Ende November 1916 waren die Truppen des Westbefehlshabers Generals Wahle um Mahenge gruppiert. Von hier aus leitete er die sich ungefähr bis Ssongea-Lupembe-Iringa-Kidodi erstreckenden Operationen.
Es ist erwähnt worden, daß seit Juli 1916 jede Verbindung mit General Wahle aufgehört hatte; erst im Oktober 1916 traten seine Patrouillen südlich Iringa in Verbindung mit denen des Majors Kraut.
Erst jetzt, also nach dem Gefecht von Mkapira, erfuhr Major Kraut und durch diesen auch das Kommando den Anmarsch des Generals Wahle; ganz anders aber stellte sich die Entwicklung der Lage in den Augen des Feindes dar. Dieser mußte in dem Vormarsch der Kolonnen des Generals Wahle gegen die englische von Iringa nach Langenburg führende Etappenstraße und der zufälligen gleichzeitigen Bedrohung Mkapiras durch Major Kraut eine großangelegte, gemeinsame Operation sehen, die seine Truppen bei Mkapira in große Gefahr brachte, auch nachdem Major Kraut wieder auf das östliche Ruhudjeufer zurückgegangen war. Er entzog sich dieser durch schleunigen Abzug von Mkapira in westlicher Richtung nach Lupembe.
Die Kolonnen des Generals Wahle sammelten sich zunächst im Raume von Lupembe-Mkapira. Von der am weitesten westlich marschierenden Kolonne des Oberleutnants Huebener fehlte jede Nachricht; ihre Kapitulation bei Ilembule wurde erst viel später bekannt.
So willkommen die Verstärkung der Westtruppen war, so traten doch Schwierigkeiten in der Verpflegung hervor, und es wurde notwendig, einen größeren Raum, der sich fast bis Ssongea erstreckte, für die Verpflegung auszunutzen und zu belegen. Die Abteilung des Majors von Grawert rückte nach Likuju, an der Straße Ssongea-Liwale, diejenige des Majors Kraut in die Gegend von Mpepo, und Hauptmann Wintgens schloß eine feindliche Abteilung ein, die bei Kitanda in befestigtem Lager stand. Bald regte sich der Feind zum Entsatz dieser Abteilung, aber die Entsatztruppen wurden mit schweren Verlusten abgeschlagen. Gleichzeitig entwickelte sich die Lage bei der Abteilung von Grawert außerordentlich ungünstig. Es war dem Feinde gelungen, das Vieh dieser Abteilung fortzutreiben. Da auch sonst in der Gegend die Verpflegung knapp war, hielt Major von Grawert, wohl in Überschätzung der Verpflegungsschwierigkeiten, seine Lage für hoffnungslos und kapitulierte im Januar 1917. Ein fahrbares 8,8 cm-Marinegeschütz, das mit großer Mühe nach Likuju transportiert worden war, fiel außer einer Anzahl guter Maschinengewehre dem Feinde in die Hände. In Wirklichkeit scheint die Lage der Abteilung Grawert nicht so verzweifelt gewesen zu sein; wenigstens kam eine starke Patrouille unter Vizefeldwebel Winzer, der nicht mit kapitulieren wollte, unbelästigt vom Feinde in südlicher Richtung davon und fand nach einigen Tagen schmaler Kost reichlich Verpflegung in den Gebieten westlich Tunduru. Mir zeigte das Verhalten dieser Patrouille, daß es auch aus anscheinend verzweifelten Lagen fast immer noch einen Ausweg gibt, wenn der Führer entschlossen ist, auch ein großes Risiko auf sich zu nehmen.
