Askari


GRÖSSERES BILD

Major Kraut überschritt mit fünf Kompagnien und einem leichten Geschütz den Fluß und bezog im Rücken des Feindes, quer über dessen Verbindungslinie, auf einem Kranze von Höhen befestigte Stellungen. In der Front des Feindes deckten schwache Truppen das nach Mahenge zu gelegene Flußufer. Leider waren die Befestigungen unserer einzelnen Kompagnien so weit voneinander entfernt, daß in dem schwer passierbaren Gelände eine rechtzeitige Unterstützung nicht gewährleistet war. Am 30. Oktober 1916 vor Tagesanbruch wurde die auf dem rechten Flügel stehende 10. Kompagnie durch einen umfassenden feindlichen Angriff überrascht. Der Feind drang sehr geschickt auch von rückwärts in die Stellung der Kompagnie ein und setzte unter schweren Verlusten für uns die Maschinengewehre außer Gefecht. Auch auf dem linken Flügel wurde die Kompagnie des Oberleutnants von Schroetter von allen Seiten angegriffen und mußte sich mit dem Bajonett unter Verlust des leichten Geschützes und eines Maschinengewehres den Weg nach außen bahnen. Bei den schweren Verlusten, die der Feind erlitten hatte, hätte Major Kraut trotz diesen teilweisen Mißerfolgen auf dem westlichen Ufer des Ruhudje bleiben können; aber auch in seinem Rücken, nach Lupembe zu, wurde Gefechtslärm bei der ihn deckenden 25. Feldkompagnie hörbar. Irrtümlicherweise glaubte Major Kraut an einen starken Angriff auch von dort her und ging deshalb auf das östliche Ruhudjeufer zurück. Zu seinem Erstaunen waren die starken Befestigungen des Feindes bei Mkapira nach einigen Tagen verlassen, der Feind nachts abgezogen. Nähere Untersuchung ergab, daß der Gegner bei dem vorhergehenden Gefecht sehr schwere Verluste erlitten hatte. Doch war hierdurch sein Abzug nicht zu erklären; die Lösung dieses Rätsels ergab sich erst später durch das Erscheinen des Generals Wahle, mit dem bis dahin jede Verbindung gefehlt hatte.

In Erwartung der Anfang 1916 einsetzenden großen Offensive waren die Verstärkungen, die vorübergehend zum Viktoriasee, nach Ruanda, zum Russissi und in das Tanganjikagebiet entsandt worden waren, zurückgezogen worden und zu unseren, im Gebiet der Nordbahn stehenden Haupttruppen gestoßen. Es mußte für diese Nebenkriegsschauplätze eine einheitliche Kriegführung geschaffen werden; zu diesem Zweck wurde ein „Westbefehl“ unter Generalmajor Wahle geschaffen, der im allgemeinen von Tabora aus diese Operationen leitete und in Einklang miteinander brachte. Im April und Mai 1916, als die britischen Hauptkräfte im Gebiet des Kilimandjaro ihren Aufmarsch vollendet hatten und nach Schluß der Regenzeit in südlicher Richtung weiter vordrangen, begannen auch auf diesen Nebenkriegsschauplätzen Engländer und Belgier von Muansa, vom Kiwusee, vom Russissi und von Bismarckburg her konzentrisch auf Tabora vorzudrücken. Unsere schwachen Abteilungen wichen auf diesen Ort zu aus.

Major von Langenn ging von Tschangugu zunächst auf Issawi zurück und zog hierher auch Hauptmann Wintgens von Kissenji her heran. Den nachdrängenden beiden belgischen Brigaden wurden gelegentlich in günstigen Rückzugsgefechten erhebliche Verluste beigebracht. Das deutsche Detachement wich dann weiter auf Mariahilf aus. Die Gefahr, die das Vordringen der nachfolgenden starken belgischen Kräfte für unseren Bezirk Bukoba in sich schloß, war von Hauptmann Gudovius richtig erkannt worden. Als im Juni 1916 stärkere englische Truppen über den Kagera vordrangen, wich er mit seiner Abteilung von Bukoba nach Süden aus. Bei der Schwierigkeit der Verbindung und des Nachrichtenwesens geschah ihm hierbei das Unglück, daß ein Teil seiner Truppe am 3. Juli in der Gegend von Ussuwi auf starke belgische Streitkräfte stieß. Hauptmann Gudovius selbst fiel, durch schweren Unterleibsschuß verwundet, in Feindeshand. Das Gefecht nahm für uns einen ungünstigen Verlauf und war verlustreich. Doch glückte es den einzelnen Teilen der Abteilung, sich nach Muansa und nach Uschirombe durchzuschlagen.

