GRÖSSERES BILD

Der Angriff wurde deshalb noch während des Flußüberganges der nachfolgenden Teile unternommen. Während unser leichtes Gebirgsgeschütz die feindlichen Schützengräben von Westen her beschoß und gleichzeitig mehrere Kompagnien den Feind auf dieser Seite sowie von Norden beschäftigten, überschritt die Abteilung des Hauptmanns Koehl den Lujenda einen Kilometer oberhalb Ngomano, ging auf dem jenseitigen Ufer in dem hohen Galleriewalde vor und griff das feindliche Lager von Süden her entscheidend an. Ich selbst befand mich auf einem kleinen Hügel westlich des Lagers, in der Nähe unseres Geschützes. Unmittelbar hinter mir marschierte die zuletzt über den Fluß gehende Abteilung des Generals Wahle nach und nach in einer Geländesenkung auf. Vor mir hatte ich über das dichte, aber niedrige Buschwerk hinweg einen leidlichen Einblick in die feindlichen Befestigungsanlagen. Die Maschinengewehre des Gegners schossen nicht schlecht und ihre Garben lagen mehrfach auf unserem kleinen Sandhügel, von wo ich eine Anzahl Europäer und Askari, die sich hier unnötigerweise angesammelt hatten und dem Feinde gut sichtbar waren, in Deckung zurückschicken mußte. Der uns von früher bekannte helle Klang der feindlichen Gewehre und das Fehlen der Minenwerfer machte es wahrscheinlich, daß der Gegner aus Portugiesen bestand. Hatten wir doch gelernt, den dumpfen vollen Knall unserer 71er, den scharfen Ton unserer S-Gewehre, den Doppelschlag der englischen Gewehre und den hellen Klang des nur etwas über 6 mm Kaliber betragenden portugiesischen Gewehrs deutlich zu unterscheiden. Auch unsere Askari hatten es sofort gemerkt; in den vorhergehenden Gefechten war es sehr unangenehm gewesen, daß die feindlichen Minenwerfer sich stets so schnell auf unsere Stellungen einschossen. Bei der Rauchentwicklung unserer 71er war es eben nicht möglich, sich hiergegen zu schützen. Heute aber gab es keine Minenwerfer, und der verräterische Rauch unserer guten, alten Gewehre war nicht so schlimm. Dafür aber gaben sie, wenn sie trafen, ein ganz gehöriges Loch. Bald erkannten unsere Askari, daß sie heute ihr soldatisches Übergewicht auch zur Geltung bringen konnten, ohne durch Nachteile in der Bewaffnung gehindert zu sein. „Heute ist der Tag der alten Gewehre“, riefen sie ihren deutschen Führern zu, und bald sah ich von meinem Hügel aus die Schützenlinie der Abteilung Koehl in vollem Lauf gegen die feindlichen Befestigungen anstürmen und diese nehmen.

Das war das Signal zum Ansturm auch auf den anderen Angriffsfronten. Von allen Seiten drangen sie in den Feind, der durch das konzentrische Feuer stark erschüttert war. Von dem etwa 1000 Mann starken Gegner dürften kaum mehr als 300 entkommen sein. Unsere Askari stürzten sich vielfach ohne Rücksicht auf den noch feuernden Feind auf die Beute; auch eine Menge Träger und Boys hatten die Situation erfaßt, waren sofort zur Stelle und wühlten in den Schmalztöpfen und sonstigen Verpflegungsbeständen herum, öffneten Konservenbüchsen und warfen sie wieder fort, wenn sie glaubten, in einer anderen Büchse etwas Schöneres zu finden. Es war ein furchtbares Durcheinander. Auch die soeben gefangenen portugiesischen Askari machten gemeinsame Sache bei der Plünderung ihrer eigenen Bestände. Es war nicht anders möglich, als mit größter Energie durchzugreifen. Ich wurde recht deutlich und machte beispielsweise auf einen mir bekannten Träger, der mir immer wieder ausriß und sogleich an anderer Stelle wieder zum Plündern erschien, mindestens siebenmal Jagd. Schließlich gelang es aber doch, die Ordnung herzustellen.

Ungefähr 200 Gefallene wurden durch uns beerdigt, etwa 150 Europäer gegen die eidliche Erklärung, in diesem Kriege nicht mehr gegen Deutschland oder seine Verbündete zu fechten, frei gelassen, mehrere hundert Askari gefangen. Wertvolles und für uns so notwendiges Sanitätsmaterial, das bei der jahrhundertelangen Kolonialerfahrung der Portugiesen vorzüglich war, ebenso mehrere tausend Kilogramm Europäerverpflegung und vielerlei Ausrüstung, dabei auch 6 Maschinengewehre, und etwa 30 Pferde wurden erbeutet, leider aber keinerlei Eingeborenenverpflegung. Fast die Hälfte unserer Truppe wurde neu bewaffnet, diesmal portugiesisch, und hatte reichlich Munition. Eine Viertel Million Patronen waren erbeutet, und diese Beute steigerte sich im Laufe des Dezember auf fast eine ganze Million. Aus den Beutepapieren ging hervor, daß die portugiesischen Europäerkompagnien erst wenige Tage vorher bei Ngomano eingetroffen waren, um den unmöglichen englischen Befehl auszuführen, das Entweichen der Deutschen über den Rowuma zu verhindern. Es war wirklich ein reines Wunder, daß diese Leute alle so rechtzeitig für uns in Ngomano versammelt waren, daß die Einnahme dieses Ortes sich wirklich lohnte und wir mit einem Schlage von einem großen Teile unserer Verlegenheiten befreit waren.

