Der Marsch zu dem Einschiffungspunkt der Nordbahn führte die Truppen über die Pflanzung Amboni. Dort hatten die Bewohner von Tanga aus freien Stücken Verpflegung und Erfrischungen vorbereitet, und nach den ungeheuren Strapazen, die die Unternehmung von Jassini mit ihren andauernden Gewaltmärschen, ihrer aufreibenden Hitze und den Tag und Nacht währenden Gefechten mit sich gebracht hatte, belebte sich das schwefelhaltige Flüßchen Sigi schnell mit Hunderten von weißen und schwarzen badenden Gestalten. Alle Mühsal war vergessen und die Stimmung stieg aufs höchste, als gerade in diesem Augenblick nach längerer Pause wieder einmal ein Funkspruch aus der Heimat aufgenommen wurde. Er zeigte uns, daß die Meldung von den Gefechten bei Tanga soeben in Deutschland eingetroffen sein mußte und enthielt die Anerkennung Seiner Majestät für den dort errungenen Erfolg.

Siebenter Abschnitt
Kleinkrieg und neue Zurüstungen

Später erbeutete Papiere erwiesen zahlenmäßig, daß der Feind Truppenverschiebungen vom Viktoriasee nach dem Kilimandjaro zu vornahm. Das Gefecht von Jassini entlastete also tatsächlich andere, weit entfernt gelegene Gebiete. Diese Beobachtung bestätigte den ursprünglichen Gedanken, daß das feste Anfassen des Feindes an einer Stelle zugleich die beste Sicherung auch des Restes des Schutzgebietes sei. Es war von untergeordneter Bedeutung, ob der Rest des Schutzgebietes auch lokal energisch verteidigt wurde. Trotzdem begrüßte ich es mit Freuden, daß der Gouverneur sich im Februar 1915 zu dem Befehl bewegen ließ, daß die Küstenplätze bei feindlicher Bedrohung zu verteidigen seien. Die bisherigen Erfolge hatten bewiesen, daß eine solche lokale Verteidigung auch gegen das Feuer der Schiffsgeschütze nicht aussichtslos war.

Unser mit neun Kompagnien ausgeführter Angriff hatte bei Jassini zwar zu einem vollen Erfolge geführt, aber er zeigte mir, daß so schwere Verluste, wie auch wir erlitten hatten, nur ausnahmsweise ertragen werden konnten. Wir mußten mit unseren Kräften haushalten, um eine lange Dauer des Krieges zu ertragen. Von den aktiven Offizieren waren Major Kepler, die Oberleutnants Spalding und Gerlich, die Leutnants Kaufmann und Erdmann gefallen, Hauptmann v. Hammerstein an seiner Wunde gestorben. Für den Verlust dieser Berufssoldaten — ungefähr ein Siebentel der im ganzen vorhandenen aktiven Offiziere — gab es keinen Ersatz.

Auch der Verbrauch von 200000 Patronen zeigte mir, daß ich mit den vorhandenen Mitteln höchstens noch drei derartige Gefechte führen konnte. Die Notwendigkeit, größere Schläge nur ganz ausnahmsweise, dafür aber in der Hauptsache Kleinkrieg zu führen, trat gebieterisch in den Vordergrund.

Der leitende Gedanke, immer wieder gegen die Ugandabahn zu wirken, konnte aber wieder aufgenommen werden, da sich hier Unternehmungen mit größeren Truppenkörpern sowieso nicht ausführen ließen. Es galt, in mehrtägigen Märschen die weite, wasser- und menschenarme Steppe zu durchschreiten, die außer gelegentlichen Jagderträgnissen wenig an Verpflegung bot. Es war nötig, nicht nur Verpflegung, sondern auch Wasser mitzutragen. Schon hierdurch begrenzte sich die Stärke der marschierenden Abteilung. Es bedarf für solche Expedition durch verpflegungs- und wasserlose Gebiete viel Erfahrung der Truppe, wie sie im damaligen Stadium des Krieges noch nicht vorhanden sein konnte. Für den Durchmarsch durch diese Steppe war eine Kompagnie schon zu viel, und wenn sie dann nach mehrtägigem Marsch einen Punkt der Ugandabahn wirklich erreicht hätte, so hätte sie wieder umkehren müssen, weil der Verpflegungsnachschub nicht aufrechterhalten werden konnte. Diese Verhältnisse besserten sich mit der Zeit durch größere Schulung der Truppe und durch die allmählich wachsende Kenntnis des Geländes, welches zuerst im wesentlichen terra incognita war.

Es blieb also nichts anderes übrig, als den gewollten Zweck durch kleine Abteilungen, Patrouillen, zu erreichen. Auf diese Patrouillen wurde in der Folgezeit der allergrößte Wert gelegt. Vom Engare-Nairobi aus umritten kleinere Abteilungen von 8 bis 10 Mann, aus Europäern und Askari gemischt, die feindlichen Lager, die sich bis zum Longido vorgeschoben hatten, und legten sich an deren rückwärtige Verbindungen. Aus der Tangabeute standen Telephonapparate zur Verfügung, die sie an die englischen Telephonleitungen anschlossen; dort warteten sie dann ab, bis größere oder kleinere feindliche Abteilungen oder Ochsenwagentransporte vorbeizogen. Aus 30 Meter wurde der Feind dann aus dem Hinterhalte beschossen, Gefangene und Beute gemacht, und die Patrouille verschwand wieder in der endlosen Steppe. So wurden damals Gewehre, Munition und Kriegsbedarf aller Art erbeutet.

