eingreifen der feindlichen Hauptkräfte fühlbar. Aus nordöstlicher Richtung, von Wanga her, trafen starke feindliche Kolonnen ein und erschienen plötzlich dicht vor unseren an der Befestigung bei Jassini liegenden Kompagnien. Der Feind machte drei energische Angriffe an dieser Stelle und wurde jedesmal zurückgeworfen. Von Norden und Nordwesten her trafen gleichfalls feindliche Kolonnen ein. Gegen die westlichen hatte das Araberkorps seine Aufgabe schlecht erfüllt; schon am Tage vorher hatten mich viele der Araber bestürmt, sie doch zu entlassen. Als sie jetzt im dichten Versteck an der feindlichen Anmarschstraße den Gegner erwarten sollten, war ihnen die Spannung zu groß. Statt überraschend ein vernichtendes Feuer abzugeben, schossen sie blind in die Luft und rissen dann aus. Glücklicherweise trafen diese feindlichen Kolonnen dann aber auf Hauptmann Adlers beide Kompagnien und wurden blutig zurückgewiesen. Das ganze Gefecht hatte sich bis dahin als ein tatkräftiges Vorstürmen charakterisiert; auch die letzte Reserve, nämlich die Europäerkompagnie, war auf ihre dringende Bitte eingesetzt worden. Gegen Mittag war das Gefecht vor der starken feindlichen Befestigung an allen Stellen zum Stehen gekommen. Wir hatten tatsächlich keine Mittel, gegen diese Befestigungen etwas Ausreichendes zu unternehmen, und auch unsere Feldgeschütze, die wir aus 200 Meter in Stellung brachten, erzielten keinen durchschlagenden Erfolg. Die Hitze war unerträglich und wie bei Tanga löschte alles den Durst mit jungen Kokosfrüchten.

Ich selbst begab mich mit Leutnant Bleeck nun auf den rechten Flügel, um die Vorgänge bei der Kolonne des Majors Kepler zu erkunden; über die feindliche Befestigung hatte ich damals noch keine volle Klarheit gewonnen, und so gerieten wir auf dem Sande eines zur Zeit trockenen, ganz freien und übersichtlichen Creeks wiederum in ein sehr wohlgezieltes Feuer. Die Geschosse schlugen aus 500 Meter Entfernung dicht bei uns ein und konnten bei den deutlich sichtbaren Sandspritzern gut korrigiert werden. Der Sand war so tief und die Hitze derartig groß, daß man nur wenige Schritte laufen oder rasch gehen konnte. In der Hauptsache mußten wir langsam ungedeckt gehen und das lästige Feuer über uns ergehen lassen. Glücklicherweise tat uns dieses aber keinen ernsthaften Schaden, obgleich ein Schuß durch den Hut und einer durch den Arm, den ich erhielt, zeigten, daß es wenigstens gut gemeint war. Bei der Rückkehr vom rechten Flügel waren der Durst und die Erschöpfung so groß, daß zwischen einigen sonst nicht feindlich gesinnten Herren ernstliche Meinungsverschiedenheiten wegen einer Kokosnuß entstanden, obgleich in den massenhaft vorhandenen Bäumen weitere Nüsse unschwer zu erlangen waren.

