Dazu gab es nur ein Mittel, nämlich den Feind bei Lukuledi entscheidend zu schlagen. Wir durften daher bei Mahiwa keine Zeit verlieren, und ich mußte, so schwer es mir wurde, den Gedanken an eine vernichtende Verfolgung fallen lassen. Während am 19. Oktober früh einige sichtbare Teile des Feindes beschossen wurden, war ich schon mit sechs Kompagnien und zwei Geschützen im Abmarsch; am nächsten Tage trafen wir zwei Stunden östlich Lukuledi ein, und am 21. Oktober wurde der Feind bei Morgengrauen, anscheinend ganz überraschend, angegriffen. Die Kolonne des Majors Kraut überraschte nördlich Lukuledi, an der Straße nach Ruponda, das Lager des 25. indischen Kavallerieregiments, das gerade mit angespannten Fahrzeugen zum Vormarsch auf Massassi bereitstand; das Lager wurde gestürmt, und das feindliche Regiment verlor fast sämtliche Zugtiere, im ganzen 350. Während ich nun mit den Abteilungen Koehl und Ruckteschell in ziemlich ernstem Gefecht bei Lukuledi gegen den dort verschanzten Feind stand, wartete ich vergeblich auf das Eingreifen der Abteilung Kraut. Ein Sturm auf das Lager ohne das Moment der Überraschung versprach keinen Erfolg. Als die Truppe nun auch von seitwärts durch Minenwerfer wirksam beschossen wurde, zog ich nach Abweisung eines stärkeren, feindlichen Angriffes das Gros aus dem wirksamen Kreuzfeuer heraus, um unnötige Verluste zu vermeiden. Ein neuer, aus einer starken Patrouille oder einer Kompagnie King’s African Rifles (englische ostafrikanische Askari) bestehender Gegner, der überraschend im Busch auftauchte, wurde schnell zurückgeschlagen. Hierbei fiel an der Spitze seiner Kompagnie Oberleutnant Kroeger. Dann wurde das Gefecht abgebrochen. Erst in der Nacht traf Meldung von Major Kraut ein: er hatte in dem Glauben, bei Lukuledi nicht mehr mit Erfolg eingreifen zu können und weil er keinen Gefechtslärm gehört hatte, den Ort im Bogen umgangen und dann südöstlich von Lukuledi Lager bezogen.
Träger
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GRÖSSERES BILD
Durch die Ungunst der Umstände war es nicht gelungen, den Feind bei Lukuledi wirklich entscheidend zu schlagen, und der Zweck meiner Unternehmung nur zum Teil erreicht; aber die Verluste des Feindes durften als erheblich angesehen werden. Auch der Eindruck auf ihn war größer, als ich anfangs glaubte. Jedenfalls ergaben die Erkundungen, daß er Lukuledi wieder geräumt hatte und in nördlicher Richtung abgezogen war. Unter unseren Verlusten befanden sich drei gefallene Kompagnieführer. Noch jetzt steht mir Leutnant d. R. Volkwein vor Augen, wie er, notdürftig von einer schweren Beinverwundung hergestellt, vor seiner Kompagnie durch den Busch hinkte. Auch mit Leutnant d. R. Batzner und Oberleutnant Kroeger sprach ich noch kurz, ehe sie fielen. Als tüchtiger Maschinengewehrführer fiel hier auch Vizefeldwebel Klein, der so häufig seine Patrouillen an die Ugandabahn geführt hatte. Aber unsere Verluste waren nicht umsonst gebracht. Unsere Patrouillen verfolgten den Feind und beschossen dessen Lager in der Gegend von Ruponda und die feindlichen Verbindungen. Die Unmöglichkeit für uns aber, in der Gegend von Ruponda stärkere Truppenmassen zu verpflegen — waren doch unsere dort angesammelten Bestände in Feindeshand gefallen —, zwang mich, auf eine gründliche Verfolgung des Feindes zu verzichten.