Eine dieser Patrouillen hatte am Erokberge beobachtet, daß der Feind seine Reittiere zur bestimmten Zeit zur Tränke trieb. Schnell machten sich zehn unserer Reiter auf und lagerten nach zweitägigem Ritt durch die Steppe in der Nähe des Feindes. Sechs Mann kehrten mit den Pferden zurück, die vier anderen nahmen jeder einen Sattel und schlichen sich auf wenige Schritte durch die feindlichen Posten bis in die Nähe der hinter dem Lager gelegenen Tränke. Ein englischer Soldat trieb die Herde, als ihm plötzlich zwei unserer Patrouillenreiter mit fertig gemachtem Gewehr und dem Zuruf: „Hands up!“ aus dem Busch gegenübertraten. Vor Erstaunen fiel ihm die Tonpfeife aus dem Munde. Sofort wurde an ihn die Frage gerichtet: „Wo sind die fehlenden vier Pferde?“ Unser gewissenhafter Patrouillenmann hatte nämlich beobachtet, daß die Herde nur aus 57 Stück bestand, während er gestern 61 gezählt hatte! Diese vier waren schonungsbedürftig und im Lager zurückgelassen worden. Schnell wurden das leitende Pferd der Herde und noch einige andere gesattelt, ausgesessen, und im Galopp ging es herum um das feindliche Lager, den deutschen Linien zu. Auch in dem gefangenen Engländer, der ohne Sattel, auf dem blanken Rückgrat des Pferdes diese „Safari“ nicht gerade bequem mitmachen mußte, regte sich der angeborene Sportsinn seiner Nation. Humorvoll rief er aus: „Ich möchte jetzt wirklich das Gesicht sehen, welches mein Captain macht“, und als die Tiere glücklich im deutschen Lager angekommen waren: „It was a damned good piece of work“ (Es war eine verteufelt gute Leistung).

Die so gemachte Beute, durch eine Anzahl auch sonst aufgetriebener Pferde und Maultiere verstärkt, gestattete die Aufstellung einer zweiten berittenen Kompagnie. Die Zusammensetzung der nunmehr vorhandenen zwei berittenen Kompagnien, aus Europäern und Askari gemischt, hat sich bewährt. Sie gab uns das geeignete Material, um die weiten, nördlich des Kilimandjaro belegenen Steppengebiete mit starken mehrtägigen Patrouillen abzustreifen, auch bis zur Ugandabahn und zur Magadbahn vorzudringen, Brücken zu zerstören, Bahnpostierungen zu überfallen, Minen am Bahnkörper anzubringen und überraschende Unternehmungen aller Art auf den Landverbindungslinien zwischen der Bahn und den feindlichen Lagern auszuführen. Auch für uns ging es dabei nicht ohne Verluste ab. Eine Patrouille hatte in der Nähe der Magadbahn einen glänzenden Feuerüberfall gegen zwei Inderkompagnien ausgeführt, dann aber ihre Reittiere, die im Versteck zurückgelassen worden waren, durch das feindliche Feuer verloren; den weiten, viertägigen Rückweg durch die Steppe mußte sie zu Fuß und ohne Verpflegung zurücklegen. Glücklicherweise fand sie in einem Massaikral Milch und etwas Vieh, später rettete sie dann ein erlegter Elefant vor dem Verhungern. Aber mit den Erfolgen regte sich auch die Unternehmungslust, und die Bitten, möglichst bald eine Patrouille gehen oder reiten zu dürfen, wurden zahlreich.

Einen anderen Charakter hatten die Patrouillen, die aus dem Kilimandjarogebiet mehr in östlicher Richtung vorgingen. Sie mußten sich zu Fuß tagelang durch dichten Busch hindurcharbeiten. Die Bahnzerstörungspatrouillen waren meist schwach: ein oder zwei Europäer, 2 bis 4 Askari, 5 bis 7 Träger. Sie mußten sich durch die feindlichen Sicherungen hindurchschleichen und wurden vielfach von eingeborenen Spähern verraten. Trotzdem erreichten sie ihr Ziel meist und waren manchmal über zwei Wochen unterwegs. Für so wenige Leute war ein geschossenes Stück Wild oder eine geringe Beute dann ein erheblicher Verpflegungsrückhalt. Trotzdem waren die Strapazen und der Durst in der brennenden Hitze so groß, daß mehrfach Leute verdurstet sind; auch Europäer haben Urin getrunken. Schlimm stand es, sobald einer krank oder verwundet war; es war dann oft trotz besten Willens nicht möglich, ihn zu transportieren. Das Tragen eines Schwerverwundeten von der Ugandabahn durch die ganze Steppe bis zu den deutschen Lagern, wie es vorgekommen ist, bedeutete daher eine ganz gewaltige Leistung. Das sahen auch die Farbigen ein, und es sind Fälle vorgekommen, wo ein verwundeter Askari im vollen Bewußtsein dessen, daß er rettungslos verloren und den zahlreich vorhandenen Löwen preisgegeben war, nicht klagte, wenn er verwundet im Busch liegengelassen werden mußte, sondern von sich aus Gewehr und Patronen den Kameraden mitgab, um wenigstens diese nicht verlorengehen zu lassen.