Von selbst richteten sich da die Blicke über den Rowuma hinüber auf das portugiesische Gebiet. Aber über dieses waren die Nachrichten noch spärlicher als über die Teile der deutschen Kolonie. Glücklicherweise aber waren eine Anzahl eingeborener, portugiesischer Häuptlinge aus Haß gegen ihre Bedrücker auf deutsches Gebiet übergesiedelt, und auch sonst genossen wir Deutschen bei den intelligenten Schwarzen des portugiesischen Gebietes, die vielfach auf deutschen Pflanzungen arbeiteten, einen sehr guten Ruf. So gelang es, sich doch wenigstens ein ungefähres Bild des Gebietes östlich des mittleren Nyassasees zu machen und als sehr wahrscheinlich festzustellen, daß südlich des mehrere Tagereisen breiten, wenig bewohnten Steppengürtels des Rowuma, in der Gegend von Mwembe, sich ein fruchtbares Gebiet befand. Eine Expeditionstruppe von wenigen hundert Gewehren unter Major von Stuemer überschritt südlich Tunduru den Rowuma, setzte sich sehr bald in den Besitz von Mwembe, und unsere Patrouillen streiften von dort an die Ufer des Nyassasees bis in die Gegend von Fort Johnston und nach Osten bis halbwegs Port Amelia.

Bei der Schwierigkeit der Verbindung — Eilboten von der Telephonstation Liwale nach Tunduru gingen etwa drei und von Tunduru nach Mwembe fünf Tage — war es schwer, ein Bild über die Verhältnisse bei Mwembe zu gewinnen. Erst Leutnant d. R. Brucker, der im Januar 1917 zu persönlicher Berichterstattung von Mwembe her beim Kommando eintraf, schaffte Klarheit. Schon die von ihm mitgebrachten europäischen Kartoffeln ließen vermuten, daß dort an Verpflegung etwas zu erwarten war. Er schilderte uns das Land als reich und berichtete, daß auch die Umgebung von Tunduru reich sei und der Krieg sich dort bisher nicht fühlbar gemacht hatte. Eier und Hühner gab es in dem reich angebauten Lande noch in großer Zahl. Als Brucker in Tunduru auf der Erde schlief, hatten die dortigen Europäer dies noch für Renommisterei gehalten; so wenig kannten sie den Krieg. Bei der allgemeinen Schwierigkeit der Verpflegungsbeschaffung und den häufigen Truppenverschiebungen wurde die Notwendigkeit, die Truppe von dem wenig leistungsfähigen Etappennachschub mehr und mehr loszulösen, immer brennender. Mit aus diesem Grunde erhielten die Abteilungen des Hauptmanns Goering und von Lieberman Befehl, in die Gegend dicht südlich Kilwa zu ziehen, wo nach Erzählungen einiger Europäer in den Kiturikabergen viel Verpflegung sein sollte. Um den Verpflegungsnachschub von rückwärts her zu entlasten, wurden die Truppen ohne zeitraubende Erkundung auf Kilwa in Marsch gesetzt, und es war ein Glück, daß sich die Nachrichten über den Verpflegungsreichtum in der dortigen Gegend dann bewahrheiteten.

