Mehr und mehr vervollkommnete sich dieses Patrouillenwesen. Die Vertrautheit mit der Steppe wuchs, und neben der Spreng- und Schleichpatrouille entwickelten sich die Kampfpatrouillen. Diese, 20 bis 30 Askari oder stärker, manchmal mit ein bis zwei Maschinengewehren ausgerüstet, zogen auf den Feind los und suchten ihm im Kampfe Verluste beizubringen. Im dichten Busch kam es hierbei zu so nahen und überraschenden Zusammenstößen, daß unsere Askari manchmal buchstäblich über den liegenden Feind hinweggesprungen und so von neuem in dessen Rücken gelangt sind. Der Einfluß dieser Unternehmungen auf die Selbständigkeit und den Tatendrang war bei Europäern und Farbigen so groß, daß sich schwer eine Truppe mit einem besseren soldatischen Geist finden dürfte. Freilich, manche Nachteile ließen sich nicht ausgleichen. Insbesondere konnten wir bei unserer Knappheit an Patronen keine so hohen Grade der Schießausbildung erreichen, um den Feind, wo wir ihn in ungünstige Lage gebracht hatten, wirklich aufzureiben.
Auch unsere Technik lag nicht müßig. Geschickte Feuerwerker und Waffenmeister konstruierten unausgesetzt im Verein mit den Ingenieuren der Fabriken geeignete Apparate für die Bahnsprengungen. Manche dieser Apparate zündeten, je nachdem sie eingestellt wurden, entweder sofort oder nachdem eine bestimmte Anzahl Achsen darüber gefahren war. Mit der zweitgenannten Einrichtung hofften wir die Lokomotiven zu zerstören, da die Engländer als Schutzmaßregel ein oder zwei mit Sand beladene Wagen vor den Maschinen laufen ließen. Als Sprengmaterial war Dynamit auf den Pflanzungen reichlich vorhanden, sehr viel wirksamer aber waren die bei Tanga erbeuteten Sprengpatronen.
Im April 1915 traf überraschend die Nachricht von der Ankunft eines Hilfsschiffes ein. Dieses wurde bei seiner Einfahrt in die Mansabucht nördlich Tanga von einem englischen Kreuzer gejagt, beschossen, und der Führer mußte es auf Strand setzen. Wenn es auch in den folgenden Wochen gelang, die für uns so wertvolle Ladung fast vollzählig zu bergen, so stellte sich leider heraus, daß die Patronen durch das Seewasser stark angegriffen waren. Pulver und Zündhütchen zersetzten sich mehr und mehr, und damit wuchs die Anzahl der Versager. Es blieb nichts anderes übrig, als die gesamte Munition auseinanderzunehmen, das Pulver zu reinigen und zum Teil neue Zündhütchen einzusetzen. Solche fanden sich, wenn auch von anderer Konstruktion, glücklicherweise im Schutzgebiet vor; aber monatelang waren in Moschi alle auftreibbaren Askari und Träger von morgens bis abends mit der Herstellung der Munition beschäftigt. Die von früher vorhandenen unbeschädigten Patronen wurden ausschließlich für die Maschinengewehre zurückbehalten, von der bearbeiteten Munition wurden diejenigen Patronen, die etwa 20% Versager hatten, für Gefechtszwecke, die mit höheren Versagerprozenten für Übungszwecke verwandt.
Die Ankunft des Hilfsschiffes rief eine gewaltige Begeisterung hervor, zeigte sie doch, daß tatsächlich noch eine Verbindung zwischen uns und der Heimat bestand. Alle lauschten gespannt den Erzählungen des Führers, Leutnant zur See Christiansen, als dieser nach Herstellung von seiner Verwundung bei mir in Neumoschi eintraf. Die gewaltigen Kämpfe in der Heimat, der Geist der Opferfreudigkeit, die unbegrenzte Unternehmungslust, von denen die Kriegshandlungen der deutschen Truppen getragen waren, fanden auch in unseren Herzen ein Echo. Viele von denen, die den Kopf hatten hängen lassen, richteten sich auf; hörten sie doch, daß das unerreichbar Scheinende geleistet werden kann, wenn ein entschlossener Wille dahinter steht.
