Die andere schwierige Frage war die Beschaffung von Verbandstoff. Um diesen beim Schwinden der Leinwandbestände zu ergänzen, wurden nicht nur Kleidungsstücke aller Art nach Desinfizierung verwandt und nach Benutzung durch erneutes Auskochen wiederum brauchbar gemacht, sondern es wurde auch Verbandzeug mit gutem Erfolg aus Baumrinde hergestellt. Einen Fingerzeig hierzu gab uns die Methode der Eingeborenen, die längst aus Myomborinde Kleidungsstücke und Säcke verfertigten. Das ärztliche und Apothekerpersonal hat das Menschenmögliche getan, um die Truppe gesund und lebensfähig zu erhalten. Die hohe Anpassungsfähigkeit des Sanitätsdienstes und das erforderliche Haushalten mit den primitiven verfügbaren Mitteln verdient um so mehr Anerkennung, als gerade der Sanitätsdienst ursprünglich unter den Verhältnissen des Tropenklimas mit Recht daran gewöhnt war, mit seinen Beständen etwas frei zu wirtschaften. Der Sanitätsoffizier beim Stabe, Stabsarzt Stolowsky, und später sein Nachfolger, Stabsarzt Taute, haben hier eine musterhafte und hingebende Tätigkeit und Umsicht entwickelt.
Auf gleicher Höhe stand die chirurgische Tätigkeit. Die Lazarette, die während des ersten Teiles des Feldzuges meist in massiven Gebäuden untergebracht worden waren und in solchen Jahr und Tag ständig ohne Platzwechsel gearbeitet hatten, mußten sich in bewegliche Kolonnen umwandeln, die in jedem Augenblick mit allen Kranken und allen Lasten aufgepackt werden konnten und der Truppe auf ihren vielen Hin- und Hermärschen in gleichem Tempo folgten. Alles nicht unbedingt notwendige Material mußte abgestoßen werden; die Vorbereitungen für eine chirurgische Operation wurden demzufolge stets mehr oder weniger improvisiert. Der Raum dazu war meist eine soeben erst hergestellte Grashütte. Trotzdem sind Stabsarzt Müller, Regierungsarzt Thierfelder und andere auch durch schwere Fälle, dabei mehrere Blinddarmoperationen, nicht in Verlegenheit gekommen.
Das Vertrauen, das, wie schon bei einer früheren Gelegenheit erwähnt, auch feindliche Soldaten zu den deutschen Ärzten hatten, war vollberechtigt. Die erfolgreiche und hingebende ärztliche Tätigkeit stärkte bei Weißen und Schwarzen das gegenseitige Vertrauen ganz gewaltig. So bildeten sich mehr und mehr die festen Bande, die die verschiedenartigen Elemente der Truppe bis zum Schluß als ein geschlossenes Ganzes zusammenhielten. —
Bei Lindi hatte sich der Feind mehr und mehr verstärkt, und es wurde festgestellt, daß Truppenteile, die bisher in Gebieten westlich von Kilwa gestanden hatten, mit Schiffen nach Lindi fuhren. Auch General O’Grady, der bei Kibata eine Brigade befehligt hatte, tauchte bei Lindi auf. Der naheliegende Gedanke, daß der Feind mit starken Kräften von Lindi aus gegen unsere dort nur schwachen Truppen und gegen unser Hauptverpflegungsgebiet vorgehen würde, in gleicher Weise, wie er es früher bei Kilwa beabsichtigt hatte, schien sich zu verwirklichen. Mehrere Angriffe waren durch die Truppen des Kapitäns z. S. Looff westlich Lindi zurückgeschlagen worden. Drei von den Kompagnien, die mit Major Kraut gekommen waren, wurden auf Veranlassung des Gouverneurs nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, zur schnellen und gründlichen Züchtigung aufständischer Makondeleute in der Südostecke unseres Schutzgebietes verwandt, wozu sie im Augenblick gerade verfügbar waren, sondern Kapitän Looff unterstellt. Zwei von ihnen beteiligten sich an einer Unternehmung gegen Sudi, südlich Lindi, wo sich feindliche Streitkräfte stark verschanzt hatten. Der Angriff ging sehr brav an die Befestigungen heran, erlitt dann aber erhebliche Verluste und konnte nicht zu einem günstigen Abschluß gebracht werden.
Später wurde auf Lindi vom Mpotora aus Hauptmann Rothe mit drei Kompagnien zur Verstärkung abgesandt. Aber die Regenzeit machte uns einen argen Strich. Schon der Übergang über den Matandufluß war schwierig gewesen. In der Trockenzeit nur aus wenigen Tümpeln bestehend, hatten sich jetzt die Wasser aller Regen, die im Dondeland niederfielen, schließlich im Tale des Matandu vereinigt. Es war ein reißender, gewaltiger Strom entstanden, der etwa den Eindruck der Fulda bei Kassel bei Hochwasser machte und große Baumstämme mit sich riß. Unter Benutzung einiger Strominseln waren zwar unter Leitung kundiger Ingenieure Baumstämme eingerammt und eine Brücke für Fahrzeuge hergestellt worden, aber plötzliches Hochwasser riß sie immer wieder fort, und mehrere Leute ertranken hierbei. Ein weiter unterhalb gebauter Steg hatte kein besseres Schicksal; eine schmale Hängebrücke, die an aus Baumrinde geflochtenen Seilen hing, war nur ein geringer Notbehelf und ziemlich bedenklich, da beim Wechsel von Durchnässung und heißer Sonne stets die Gefahr bestand, daß die Seile mürbe wurden und rissen.