Um den Feind, der von Kilwa aus bereits kleinere Abteilungen bis halbwegs nach Liwale vorgeschoben hatte, möglichst in seinem Ausschiffungspunkt bei Kilwa von Süden her zu fassen und zugleich so auch die südlich Kilwa nach dem Mbemkuru zu gelegenen, fruchtbaren Gebiete zu sichern, machten die Abteilungen Goering und von Lieberman von Mpotora aus nach Süden zu einen Bogen und drangen nun, Abteilung Goering in der Nähe der Küste, direkt auf Kilwa zu, Abteilung Lieberman etwas westlich davon gegen die Straße Kilwa-Liwale vor. Längs dieser Straße ging eine schwächere Abteilung auf Kilwa zu und diente als Rückhalt für Kampfpatrouillen, die die feindlichen Streifabteilungen mehrfach in ihren Lagern überraschten und zurückwarfen. Bald wimmelte es in der Gegend von Kilwa von unseren Kampfpatrouillen. Mehrere feindliche Magazine wurden überrascht und die Besatzungen zum Teil niedergemacht. Bei einer dieser Gelegenheiten drang der später gefallene brave Feldwebel Struwe mit einem großen Teil der 3. Feldkompagnie geschickt in das Innere eines Magazines ein und fügte von hier aus, gedeckt durch die Mehlsäcke, dem Feind, der von außen her in großer Zahl erschien, schwere Verluste bei. Aber es war schwierig, aus dem überrumpelten Magazin viel mitzunehmen, und so mußte sich die Patrouille damit begnügen, den Hauptteil der Bestände zu vernichten. Es trat auch der bei der Patrouillenführung gewiß seltene Fall ein, daß ein Feldgeschütz mit auf Patrouille ging. Dieses erreichte nach sorgfältiger Erkundung die Küste bei Kilwa-Kissiwani und beschoß mehrere dort liegende Transportschiffe.

Am 18. April 1917 wurde Hauptmann von Lieberman, der mit der 11. und 17. Kompagnie einen Tagemarsch südwestlich Kilwa, an der Straße Kilwa-Liwale bei Ngaula, in verschanzter Stellung stand, durch acht Kompagnien mit zwei Geschützen angegriffen. Oberleutnant z. S. a. D. Buechsel machte mit seiner 17. Kompagnie einen so wuchtigen Flankenstoß, daß er nacheinander mehrere Askarikompagnien des Feindes über den Haufen warf und diese sowie das 40. indische Pathanregiment in wilder Flucht davonliefen. Der Feind ließ etwa 70 Tote liegen, und es ist, wie später Engländer erzählt haben, nur dem Zufall zu verdanken, daß seine Geschütze, die in einem Fluß steckengeblieben waren, nicht von uns gefunden wurden.

Im allgemeinen hatte man den Eindruck, daß die Kräfte des Feindes wieder einmal ziemlich erschöpft waren. Falls er nicht ganz erhebliche Verstärkungen heranbrachte, war vorauszusehen, daß die vorhandenen Kräfte in nicht zu ferner Zeit aufgerieben und seine Operationen erfolglos bleiben würden. Augenscheinlich erforderte schon seine jetzige Operation eine große Kraftanspannung. Es war festgestellt worden, daß eine Batterie aus Hinterindien nach Kilwa herangezogen und daß eine große Anzahl neuer Askarikompagnien aufgestellt worden waren.

Gefährlicher als der Feind erschien mir die materielle Lage der Truppe. Die Weizenbestände des Hilfsschiffes gingen zu Ende, und es schien mir fraglich, ob man aus Mtamamehl allein ohne Zusatz von Weizenmehl würde Brot backen können. Ich glaubte damals noch, daß Brot ein unbedingtes Erfordernis für die Europäerernährung wäre und machte deshalb persönlich Backversuche ohne Weizenmehl. Schon diese fielen leidlich zur Zufriedenheit aus. Später, unter dem Zwange der Not, haben wir alle ohne Weizenmehl vortreffliches Brot hergestellt. Die Methoden waren sehr verschieden. Wir haben gutes Brot später nicht nur aus Mtama, sondern auch aus Muhogo, aus Süßkartoffeln, aus Mais, kurz schließlich von fast jedem Mehl und in verschiedenartigsten Mischungen gebacken und je nachdem durch Zusatz von gekochtem Reis, gekochtem Mtama auch die wünschenswerte Beschaffenheit erzielt.