Ein anderes Mittel, auf den Geist der Truppe zu wirken, war die Handhabung von Beförderungen. Allgemein konnten diese nur zum Unteroffizier und innerhalb der Unteroffizier-Dienstgrade ausgesprochen werden, während eine Beförderung zum Offizier, die in vielen Fällen ja wohlverdient gewesen wäre, meine Zuständigkeit überschritten hätte. Es wurde in den einzelnen Fällen sehr scharf abgewogen, ob auch eine wirkliche Leistung vorlag. So wurden unverdiente Beförderungen vermieden, die den Geist der Truppe verderben. Im großen und ganzen waren wir aber darauf angewiesen, die Pflege der moralischen Faktoren weniger durch Belohnungen als in anderer Richtung zu suchen. Kriegsorden kannten wir in natura so gut wie gar nicht. Nicht den persönlichen Ehrgeiz des einzelnen, sondern ein von Vaterlandsliebe diktiertes echtes Pflichtgefühl und eine mit der Zeit sich immer mehr verstärkende Kameradschaft mußten wir anrufen und rege halten. Vielleicht hat gerade der Umstand, daß dieser dauerhafte und reine Ansporn zum Handeln nicht durch andere Motive getrübt wurde, Europäern und Askari die Zähigkeit und Schwungkraft verliehen, welche die Schutztruppe bis zum Schluß ausgezeichnet haben.
Die Engländer waren am Kilimandjaro nicht untätig. Vom Oldoroboberge, der 12 km östlich Taveta von einem deutschen Offiziersposten besetzt war, wurde am 29. 3. morgens ein Angriff durch zwei indische Kompagnien telephonisch gemeldet. Hauptmann Koehl und der österreichische Oberleutnant Frh. v. Unterrichter setzten sich von Taveta aus sofort in Marsch und griffen die beiden Kompagnien, die sich an den steilen Abhängen des Oldorobo festgebissen hatten, von beiden Seiten so scharf an, daß der fliehende Feind etwa 20 Mann liegen ließ, 1 Maschinengewehr und 70000 Patronen in unsere Hände fielen. Andere feindliche Unternehmungen führten am Tsavo entlang zum Nordost-Kilimandjaro; sie stützten sich auf das am Tsavo gelegene Msimalager, das stark befestigt und von mehreren Kompagnien besetzt war. Die am Nord-Ost-Kilimandjaro sich abspielenden Patrouillengefechte verliefen für uns durchweg günstig; auch die jungen Askari der 60 Mann starken Abteilung Rombo, die ihren Namen von einer am Ost-Kilimandjaro gelegenen Mission hatte, vertrauten ihrem Führer, dem über 60 Jahre alten Oberstleutnant von Bock, unbegrenzt. Ich erinnere mich, daß ein Verwundeter, der von ihm nach Neumoschi kam und mir eine Meldung machte, es ablehnte, sich ärztlich behandeln zu lassen, um keine Zeit zur Rückkehr zu seinem Führer zu verlieren. In mehreren Gefechten, manchmal gegen 2 feindliche Kompagnien, warfen diese jungen Leute den Feind zurück, und es ist bezeichnend, daß sich bei den Engländern die Sage um diese Kämpfe wob. Der britische Oberbefehlshaber beklagte sich brieflich bei mir, daß eine deutsche Frau an diesen Kämpfen teilnehme und Unmenschlichkeiten verübe, eine Vorstellung, die natürlich jeder Begründung entbehrte und mir lediglich zeigte, auf welchem Standpunkt der Nervosität man an feindlicher maßgebender Stelle angelangt war.
