General Wahle wich Schritt für Schritt den Lukuledi aufwärts aus. Leider konnte ich ihm keine Unterstützungen schicken, mußte ihm sogar einige Kompagnien fortnehmen, um von Chiwata aus bei günstiger Gelegenheit Truppen für einen Vorstoß in der Hand zu haben und zugleich unsere Magazine zu schützen. Durch die Buschgefechte der Abteilung Wahle, zu denen es fast täglich kam, wurden dem Feinde anscheinend erhebliche Verluste beigebracht und er zähe hingehalten; zu einem durchschlagenden Teilerfolg und zu erheblicher Munitionsbeute kam es aber nicht, und unsere Munitionsbestände zehrten sich mehr und mehr auf. Am 6. November ritt ich von Chiwata nach Nangoo bei Ndanda und erkundete hier dicht hinter der Abteilung Wahle das Gelände für ein etwaiges Eingreifen mit den Chiwatatruppen. Am 7. November ritt ich von Nangoo aus in südlichem Bogen über das Makondehochland nach Chiwata zurück. Am gleichen Tage wurden wieder feindliche Truppen bei Lukuledi festgestellt, am 9. November fand ein Patrouillengefecht bei Chigugu statt, dicht westlich Chiwata.
In dieser kritischen Zeit, wo sich die Anfänge der feindlichen Kolonnen Chiwata näherten, bestand für uns naturgemäß das dringende Bedürfnis, uns auf eine dieser Kolonnen mit allen unseren Kräften so frühzeitig zu werfen, daß die anderen feindlichen Kolonnen in das Gefecht nicht eingreifen konnten. Für einen solchen Schlag war Vorbedingung, daß wir unsere an sich geringe Truppenzahl in ihrer vollen Gefechtsstärke zur Wirkung bringen konnten. Hierbei spielte die Munitionsfrage eine Hauptrolle. Unsere gesamten Munitionsbestände waren auf rund 400000 Patronen zusammengeschmolzen, das war bei einer Zahl von rund 2500 Gewehren und 50 schweren und leichten Maschinengewehren, die tatsächlich, wenn man alles zusammenraffte, in Frage kamen, für ein ernstes Gefecht schon knapp, und die Weiterführung des Kampfes war nur dann möglich, wenn Munition erbeutet wurde. Hierfür war das Gelände ungünstig. In dem dichten Busch war der einzelne geneigt, viel zu schießen und wenig zu treffen; die Munitionsbestände zehrten sich auf, ohne daß schnelle, für uns günstige Entscheidungen erzielt wurden. Eine befriedigende Lösung der Munitionsfrage wurde noch dadurch unmöglich gemacht, daß die Patronen zum weitaus größten Teil aus der rauchstarken Munition 71 bestanden, während die Truppe nur zu rund 1/3 mit Gewehren 71 bewaffnet war; 2/3 hatten deutsche, englische oder portugiesische moderne Gewehre, und für diese war ausreichende Munition nicht vorhanden. Die geringen Bestände an modernen Patronen waren für unsere Hauptwaffe, die Maschinengewehre, notwendig. Da war guter Rat teuer. Es blieb nichts übrig, als im Gefecht von jeder Kompagnie nur den mit Gewehr 71 bewaffneten Zug einzusetzen und schießen zu lassen, die beiden anderen Züge, die modern bewaffnet waren, und bei denen jeder Mann nur etwa 20 zu seinem Gewehr passende moderne Patronen, im übrigen aber rauchstarke Patronen 71 trug, in Reserve zurückzuhalten. Die Züge wurden dann abgewechselt, so daß, wenn zuerst der erste Zug mit Gewehren 71 gefochten hatte, er seine Gewehre an den ihn ablösenden zweiten Zug abgab, selbst dessen moderne Gewehre nahm und in Reserve zurückgezogen wurde. So konnte günstigenfalls nur ein Drittel der verfügbaren Streiterzahl wirklich ins Gefecht eingesetzt werden, und auch dieses mußte mit den Patronen aufs äußerste sparen.