Die Verpflegungsschwierigkeiten des Generals Wahle wuchsen nun immer mehr. Ob sie durch rücksichtsloses Abschieben von Nichtkombattanten in der Art, wie es am Rufiji geschehen war, erheblich hätten vermindert werden können oder ob eine größere Gewandtheit in der Beschaffung und Verteilung der Lebensmittel imstande gewesen wäre, die materielle Lage der Westtruppen wesentlich zu verbessern, war ich vom Utungisee nicht in der Lage zu entscheiden. Die behelfsmäßige Drahtverbindung nach Mahenge war wenig leistungsfähig und oft unterbrochen, und vom General Wahle in Mahenge bis zu den Truppen war immer noch ein mehrtägiger Botenverkehr erforderlich. So war es für mich schwer, aus den unvollkommenen Nachrichten eine Anschauung zu gewinnen. Genug: die Verpflegungsschwierigkeiten wurden in Mahenge als so erheblich angesehen, daß die Versammlung so starker Truppenmassen nicht länger für möglich gehalten wurde und Teile abgeschoben werden mußten.
Abteilung Kraut und Abteilung Wintgens wurden nach Westen auf Gumbiro in Marsch gesetzt, um von dort nach Süden dringend die Straße Ssongea-Wiedhafen zu überschreiten, wo in den Bergen südlich Ssongea genügend Verpflegung vermutet wurde. Die Meldung über diese Bewegung traf bei mir so spät ein, daß ich nicht mehr eingreifen konnte. Von Gumbiro wandte sich Hauptmann Wintgens nach Norden und hat in der Gegend des Rukwasees gegen eine ihn verfolgende feindliche Kolonne mit Erfolg gekämpft; bei der Annäherung an Tabora wurde er selbst typhuskrank gefangengenommen, und Hauptmann Naumann führte die Abteilung weiter, bis er sich schließlich gegen Ende 1917 am Kilimandjaro der feindlichen Verfolgungskolonne ergab, die mit reichlicher Reiterei ausgestattet war. Es ist zu bedauern, daß diese von der Initiative eingegebene und mit so großer Zähigkeit durchgeführte Einzeloperation doch zu sehr aus dem Rahmen der gesamten Kriegshandlung herausfiel, um für diese von Nutzen sein zu können.
Major Kraut hatte sich in Gumbiro von Hauptmann Wintgens getrennt und war dem ihm vom General Wahle erteilten Befehl entsprechend nach Süden marschiert. Das Überschreiten der Etappenlinie Ssongea-Wiedhafen machte keine Schwierigkeiten, führte aber, da der Feind seine Vorräte in den Etappenlagern gut verschanzt und gesichert hatte, zu keiner Beute. Auch im Lande wurde jetzt, im März 1917, also in der ärmsten Jahreszeit, einige Monate vor der neuen Ernte, wenig Verpflegung vorgefunden. Nach einigen Nachhutgefechten gegen englische Truppen glückte am Rowuma ein Überfall auf das kleine portugiesische Lager bei Mitomoni. Major Kraut zog dann den Rowuma abwärts nach Tunduru und begab sich selbst zu persönlicher Berichterstattung zum Kommando nach Mpotora. Zwei seiner Kompagnien blieben bei Tunduru zur Sicherung des dortigen reichen Verpflegungsgebietes. Die drei anderen rückten weiter nach Osten und wurden vorübergehend dem Kapitän Looff unterstellt, der vor Lindi lag.
Zehnter Abschnitt
Um Lindi und Kilwa
Die Operationen der letzten Monate hatten das für die Verpflegungsbeschaffung der Truppe in Betracht kommende Gebiet immer mehr eingeengt. Die fruchtbaren Gebiete von Lupembe, Iringa, Kissaki und am unteren Rufiji waren verloren gegangen, das noch besetzte Gebiet schloß große Strecken unbebauten Landes in sich. Die Ertragfähigkeit der reicheren Landesteile war zum großen Teil unbekannt; erst später stellte sich durch die Operationen selbst heraus, wieviel beispielsweise die Gegend südwestlich Kilwa und südwestlich Liwale an Verpflegung zu liefern imstande waren. Bekannt war mir damals nur ganz im allgemeinen, daß der östliche Teil des Lindibezirks sehr reich war und als die Kornkammer der Kolonie bezeichnet wurde. Aber dieser reiche Landesteil war bei seiner Küstennähe auch sehr gefährdet, und man mußte sich für den Fall, daß er verloren gehen würde, schon jetzt die Frage vorlegen, was dann geschehen sollte.