Trotz der großen Beute von Tanga war es klar, daß bei der voraussichtlich langen Dauer des Krieges die Vorräte unserer Kolonie sich aufbrauchen mußten. Die Farbigen in Neumoschi fingen auf einmal an, seidene Stoffe zu tragen: das war keineswegs ein Zeichen besonderen Luxus, sondern die Bestände der Inderläden an Baumwollkleidung gingen zu Ende. Wir mußten mit Ernst daran denken, selbst Neues zu schaffen, um das zahlreich vorhandene Rohmaterial zum Fertigfabrikat zu gestalten. Es hat sich nun ein eigenartiges, an die Schaffenskraft eines Robinson erinnerndes Leben entwickelt. Baumwollfelder gab es reichlich. Populäre Bücher wurden hervorgeholt, die über die vergessene Kunst der Handspinnerei und -weberei Auskunft gaben; von weißen und schwarzen Frauen wurde mit der Hand gesponnen; auf den Missionen und bei privaten Handwerkern wurden Spinnräder und Webstühle gebaut. Bald entstand so der erste brauchbare Baumwollstoff. Die von den verschiedenen Färbemitteln als besonders zweckmäßig ausprobierte Wurzel eines Baumes, Ndaa genannt, gab diesem Stoff eine braun-grünliche Farbe, die sich weder im Gras noch im Busch abhob und für die Uniform besonders zweckmäßig war. Der von den Pflanzern gewonnene Gummi wurde mit Schwefel vulkanisiert, und es gelang, eine brauchbare Bereifung für Automobile und Fahrräder herzustellen. Bei Morogoro war es einigen Pflanzern gelungen, aus Kokos ein dem Benzol ähnliches Antriebmittel, Trebol genannt, für die Motore der Automobile herzustellen. Wie in früheren Zeiten wurden Kerzen aus Unschlitt und Wachs im Haushalt und bei den Truppen angefertigt und Seife gekocht. Auch die zahlreichen in den Nordgebieten und längs der Tanganjika-Bahn gelegenen Fabriken der Pflanzungen wurden für Zwecke des Lebensunterhaltes umgestellt.
Besonders wichtig war die Herstellung von Schuhwerk. Rohmaterial lieferten die zahlreichen Vieh- und Wildhäute, Gerbstoff die Mangroven der Küste. Schon im Frieden hatten die Missionen gute Stiefel hergestellt; ihre Tätigkeit wurde jetzt weiter ausgebaut und auch die Truppe richtete größere Gerbereien und Werkstätten ein. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis die Behörden den dringenden, unvermeidlichen Wünschen der Truppe in ausreichendem Maße nachkamen und insbesondere die für das Sohlenleder erforderlichen Büffelfelle zur Verfügung stellten. Der alte historische Kampf um die Kuhhaut ist so auch unter ostafrikanischen Verhältnissen mutatis mutandis wieder aufgelebt. Die ersten Stiefel, die in größerer Menge hergestellt wurden, entstanden bei Tanga. Wenn sie anfänglich in ihrer Form auch verbesserungsbedürftig waren, so schützten sie doch die Füße unserer weißen und schwarzen Soldaten bei ihren Märschen und Patrouillengängen in dem Dorngestrüpp des Pori. Bohren sich doch die zu Boden gefallenen Dornen beim Gehen immer wieder in den Fuß hinein. Alle die kleinen Anfänge, die in der Herstellung von Verpflegung auf den Pflanzungen schon im Frieden bestanden, wurden durch den Krieg und die Notwendigkeit, große Massen zu verpflegen, zu umfangreicherer Tätigkeit angespornt. Auf mehreren Farmen des Kilimandjaro wurden Butter und vortrefflicher Käse in großer Menge verfertigt, und die Schlachtbetriebe in der Gegend von Wilhelmstal konnten den Anforderungen an Wurst und sonstigen Räucherwaren kaum genügen.
Es war vorauszusehen, daß das für die Erhaltung der Gesundheit der Europäer so wichtige Chinin sich bald erschöpfen und sein Bedarf durch Beute allein nicht gedeckt werden würde. So war es von großer Bedeutung, daß es gelang, im Biologischen Institut Amani in Usambara aus der im Norden gewonnenen Chinarinde gute Chinintabletten herzustellen.
Der für den Verkehr von Ochsenwagen und Automobilen so wichtige Wegebau zwang zur Anlage stehender Brücken. Ingenieur Rentell, zur Truppe eingezogen, baute westlich Neumoschi über den reißenden Kikafustrom aus Stein und Beton eine Bogenbrücke mit mächtigem Pfeiler. Den Wassermassen hatte in den Regenperioden, also besonders im April, in dem wohl 20 m tiefen, steilen Bett keine Holzbrücke standgehalten.