Die Artilleriemunition war bis auf einige Schuß unserer beiden Gebirgsgeschütze und einige portugiesische Munition bis zur letzten Patrone verschossen worden. Unsere letzte Feldhaubitze sowie das bei Mahiwa erbeutete englische Geschütz wurden gesprengt. Die beiden letzten 10,5 cm-Königsberggeschütze waren schon einige Tage vorher vernichtet worden. Ein deutsches Gebirgsgeschütz wurde einen Tag später bei Kitangari vernichtet und versenkt. So blieb noch ein deutsches und ein portugiesisches Gebirgsgeschütz übrig. Der Mangel an Artilleriemunition war in den letzten Monaten schon so erheblich gewesen, daß wir an sämtlichen Beständen alles in allem selten mehr als 300 Schuß hatten. Das war etwa die Gefechtsausrüstung eines einzigen der so zahlreichen englischen Geschütze.
Unter solchen Verhältnissen war ein erfolgverheißender Offensivstoß nur möglich, wenn die Lage sich ganz ausnahmsweise günstig gestaltete. Dieser Fall trat nicht ein. Zwar wurde mit Kampfpatrouillen gearbeitet und der Feind nach Möglichkeit geschädigt, sonst aber blieb nichts übrig, als daß die Truppen des Generals Wahle und die noch bei Mnacho zum Abtransport der dortigen Bestände stehengebliebene 11. Feldkompagnie vor dem nachdrängenden Feind allmählich aus Chiwata zu auswichen. Am 10. November wurde die unmittelbar im Rücken des Generals Wahle, der bei Nangoo stand, liegende Mission Ndanda durch einen starken Gegner, der vom Westen kam, überraschend besetzt. Das dortige Feldlazarett und ein Teil unserer Bestände fielen in die Hand des Feindes. Die südlich Ndanda stehende Abteilung Lieberman sicherte den Abmarsch der Abteilung Wahle, die von Nangoo aus aus dem von mir am 7. November erkundeten Wege südöstlich von Nangoo das Makondeplateau erstieg und sich dann durch den Abmarsch quer über das Plateau nach Chiwata der durch den Feind gestellten Schlinge entzog. Auch die 11. Kompagnie fand sich von Mnacho her heran, und so war, abgesehen von der Abteilung des Hauptmanns Tafel und kleiner, weiter südlich stehender Detachierungen, die gesamte Truppe bei Chiwata vereinigt; die allmähliche Verschiebung unserer Bestände aus Chiwata in östlicher Richtung aus Nambindinga zu war im Gange und auf diese Weise der weitere Abmarsch auf Kitangari eingeleitet. Dabei spähte ich gespannt danach aus, ob sich nicht eine der feindlichen Kolonnen eine Blöße geben würde. Am 14. November glaubte ich, diesen Fall eintreten zu sehen.
Eine starke feindliche Kolonne, zu der das 10. südafrikanische berittene Infanterieregiment gehörte, hatte uns von Lukuledi aus über Massassi umgangen und griff an diesem Tage von Südwesten her das zwei Stunden südlich Chiwata gelegene Mwiti an. In diesem Ort, der bisher nur schwach besetzt gewesen war, war am Tage vorher durch Verschiebungen von Chiwata her die Abteilung von Lieberman (drei Kompagnien) versammelt worden. Trotz aller Munitionsschwierigkeiten bot sich, wie ich glaubte, die Möglichkeit, mit der bei Chiwata stehenden Abteilung Koehl so überraschend in das Gefecht bei Mwiti einzugreifen, daß dieser Gegner vereinzelt geschlagen wurde; ich war aber zu sehr mit den allerdings schwierigen Anordnungen für den Abmarsch auf Nambindinga beschäftigt und habe die sich bei Mwiti bietende Gelegenheit leider unbenutzt vorübergehen lassen.