Das Kommando hatte sich wieder an die Straße Totohowu-Jassini begeben. Auf dieser lag eine leichte Pflanzungsbahn, deren Wagen unausgesetzt Verwundete nach Totohowu fuhren, in dessen Europäergebäuden ein Lazarett eingerichtet war. Die Munition — der Askari trug etwa 150 Patronen — begann knapp zu werden, und die Mahnungen aus der Schützenlinie mehrten sich, daß sie sich nicht mehr halten könnte. Leichtverwundete, die verbunden waren, und ein Haufen Versprengter strömten beim Kommando zusammen, ganze Züge hatten sich total verlaufen oder aus anderen Gründen den ihnen zugewiesenen Platz verlassen. Alle diese Leute wurden gesammelt, von neuem eingeteilt und so wieder eine verwendungsfähige Reserve geschaffen. Die Munition der Maschinengewehrgurte war zum großen Teil aufgebraucht, und neue Munition rollte von Totohowu auf der Trollibahn heran. Die Gurtfüller der Maschinengewehre, an den Stämmen der Palmen befestigt, arbeiteten unausgesetzt. Es war klar, daß wir bereits erhebliche Verluste erlitten hatten. Mancher Wunsch wurde ausgesprochen, das Gefecht abzubrechen, da die Einnahme der feindlichen Befestigungen ja doch aussichtslos erschien. Wenn man aber bedachte, in welcher unangenehmen Lage der in seiner Befestigung eingeschlossene Feind war, der kein Wasser hatte und alle Tätigkeiten des täglichen Lebens dort verhältnismäßig eng zusammengedrängt in glühender Sonne und im feindlichen Feuer verrichten mußte, so schienen doch beim zähen Festhalten unsererseits Erfolge noch weiterhin erreichbar. Der Nachmittag und die Nacht vergingen in unausgesetztem Gefecht; wie immer in solchen kritischen Lagen tauchten alle möglichen Gerüchte auf. Die Besatzung der feindlichen Befestigungen sollte aus südafrikanischen Europäern, hervorragenden Scharfschützen, bestehen; einige wollten genau ihre Sprache verstanden haben. Und es war auch wirklich jetzt noch sehr schwer, sich ein klares Bild zu machen. Meine Ordonnanz, der Ombascha (Gefreite) Rajabu, war sofort zu näherer Erkundung bereit, kroch dicht an die feindliche Linie heran und fiel dort. Der Schwarze, an sich leicht erregbar, war es in dieser kritischen Lage bei Nacht doppelt, und ich mußte die Leute mehrfach ernstlich schelten, wenn sie blind in die Luft knallten.

In der Frühe des 19. Januar lebte das Feuer zu größter Heftigkeit wieder auf. Der Feind, auf allen Seiten eingeschlossen, machte einen mißglückten Ausfall und zeigte kurz darauf die weiße Fahne. Vier indische Kompagnien, mit europäischen Offizieren und Chargen, fielen in unsere Hand. Wir alle bemerkten den kriegerischen Stolz, mit dem unsere Askari auf den Feind blickten; ich habe nie gedacht, daß unsere Schwarzen so vornehm aussehen könnten.

Freund und Feind hatten sich in unangenehmer Lage befunden und waren der Erschöpfung ihrer Nervenkraft nahe. So pflegt es bei jedem ernsthaften Ringen zu sein — die Askari lernten aber jetzt, daß man das erste Mißbehagen bezwingen muß, um den zum Sieg erforderlichen letzten Vorsprung vor dem Feind zu gewinnen. Den Verlust des Feindes schätzte ich auf mindestens 700 Mann, die erbeuteten Papiere ergaben ein klares Bild über seine Stärke, die mehr als das Doppelte unserer eigenen betrug. Hiernach hatte der Führer der Truppe in Britisch-Ostafrika, General Tighe, der kurz vorher in Wanga gelandet war, mehr als 20 Kompagnien, die meistens im Fußmarsch aus der Richtung von Mombassa her die Küste entlang marschiert waren, in Jassini und Umgebung versammelt. Sie sollten weiter in Richtung auf Tanga vordrücken.

Der Abtransport der Verwundeten von Jassini in die Lazarette der Nordbahn ging in wenigen Tagen mit Hilfe der Automobile und der Rikschas, die zwischen dem Feldlazarett von Totohowu und Tanga verkehrten, glatt vor sich. Diese Rikschas, von einem Mann gezogene kleine federnde Karren (wie Dogcarts), die in Tanga die Rolle von Droschken spielten, waren von dem leitenden Sanitätsoffizier für Verwundetentransporte requiriert worden. Der Feind hatte sich in seine befestigten Lager nördlich der Landesgrenze zurückgezogen, auf die mir ein erneuter Angriff wenig Aussicht versprach. Ihm gegenüber wurde als Rückhalt für die sofort einsetzenden Unternehmungen der Patrouillen eine Abteilung von wenigen Kompagnien bei Jassini belassen; der Hauptteil der Truppen wurde wieder in die Gebiete des Kilimandjaro abtransportiert.