Ich hielt es damals für möglich, daß der Abmarsch des Feindes von Lukuledi nach Norden hervorgerufen war durch Bewegungen unserer Truppen, die unter Hauptmann Tafel von Mahenge her in Anmarsch waren. Mit ihm fehlte seit Anfang Oktober jede Verbindung. Er hatte Anweisung erhalten, vor den starken, feindlichen Kolonnen, die von Norden (Ifakara), Westen und Südwesten (Likuju, Mponda) her auf Mahenge zu vordrangen, nur ganz allmählich auszuweichen und die Vereinigung mit den unter mir stehenden Hauptkräften zu suchen. Ich hielt es für wohl möglich, daß er bereits jetzt in der Gegend von Nangano oder westlich davon eingetroffen war und der Feind aus Besorgnis für seine eigenen rückwärtigen Verbindungen jetzt in Lukuledi wieder kehrtgemacht hatte.
Zwölfter Abschnitt
Die letzten Wochen auf deutschem Boden
Am 24. Oktober traf der Gouverneur von Chiwata her, das inzwischen zum Zentralpunkt der Verwaltung geworden war, in meinem Lager östlich Lukuledi zu einer Rücksprache ein. Ich legte meine Auffassung endgültig dahin fest, daß trotz aller Verpflegungsschwierigkeiten, die in Deutsch-Ostafrika bald entstehen mußten, der Krieg weitergeführt werden könne und müsse. Die Möglichkeit hierzu werde durch eine Basierung auf das portugiesische Gebiet geboten. Dies sei nur ausführbar, wenn wir in Portugiesisch-Ostafrika eindringen und Deutsch-Ostafrika räumen würden.
Die Verpflegungsfrage wurde brennend; in unseren vorhandenen Magazinen hatten wir rund 500000 kg liegen. Das würde für etwa anderthalb Monate reichen. Aber es hatte sich herausgestellt, daß die Zahlen kein unbedingt zuverlässiges Bild ergaben. Die gestapelten Säcke waren zum großen Teil mindergewichtig, und die Körner hatten durch Insektenfraß gelitten. Neue Ernte war frühestens erst wieder im März zu erwarten. Bei den weiteren Operationen mußte daher rein vom Verpflegungsstandpunkt aus eine Verschiebung nach Süden stattfinden. Allerdings rechnete ich noch mit der Möglichkeit, daß Hauptmann Tafel mit seinen Truppen in der Gegend von Massassi und Chiwata eintreffen würde und daß ich ihm dann die hauptsächlich in der Gegend von Chiwata liegenden Magazinbestände überlassen könnte, um selbst mit einem Teil der Truppen von Chiwata aus das Makondehochland in Richtung auf Lindi zu überschreiten und die Hauptetappenstraße des Feindes am Lukuledifluß anzugreifen. Für beide Möglichkeiten der weiteren Kriegführung war die Gegend von Chiwata wegen ihres Reichtums für uns von größter Bedeutung. Chiwata war aber nicht geschützt und war noch dadurch gefährdet, daß auch von Norden her gegen Mnacho feindliche Unternehmungen stattfanden, sich auch berittene Abteilungen des Feindes an der Straße Lukuledi-Lindi in der Gegend von Ndanda zeigten. Auch schenkte die feindliche Fliegertätigkeit unseren Lagern von Chiwata eine gesteigerte Aufmerksamkeit.
Dies waren die Gründe, aus denen ich Ende Oktober 1917 mit dem Hauptteil meiner Truppen von Lukuledi abrückte. Es war noch nicht zu übersehen, ob sich von Chiwata aus erneut die Gelegenheit zu einem Vorstoß auf eine der voraussichtlich demnächst wieder vorrückenden Kolonnen des Feindes bieten würde. Für die nächsten Wochen richtete sich der Druck des Feindes wiederum gegen die Abteilung Wahle. Dort traten ganz neue Truppen auf, unter ihnen auch das aus südafrikanischen Mischlingen gebildete Capekorps. Dieses hatte an der Zentralbahn gestanden und war zur Verstärkung der Truppen des Generals Beves anscheinend über Daressalam-Lindi herangezogen. Glücklicherweise hatte General Beves diese Verstärkungen nicht abgewartet, als er seine Niederlage bei Mahiwa herbeiführte.