So blieb mir nur das allmähliche Ausweichen auf Nambindinga übrig. Bei der Räumung von Chiwata fielen die kriegsgefangenen europäischen Mannschaften des Feindes sowie die Inder, die zum Lazarett transportiert worden waren, zusammen mit diesem, zum großen Teil mit Schwerverwundeten gefüllten Lazarette in Feindeshand. Der Abmarsch auf Nambindinga fand unter steten Gefechten vom 15. bis 17. November statt. Ich wollte den Feind veranlassen, die konzentrische Bewegung seiner von Norden, Westen und Süden vorrückenden Kolonnen auch wirklich bis zu deren Vereinigung auszuführen; dann, wenn der Feind auf engem Raume mit seiner großen, unbehilflichen Menschenmasse stand, konnte ich abmarschieren, wohin ich wollte. Am 17. November mußte ich bei Nambindinga einen entscheidenden Entschluß fassen. Das dauernde Buschgefecht drohte unsere letzte Munition zu verzehren. Es wäre sinnlos gewesen, dieses Fechten, das zu keiner für uns günstigen Entscheidung führen konnte, weiter fortzusetzen. Wir mußten also abmarschieren.
Gleichzeitig mußten wir unsere Kopfstärke vermindern. Denn unsere vielen Leute mit wenig Munition hatten weniger Gefechtskraft als eine geringere Zahl, aber ausgesuchter Leute mit ausreichender Munition. Die Verpflegungslage forderte das gleiche. Nur durch eine erhebliche Verminderung unserer Verpflegungsstärke ließ es sich ermöglichen, mit den vorhandenen Vorräten noch zwölf Tage zu reichen. Unser Verpflegungsgebiet war eingeengt, neuer Aufkauf durch den Feind gestört und die Lebensmittel der Landschaft erschöpft. Der Bestand an Chinin reichte für die Europäer noch auf einen Monat. Nach Aufbrauch dieses letzten Chinins mußten die Europäer der Malaria und ihren Folgen erliegen; sie würden den Strapazen des Tropenkrieges nicht mehr gewachsen sein. Nur bei Reduzierung der Europäerzahl auf ein Minimum blieb für den einzelnen so viel Chinin, daß wir noch monatelang würden weiteroperieren können. Es kam darauf hinaus, unsere Truppe auf rund 2000 Gewehre zu vermindern und hierbei die Europäerzahl auf nicht über 300 festzusetzen. Alles, was über diese Zahl hinausging, mußte zurückgelassen werden. Es half nichts, daß bei den mehreren hundert Europäern und 600 Askari, die wir so notgedrungen im Lazarett Nambindinga zurückließen, sich auch Leute befanden, die gern weitergefochten hätten und die gesundheitlich hierzu in der Lage waren. Leider läßt es sich nicht verschweigen, daß es einer Anzahl derer, die hier bei Nambindinga blieben, auch von den Europäern, nicht unwillkommen war, die Waffen niederzulegen. Aber es verdient doch hervorgehoben zu werden, daß es nicht nur der Mehrzahl der Europäer, sondern auch vielen Askari bitter schwer geworden ist, zurückbleiben zu müssen. Manchem braven Askari mußte seine Bitte, bei uns bleiben und mit uns fechten zu dürfen, abgeschlagen werden. Als aber nach zwei Tagen Oberleutnant Grundmann, obgleich er nach schwerer Verwundung kaum gehen konnte, wieder bei mir eintraf und meldete, er habe es trotz Befehl nicht übers Herz bringen können, in Gefangenschaft zu gehen, da habe ich mich über diesen Ungehorsam gefreut, wie selten.
Es mag hier erwähnt werden, daß der Feind mit unseren Gefangenen im allgemeinen, soweit ich es zu beurteilen in der Lage bin, menschlich verfuhr; aber doch scheint mir, daß er bestrebt war, uns Grausamkeit gegen englische Gefangene zuzuschieben, vielleicht um hieraus die Berechtigung zu Repressalien herzuleiten, vielleicht auch aus anderen Gründen. Leutnant d. R. Gutsch war in Ndanda krank zurückgelassen worden und in Feindeshand geraten. Auf die ganz aus der Luft gegriffene und unerwiesene Behauptung eines Schwarzen hin, daß Leutnant Gutsch gelegentlich einer Patrouille einen englischen Verwundeten verbrannt habe, wurde er in Handfesseln gelegt und dann auf der Seefahrt nach Daressalam mehrere Tage lang in den Vorraum des Aborts eingeschlossen. In Daressalam wurde er mehrere Wochen lang ins Gefängnis gesperrt, ohne überhaupt verhört zu werden. Als er dann schließlich gehört wurde, stellte es sich heraus, daß sich die gegen ihn begangene, sinnlose Grausamkeit nur auf die lügenhafte Aussage eines Schwarzen gründete. Ferner teilte mir General van Deventer mit, daß Hauptmann Naumann, der sich in der Gegend des Kilimandjaro ergeben hatte, wegen Mordes verfolgt würde; auch er ist, wie ich später hörte, lange Zeit und gleichfalls ohne Vernehmung eingesperrt worden, bis schließlich auch seine Unschuld anerkannt wurde. Ein Grund zu dieser jeden Gerechtigkeitsgefühls spottenden Handhabung der Rechtspflege ist mir um so weniger verständlich, als die englischen Gefangenen bei uns durchaus menschlich behandelt und materiell oft besser verpflegt wurden als unsere eigenen Leute[5].
