Unseres Bleibens bei Nambindinga war nicht lange; der oben auf dem Plateau liegende Ort hatte nämlich kein Wasser, und die im Tal liegende Wasserstelle lag im Feuer der feindlichen Geschütze und Maschinengewehre. Unter dem Schutze von Patrouillen, die den Feind bei Nambindinga hinhielten, traf das Kommando und der Hauptteil der Truppen am 18. November bei Kitangari ein. Der Feind drängte nicht nach, konnte es wahrscheinlich auch nicht. Er hatte, wie vorauszusehen war, sich aufs äußerste angespannt, um bei Chiwata den so lange ersehnten letzten Schlag zu führen, und mußte sich für weitere Operationen erst neu gliedern. In Kitangari bestätigte sich die alte Erfahrung, daß die Verpflegungsbestände des dortigen Magazins viel zu hoch eingeschätzt waren. Wenn man alles zusammennahm, was an Vorräten irgendwie verfügbar war, so hatte die Truppe für rund zehn Tage Verpflegung; auf eine wesentliche Ergänzung dieser Bestände aus der Landschaft war von Kitangari aus nach Süden nicht zu rechnen. Die Frage, wohin sich nun der Weitermarsch richten sollte, spitzte sich in der Hauptsache dahin zu: Wo bot sich Aussicht, die Truppe wieder in ausreichendem Maße zu verpflegen? Zeit durfte nicht verloren werden.

Es war mir bekannt, daß längs des Rowumagebietes Engländer und Portugiesen unsere Verpflegungsbestände systematisch zerstört hatten. Unsere kleinen Magazine, Aufkaufposten und Verpflegungskolonnen waren überfallen und die Bestände vernichtet worden. Die Eingeborenen waren beeinflußt, sich gegen uns feindselig zu verhalten. Nordufer und Südufer des mittleren Rowuma waren nur dünn besiedelt; den Rowuma aufwärts, bei Tunduru, hatten längere Zeit stärkere Kräfte beider Parteien gefochten, die Verpflegungsbestände waren dort wahrscheinlich erschöpft. Über das südlich des unteren Rowuma gelegene Mafiaplateau konnte ich wirklich zuverlässige Nachrichten nicht erhalten. Selbst wenn dort, wie manche mitteilten, vor dem Kriege ein reicher Anbau bestanden hatte, so war es doch sehr fraglich, ob auch jetzt noch, nachdem dort stärkere portugiesische Truppen jahrelang gehaust hatten, Verpflegung vorgefunden werden würde. Am wahrscheinlichsten schien es mir damals, in der Gegend, wo die Operationen des Majors von Stuemer auf portugiesischem Gebiet stattgefunden hatten, in dem Winkel zwischen Rowuma- und Ludjendafluß, sowie weiter südlich in der Gegend von Nangware und Mwembe Verpflegung vorzufinden. Zweifelhaft war auch das; auch dort hatten kriegerische Operationen den Anbau der Eingeborenen gestört. Indessen erschien mir unter den verschiedenen, zweifelhaften Aussichten diese letztere noch am günstigsten, und ich beschloß, vorderhand den Rowuma aufwärts zu marschieren.

Mitbestimmend für diese Marschrichtung war der Wunsch, durch eine tüchtige Beute an Patronen und anderem Kriegsmaterial die Truppe wieder auf längere Zeit schlagfertig zu machen. Frühere Beobachtungen und Aussagen von Eingeborenen legten den Gedanken nahe, daß auch jetzt irgendwo in der Gegend des Rowumaflusses für uns geeignete Bestände des Feindes lagern würden. Am 20. November wurde Newala erreicht, wo sich die letzten detachierten Teile, die nach Süden zu gesichert hatten, anschlossen und die Neuorganisation der Truppe endgültig durchgeführt wurde. In Newala wurden die letzten Nichtmarschfähigen zurückgelassen, und mit 300 Europäern, 1700 Askari und 3000 Trägern und sonstigen Farbigen wurde am 21. November 1917 weiter nach Süden zum Rowuma marschiert. Die Tragfähigkeit aller war voll ausgelastet. In dem Maße, wie während des Marsches Verpflegung verzehrt wurde, wurden Leerträger entlassen, um die Zahl der zu verpflegenden Leute so niedrig wie möglich zu halten. Vielen unserer guten, alten Träger mußten wir ihre Bitte, bei uns bleiben zu dürfen, abschlagen; eine große Zahl von ihnen erbot sich, ohne Lohn bei uns zu bleiben, manche wollten sogar ohne Lohn und ohne Verpflegung bleiben und sich ihren Unterhalt auf eigene Faust aus den Resten unserer Verpflegung und den Früchten des Pori beschaffen. Der damalige Feldintendant, Leutnant zur See a. D. Besch, hat in diesen schweren Tagen die nun einmal notwendige Neuorganisation des Träger- und Verpflegungswesens mit größter Umsicht zustande gebracht. Ihm gebührt für die weitere Leistungsfähigkeit der Truppe ein Hauptverdienst.

