Berge von Inago (P.-O.-A.)

Erster Abschnitt
Über den Rowuma

Am 25. November 1917 frühmorgens durchwatete unsere Vorhutkompagnie den Rowuma etwas oberhalb der Lujendamündung, das Gros, 9 Kompagnien, folgte im Laufe des Vormittags, die Nachhut mit etwa 2 Tagemärschen Abstand; Hauptmann Goering war mit 3 Kompagnien weiter unterhalb auf das Südufer des Rowuma gegangen, um gegen ein dort gemeldetes portugiesisches Lager einen Handstreich zu versuchen. Von Hauptmann Tafel fehlte jede Nachricht, und ich rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß er den Rowuma sehr viel weiter westlich erreichen würde.

Das Gefühl, von allen Hilfsmitteln entblößt zu sein sowie die absolute Unsicherheit des kommenden Schicksals hatten in vielen die Empfindung verursacht, die man volkstümlich als „allgemeine Wurschtigkeit“ bezeichnet. Unbekümmert um die taktische Lage waren die Jagdpatrouillen unterwegs, und ihre Schüsse wurden, wie sich später herausstellte, deutlich vom Feinde gehört. Beim Flußübergang angesichts des Feindes nahmen manche in Ruhe ein gründliches Bad; bei vielen bedurfte es einiger Energie, um ihnen die Forderung der Kriegslage klarzumachen.

Am Südufer fielen bald Schüsse. Die Vorhutkompagnie war auf feindliche Späher gestoßen, von denen mehrere tot liegenblieben. Die nachfolgenden Stunden, während welcher die nach und nach eintreffenden Kompagnien aufmarschierten und den Übergang der nachfolgenden Teile deckten, benutzte ich zur Erkundung. Nicht weit vor unserer Front, vom anderen Ufer des Lujendaflusses her, hörte man Signale und sah auch Leute. Wir gelangten dicht an das feindliche Lager heran, und man sah auf wenige hundert Meter Leute in weißen Anzügen herumgehen. Andere führten Erdbefestigungen aus, auch eine Trägerkolonne wurde bemerkt. Sicher handelte es sich um eine größere Truppenzahl.

Während ich noch überlegte, ob und auf welche Weise ein Angriff Aussicht bot, trat eine Kolonne in Khaki gekleideter Askari vom Lager her den Vormarsch auf unsere Truppen an. Etwa eine Kompagnie des Feindes war aus dem Lager herausgetreten. Ich vermutete, daß der Gegner richtigerweise mit allen seinen Kräften unsere noch beim Flußübergang beschäftigten Truppen angreifen wollte, lief schnell zurück und ordnete für unsere zuerst übergegangenen Kompagnien die Einnahme einer geeigneten Verteidigungsstellung an. Der günstige Fall, den ich erhofft hatte, trat aber nicht ein: der Feind kam nicht. Und so wurde ich erneut vor die Frage gestellt, was zu tun wäre. Man konnte zweifelhaft sein, ob es nicht mit Rücksicht auf unsere zahlreichen Träger zweckmäßiger wäre, an dem Feinde, der hier bei Ngomano stand, vorbei und weiter den Lujendafluß aufwärts zu marschieren. Entweder störte uns der Feind hierbei nicht, oder, wenn er uns stören wollte, mußte er aus seinen Verschanzungen herauskommen und sich zu einem schwierigen Angriff entschließen.

Andererseits war es nicht unwahrscheinlich, daß unser Angriff auf das feindliche Lager dieses noch nicht allzu stark befestigt antreffen würde. Die Erkundung hatte ergeben, daß auf dem jenseitigen Ufer des Lujendaflusses entlang ein Streifen dichten Galeriewaldes unmittelbar an das Lager heranführte und die Möglichkeit bot, hier mit stärkeren Kräften überraschend und entscheidend anzugreifen. Ich war mit mir noch nicht ganz einig, als Hauptmann Müller mich darin bestärkte, von den beiden in Betracht kommenden Entschlüssen denjenigen zu wählen, der zwar ein großes Wagnis, aber auch die Aussicht auf den seit längerer Zeit ersehnten durchschlagenden Erfolg und auf die unbedingt notwendige Beute an Patronen und Kriegsmaterial bot. Zeit durfte nicht verloren werden.

Askarifrau