Die gefaßten Entschlüsse stellten die Kriegführung auf gänzlich veränderte Grundlagen. Bisher hatten wir die Verpflegung in Magazinen sammeln und aus diesen in der Hauptsache die Anforderungen befriedigen können; auch die Ergänzung der Munition hatte stets aus gelagerten Beständen erfolgen können. Dieses System hatte uns zwar eine Menge empfindlicher und für den Feind angreifbarer Punkte verschafft, die wir nicht schützen konnten, aber es war durch die bisherige Methode möglich gewesen, die Truppe in einer für unsere Verhältnisse erheblichen Stärke unter Waffen zu halten und große Teile derselben auf engem Raume auch auf längere Zeit zu verwenden. Es war ferner möglich gewesen, wenigstens einigen Lazaretten einen ständigen Charakter zu geben, hier Verwundete und Kranke in Ruhe der Genesung zuzuführen und so einen großen Teil der in der Front entstandenen Lücken durch die wiederhergestellten, kriegserfahrenen Leute zu ergänzen. Dieses System hatte unsere Operationen natürlich in hohem Maße von den Verpflegungs- und Nachschubsverhältnissen abhängig gemacht und die Bewegungsfreiheit gehemmt. Der Vorteil, für unsere Verhältnisse starke Truppen verwenden und mit ihnen auch größere feindliche Verbände mit Erfolg bekämpfen, manchmal gründlich schlagen zu können, war aber so groß, daß ich dieses System solange wie irgend möglich beibehalten hatte.
Jetzt war dies nicht länger möglich, und die erwähnten Vorteile hatte ich unter dem Zwange der Notwendigkeit bewußt fahren lassen müssen. Es war gewiß fraglich, ob selbst die verminderte Truppe ohne jedes Magazin und ohne jeden Nachschub unterhalten werden könnte. Die Aussicht, nach zwölf Tagen mit 5000 hungrigen Negern ohne Verpflegung in der Steppe zu sitzen, war nicht verlockend. Würde es gelingen, diejenigen Bedürfnisse der Truppe, die die Eingeborenenfelder nicht liefern konnten, also vor allem Munition und dazu passende Waffen, in solchem Umfange zu erbeuten — denn nur eine Beute aus den Beständen des Feindes konnte als Ersatzmöglichkeit in Frage kommen —, daß die weitere Kriegführung lebensfähig blieb? Das waren alles ernste Fragen. Gelang es aber, auf der neuen Grundlage die Truppe lebensfähig zu machen, so mußten die gesteigerte Unabhängigkeit und Beweglichkeit, entschlossen ausgenutzt, uns dem unbeweglicheren Feinde gegenüber trotz seiner gewaltigen Überlegenheit an Zahl doch gelegentlich die lokale Überlegenheit schaffen. Bei dem endlosen uns zur Verfügung stehenden Raume würde es uns möglich sein, uns ungünstigen Lagen zu entziehen. Der Feind würde gezwungen sein, einen enormen Aufwand an Menschen und Material dauernd in Bewegung zu halten und seine Kräfte in ungleich höheren Maße zu erschöpfen als wir selbst. Es war also Aussicht vorhanden, auch weiterhin starke feindliche Kräfte zu binden und endlos lange hinzuhalten, wenn — meine Überlegungen stimmten. Das war damals zweifelhaft. Das Wagnis mußte aber unternommen werden. —