Vom Feinde waren in der Nähe des Rowuma, wie zu vermuten war, nur schwache Abteilungen gemeldet. Am 21. November trafen wir bei Mpili am Ufer des Flusses ein und waren im Begriff, Lager zu beziehen, als weiter vorwärts bei einer Jagdpatrouille Schüsse fielen. Bei der Erkundung bemerkten wir vor uns einen größeren Teich, an dessen jenseitigem Ufer Pferde getränkt wurden. Dahinter lag ein felsiger Berg. Bald erschien auch ein Eingeborener, augenscheinlich ein Spion, der einen Brief brachte: „Wir sind englische Kavallerie und wollen mit portugiesischen Infanterieregimentern Fühlung nehmen.“ Ob dies nun eine Finte war, ließ sich nicht feststellen. Es war klar, daß wir es im Augenblick nur mit einer schwachen Reiterabteilung zu tun haben konnten. Der Feind wurde durch umfassenden Angriff schnell verjagt und hatte bei der Verfolgung anscheinend mehrere Mann Verlust; fünf gefangene Europäer gehörten dem 10. südafrikanischen Berittenenregiment an und wurden aus Rücksichten der Verpflegung wieder zum Feinde, nach Newala, abgeschoben. Die erbeuteten Pferde, etwa zehn, waren uns als Reittiere und etwaiger Verpflegungszuschuß willkommen.

Der Weitermarsch den Rowuma aufwärts ging sehr langsam vonstatten. Einem großen Teil der Truppe waren andauernde Märsche in größeren Verbänden unbekannt. Endlos lang waren die Kolonnen auseinandergerissen. Die Askarifrauen folgten einzeln mit mehreren hundert Meter Abstand von einander. Es bedurfte einiger Zeit, bis sie richtige Marschordnung innehielten. Es stellte sich heraus, daß die Auswahl der mitgenommenen Askari nicht bei allen Kompagnien nach den wünschenswerten Gesichtspunkten geschehen war. Bei der Neuformierung der Kompagnien, die notgedrungen während des Gefechtes hatte vorgenommen werden müssen, waren manche gute und zuverlässige Leute zurückgelassen worden und dafür andere mitgenommen, die zwar kräftiger, aber weniger zuverlässig waren. Manche gingen mit ihrem Söhnchen auf den Schultern ins Gefecht; auch da wäre besser ein ebenso zuverlässiger Mann mitzunehmen gewesen, der nicht den Ballast von Weib und Kind schleppte.

Jetzt war das alles aber nicht mehr zu ändern.

Augenscheinlich hatten wir uns der weiteren Beobachtung durch den Feind völlig entzogen; die unsere Märsche sonst begleitenden Flieger fehlten, keine Bombe fiel in unsere Lager, und eine feindliche Verpflegungskolonne kreuzte von einem Ufer des Rowuma auf das andere mitten durch unsere Lager hindurch. Sie war eine willkommene Beute. An Feldfrüchten fanden wir in der Landschaft so gut wie nichts, dafür lieferte uns die Jagd erhebliche Beute. Mehrere Büffel und eine ganze Anzahl Antilopen, besonders Wasserböcke, kamen zur Strecke. Aber wir durften uns nicht aufhalten, die zusammenschmelzenden Verpflegungsbestände mahnten stets zum Weitermarsch. Glücklicherweise hatte ich einige landeskundige Europäer zur Verfügung, die kurz vorher in der Gegend der Einmündung des Ludjendaflusses in den Rowuma tätig gewesen waren. Dort war schon in Friedenszeit eine portugiesische Station gewesen, und auch im Kriege war eine stärkere oder schwächere Besatzung festgestellt worden. Es war anzunehmen, daß sich auch jetzt dort irgend etwas vom Feinde finden würde. Die wenigen Eingeborenen, die wir trafen, sprachen gleichfalls von einer stärkeren Besatzung, die von manchen auf 2000 Engländer oder Portugiesen angegeben wurde. Solchen Eingeborenenzahlen war zwar nur bedingter Wert beizumessen, aber sie bestärkten mich in dem Glauben, daß in der dortigen Gegend, bei Ngomano, etwas zu machen sei.

[5] Die englischen Behörden lieferten für ihre Gefangenen Verpflegungsgegenstände, die uns selbst fehlten.

Drittes Buch
Kämpfe auf fremder Erde
(Vom Übertritt nach Portugiesisch-Afrika bis zum Waffenstillstand)