Mitte Juli 1916 gelang den Engländern die überraschende Landung etwa einer Brigade in der Gegend von Muansa. Auch dort kam es zu einigen für uns günstigen Teilgefechten, dann aber wich der Führer, Hauptmann von Chappuis, in Richtung auf Tabora aus. In der ungefähren Linie Schinjanga-St. Michael machten die Truppen aus Muansa sowie diejenigen des Majors von Langenn und des Hauptmanns Wintgens erneut Front und wiesen mehrere Angriffe der Belgier ab. Kapitän Zimmer hatte in Kigoma den Dampfer „Goetzen“ versenkt und den Dampfer „Wami“ gesprengt. Er wich dann langsam längs der Bahn nach Tabora zurück. Ein gleiches tat die Kompagnie des Hauptmanns Hering von Usumbura aus. Die Annäherung der Operationen an Tabora gab dem General Wahle Gelegenheit, rasch Teile der nördlich Tabora stehenden Truppen heranzuziehen, mit der Bahn zu einem kurzen Schlage nach Westen vorzuschieben und schnell wieder zurückzutransportieren. Die 8. Feldkompagnie schlug bei dieser Gelegenheit westlich Tabora ein belgisches Bataillon gründlich, und auch Abteilung Wintgens griff überraschend und erfolgreich sowohl westlich wie nördlich Tabora ein. Diese Teilerfolge waren manchmal recht erheblich, und der Feind verlor an einzelnen Gefechtstagen Hunderte von Gefallenen, auch wurden mehrere leichte Haubitzen im Sturm genommen.

In der Gegend von Bismarckburg war am 2. Juni 1916 die 29. Feldkompagnie in ihrer befestigten Stellung auf dem Namemaberge durch überlegene englische und belgische Truppen umstellt worden. Beim Durchbruch durch diese geriet der tapfere Kompagnieführer Oberleutnant d. R. Franken schwer verwundet in Gefangenschaft. Leutnant d. R. Haßlacher wich Schritt für Schritt auf Tabora zurück. Er fand südlich dieses Ortes in einem Patrouillengefecht den Heldentod.

So waren im September 1916 die Truppen des Westbefehlshabers im wesentlichen um Tabora versammelt, und es war der Augenblick zu einem im großen und ganzen festgelegten Ausweichen in südöstlicher Richtung gekommen. Von den letzten Operationen und von der Einnahme Taboras am 19. September 1916 erfuhr das Kommando erst sehr viel später. Vorderhand bestand keine Verbindung mit dem Westbefehlshaber; diesem war bekannt, daß bei einem Ausweichen unserer Hauptkräfte die Gegend von Mahenge vorzugsweise in Betracht kam. Entsprechend richtete General Wahle seine Märsche ein. Für den Transport von Gepäck und Verpflegung konnte anfänglich die Eisenbahn benutzt werden. Dann marschierte die östliche Kolonne unter Major von Langenn auf Iringa, die mittlere Kolonne unter Hauptmann Wintgens, bei der sich auch General Wahle befand, auf Madibira und die westliche Kolonne unter Oberleutnant a. D. Huebener auf Ilembule. So stießen sie auf die von Neulangenburg nach Iringa führenden Verbindungen und die an dieser Straße liegenden Magazine des Feindes. Die Abteilung Huebener verlor die Verbindung und kapitulierte, nachdem sie bei Ilembule Ende November durch einen überlegenen Feind eingeschlossen war, nach tapferem Gefecht. Abteilung von Langenn hatte das Unglück, bei einem Flußübergang in der Nähe von Iringa durch einen Feuerüberfall überrascht zu werden und dabei viele Leute zu verlieren. Auch der dann erfolgende Angriff auf Iringa brachte ihr Verluste und führte nicht zum Erfolg.

Abteilung Wintgens überraschte in der Gegend von Madibira mehrere feindliche Magazine und Kolonnen, erbeutete hierbei auch ein Geschütz und Funkenmaterial. Ihr mehrtägiges Gefecht von Lupembe führte bei aller Zähigkeit nicht zur Fortnahme dieses Ortes und seiner Bestände. Der Einfluß des Vormarsches der Abteilung Wahle auf die Kriegslage in der Gegend von Mahenge machte sich sofort geltend. Die augenscheinlich recht guten feindlichen Truppen, die aus ihrer festen Stellung bei Mkapira am 30. Oktober den erfolgreichen Ausfall gegen Major Kraut gemacht hatten, fühlten sich in ihrem Rücken aufs äußerste bedroht, räumten ihr festes Lager und zogen wieder nach Lupembe zu ab. General Wahle übernahm nun den gemeinsamen Befehl bei Mahenge.