Am Mbemkuru, bei Nahungu, fand Hauptmann Rothe auf seinem Marsch ähnliche Wasserverhältnisse vor. Das Wasser war so reißend, daß schon der erste Übersetzversuch mit den wenigen vorhandenen Fährbooten verunglückte. Aus Verpflegungsmangel bei Nahungu marschierte nun Hauptmann Rothe in das reiche Gebiet nordöstlich dieses Ortes und kreuzte hierbei unbewußt die Absichten des Kommandos recht empfindlich. Denn gerade dieses nordöstlich Nahungu liegende reiche Gebiet mußte geschont werden, um für die Truppen, die südlich Kilwa standen, als Reserve zu dienen und im Bedarfsfalle bei einer aus taktischen Gründen erforderlich werdenden Verstärkung dieser Truppen auch deren Verpflegung zu gewährleisten. Der Zeitverlust, der entstand, bis die Botenpost den Hauptmann Rothe erreichte, war recht störend; aber schließlich wurde die Abteilung Rothe doch noch so rechtzeitig auf Lindi zu wieder in Marsch gesetzt, daß sie an mehreren Gefechten erfolgreich teilnehmen konnte.
Bei der durch die Verschärfung der militärischen Lage bei Lindi nötig gewordenen Verstärkung unserer dortigen Truppen und den ferneren noch in Aussicht stehenden Truppenverschiebungen dorthin war Generalmajor Wahle von Mahenge herangezogen worden und hatte den Befehl an der Lindifront übernommen; der Befehl in Mahenge ging an Hauptmann Tafel über. Mitte Juni 1917 war General Wahle nach mehreren Gefechten, die eine erhebliche Verstärkung des Feindes gezeigt hatten, den Lukuledifluß aufwärts so weit zurückgegangen, daß der nachfolgende Feind seine nördliche Flanke unvorsichtig preiszugeben schien.
Ich beschloß, den Vorteil auszunutzen, ohne allerdings genau zu wissen, wie dies geschehen sollte. So viel war klar, daß nur ein überraschendes Auftreten Erfolg versprach. Ich marschierte deshalb mit vier Kompagnien und der aus zwei Geschützen bestehenden Gebirgsbatterie über Nahungu auf der großen Straße vor, die über Lutende nach Lindi führt. Bei Lutende stand die Kompagnie des Hauptmanns von Chappuis, der mir persönlich zur Orientierung einen Tagemarsch entgegenkam. Am 29. Juni traf ich mit den Kompagnien bei Lutende ein und ließ hinter der Kompagnie Chappuis die Kompagnie des Leutnants Wunder und weiter rückwärts den Rest Lager beziehen. Ich selbst begab mich mit meinem tüchtigen Begleiter Nieuwenhuizen, der früher schon bei der Pferdebeute am Erokberge eine Hauptrolle gespielt hatte, zur Erkundung nach vorn. Von der Höhe, auf der die Kompagnie Chappuis lag, hatte man einen weiten Überblick und sah die einzelnen Farmhäuser der Umgebung von Lindi, den Lukuledifluß und in ihm den Dampfer „Präsident“ liegen, der dorthin geflüchtet und unbrauchbar gemacht worden war. Im Vorgelände war es vielleicht ein Glück, daß wir auf einige Wildschweine und einen Buschbock in der im übrigen wildarmen Gegend nicht zum Schuß kamen; denn bald, gar nicht weit vom Lager der Kompagnie Chappuis, kreuzten wir die Spuren einer starken feindlichen Patrouille, die soeben erst durchgekommen sein konnte. Auch die Unterhaltung von Eingeborenen, die wir beobachteten, ließ darauf schließen, daß die Leute soeben etwas Interessantes gesehen hatten. Als wir sie heranwinkten, leugneten sie allerdings. Im großen Bogen gehend langten wir abends bei Dunkelheit im Lager der Kompagnie Wunder an. Dem Kompagnieführer und dem tüchtigen Steuermann Inkermann, der am nächsten Tage den Heldentod starb, teilten wir das Beobachtete mit und mahnten zu größter Aufmerksamkeit. Auch wurde angeordnet, daß das in einer größeren Waldblöße liegende Kompagnielager, das durch überraschende Beschießung aus dem umgebenden Busch gefährdet war, verlegt werden sollte. Nach einer uns gereichten Tasse Tee kehrten wir dann zu unserem, etwa eine Viertelstunde rückwärts gelegenen Haupttrupp zurück.
Am Morgen des 30. Juni hörten wir bei der Kompagnie Wunder Gewehrfeuer, das sich immer mehr verstärkte. In der Erwartung, daß der Feind den Geländeverhältnissen entsprechend das Kompagnielager aus dem umgebenden Busch unter Feuer nahm, ging ich sogleich mit den drei Kompagnien rechts, also südlich der Straße ausholend, durch den Busch vor, um den Feind überraschend im Rücken anzugreifen. Aber bald kamen uns Askari entgegen und erzählten, daß der Feind in großer Zahl in das Lager eingedrungen sei, die Kompagnie überrascht und herausgeworfen habe. Ein junger Askari klagte einem alten „Betschausch“ (Sergeant) der 3. Kompagnie, daß der Feind ihnen alles weggenommen habe. „Niamaza we, tutawafukuza“ (Halt’s Maul, wir werden sie ’rauswerfen), war die stolze Antwort, die dem aufgeregten Jüngling sofort den Mund stopfte und ihn beschämte. Die Antwort des Betschausch war in der Tat die beste Kennzeichnung der Lage. Der Feind, aus mehreren Kompagnien des 5. indischen Regiments und einigen Schwarzen bestehend, hatte geglaubt, bei Lutende nur einen schwachen deutschen Posten zu finden. Unvorsichtig war er in unsere ungünstig angelegten Verschanzungen eingedrungen und war nun seinerseits in der unangenehmen Lage, von allen Seiten aus dem umgebenden Busch konzentrisches Feuer zu erhalten.