Auch die Bekleidung erforderte Beachtung. Eine Stiefelnot war in Sicht. Meine Versuche zeigten mir bald, daß der Europäer zwar auf leidlichen Wegen, keinesfalls aber durch den Busch dauernd barfuß gehen kann. Sandalen, die jeder leicht aus irgendeinem Stück Leder herstellt, erwiesen sich als Aushilfe, ersetzten jedoch nicht die Stiefel. Für alle Fälle ließ ich mich im Gerben von Leder mit der Hand unterweisen und habe mir unter Anleitung auch einen Gegenstand verfertigt, den man zur Not als einen linken Stiefel bezeichnen konnte, wenn er auch eigentlich ein rechter Stiefel hatte werden sollen. Für den Europäer ist es sehr erwünscht, wenn er die einfachsten Grundlagen dieser Handwerke so weit kennt, um aus der Decke der Antilope, die er heute erlegt, in einigen Tagen einen Stiefel herzustellen, oder einen solchen wenigstens wieder gebrauchsfähig zu machen, ohne daß ihm die Hilfsmittel der Kultur zur Verfügung stehen. Ein Nagel muß als Pfriem, ein Baumast als Leisten dienen, und der Zwirn wird aus dem zähen Leder einer kleinen Antilope geschnitten. Tatsächlich sind wir aber nie in eine wirkliche Notlage in dieser Beziehung geraten; denn immer hat uns Beute wieder die notwendige Bekleidung und Ausrüstung verschafft, und manchen Beutesattel haben wir verwandt, um aus ihm Stiefelsohlen und Flicken zu schneiden.

Mehr und mehr gelangte fast jeder Europäer auf den Standpunkt des südafrikanischen „Treckers“ und war sein eigener Handwerker. Natürlich nicht immer in eigener Person, aber innerhalb des kleinen Haushaltes, den er mit seinem schwarzen Koch und schwarzen Diener selbständig führte. Viele hatten sich auch einige Hühner zugelegt, die mitgetragen wurden, und Hahnenschrei verriet die deutschen Lager ebensoweit wie die Ansiedlungen der Eingeborenen. Der Befehl einer Abteilung, der das Krähen der Hähne vor 9 Uhr morgens verbot, schaffte keine Abhilfe.

Die wichtige Salzfrage wurde von den Truppen bei Kilwa sehr einfach durch Verdunstenlassen des Meerwassers gelöst. Um aber auch bei Verlust der Küste den Ersatz an Salz, das in den Magazinen anfing, knapp zu werden, zu sichern, wurden salzhaltige Pflanzen gesucht und ihre Asche ausgelaugt. Einen Fingerzeig hierfür gaben uns die Eingeborenen der Gegend, die ihren Salzbedarf auf gleiche Weise deckten. Das so gewonnene Salz war nicht schlecht, ist aber in nennenswertem Umfange nicht in Anspruch genommen worden, da wir später unseren Bedarf stets durch Beute rechtzeitig decken konnten. Der große Elefantenreichtum der Gegend lieferte viel Fett; Zucker wurde ersetzt durch den prachtvollen wilden Honig, der in großer Menge gefunden wurde. Die Truppe hatte einen gewaltigen Fortschritt in der Beschaffung der Verpflegung gemacht, wußte auch, Feldfrüchte notreif zu machen und sich auf diese Weise vor Mangel zu schützen.

Es verdient an dieser Stelle besonders hervorgehoben zu werden, daß das Sanitätswesen in den wechselnden, schwierigen Verhältnissen des Feldlebens es verstanden hat, die besonders wichtigen Fragen des Chinins und des Verbandzeugs in befriedigender Weise zu lösen. Erwähnt ist schon, daß im Norden aus den Beständen der Chinarinde Chinintabletten hergestellt wurden, die die englischen an Güte übertrafen. Nach der Räumung der Nordbezirke war ein großer Teil Chinarinde nach Kilossa geschafft worden; von diesen Beständen war auf Anregung des damals stellvertretenden Sanitätsoffiziers beim Stabe, Stabsarzt Taute, ein Teil weiter nach Süden transportiert worden. Die Tablettenzubereitung konnte mangels eines entsprechenden Instituts nicht fortgesetzt werden; dafür wurde durch Auskochen der Chinarinde flüssiges Chinin hergestellt. Dies hatte einen verteufelten Geschmack und wurde unter dem Namen Lettowschnaps zwar ungern, aber doch mit Nutzen für den Patienten getrunken.