Aber eine große Verlegenheit bestand noch immer, und diese trieb uns rastlos weiter. Das war die Sorge, für die Masse unserer Eingeborenen Verpflegung zu schaffen. So zogen wir den Lujendafluß aufwärts. Tag für Tag suchten unsere Patrouillen nach eingeborenen Führern und nach Verpflegung. Es kam aber in den nächsten Tagen sehr wenig ein. Die Eingeborenen, an sich in dieser Gegend wenig zahlreich, waren infolge des Durchmarsches der Portugiesen vor deren Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit geflohen und hatten ihre geringen Vorräte versteckt. Ein Maultier und ein Pferd nach dem anderen wanderte in unsere Kochkessel; glücklicherweise ist die Gegend sehr wildreich, und der Jäger kommt fast bei jedem Pürschgange auf eine der zahlreichen Antilopen oder auf Perlhühner zum Schuß.

Waren anfänglich die Marschkolonnen übertrieben lang und unordentlich, so machte Übung auch hier bald den Meister. Bald lernten Träger, Bub, Weiber und Kinder Abstände und Tempo innehalten, genau wie die Askari. Ordentlich und gleichmäßig zog der Heerwurm, zu Einem hintereinander, auf den schmalen Negerpfaden oder auch quer durch den Busch in das unbekannte Land. Nach zwei Stunden folgte meist der erste, nach weiteren zwei Stunden der zweite halbstündige Halt; sechs Stunden reine Marschzeit, also 25-30 km täglich, waren die Regel, oft waren die Tagesleistungen größer. Die Truppe war meist in Abteilungen zu drei Kompagnien, eine Kolonne, ein Feldlazarett gruppiert. Die vorderste Abteilung einen Tagemarsch voraus, die letzte einen Tagemarsch hinter dem Gros der Truppe. In jeder Abteilung die Gefechtskompagnien mit ihren Maschinengewehren voran; sie hatten nur die nötigsten Patronen- und Sanitätslasten bei sich und für jeden Europäer etwa eine Last mit dem Unentbehrlichen. Die Askari marschierten flott vorwärts, kerzengerade aufgerichtet, das Gewehr auf der Schulter mit dem Kolben nach hinten, wie es von jeher in der Schutztruppe Sitte war. Flott ging die Unterhaltung, und nach den vielfach reichen Beuten der feindlichen Lager dampften überall die Zigaretten. Wacker marschierten die kleinen Signalschüler, halbwüchsige Jungens in Askari-Uniform mit, die meisten ihre Habseligkeiten in einem Bündel auf dem Kopfe tragend. Vertraulich riefen mir die Askari ihr „Jambo Bwana Obas“ (Guten Tag, Herr Oberst!) oder „Jambo Bwana Generals“ zu, oder ein kleiner Signalschüler drückte seine Hoffnung aus, einmal nach „Uleia“ (Europa) und nach Berlin zu kommen. „Dann wird der Kaiser zu mir sagen „Guten Tag, mein Sohn!“ und ich werde ihm vorsignalisieren. Er wird mir dann Braten geben und mich zur Kaiserin führen. Die Kaiserin sagt dann „Guten Tag, mein Kind!“ und wird mir Kuchen geben und mir die Schaufenster zeigen.“ Bei allem Geplauder spähten die Askari haarscharf aus, und keine Bewegung im dicken Busch entging ihren Luchsaugen. Die vorangehende Spitze sprach jede Spur an und schloß daraus auf den Marsch und die Nähe feindlicher Truppen. Ebenso militärisch waren die Maschinengewehrträger, meist stramme Waniamwezi und Wazukuma. Den Kompagnien oder Abteilungen folgten die Träger mit den Lasten von Verpflegung, Gepäck, Lagergerät und Kranken, die getragen werden mußten. Die Lasten, etwa 25 kg, wurden auf den Köpfen oder abwechselnd auf einer Schulter getragen. Die Leistung dieser Leute ist enorm. Immer fester verwuchsen sie mit der Truppe. War die Verpflegung einmal knapp, und man kam ohne Beute von der Jagd zurück, so sagten sie wohl „Haisuru“ („Schadet nichts, wir werden ein ander Mal bekommen“). Viele gingen barfuß und oft traten sie sich Dornen ein. Manchmal zog einer während des Marsches kurz entschlossen sein Messer und schnitt sich ein ganzes Stück Fleisch von seinem verletzten Fuße ab. Dann marschierte er weiter. Den Trägern folgten die Frauen, die „Bibi“. Viele Askari hatten ihre Frauen und Kinder mit im Felde, manche Kinder brachte der Storch während der Märsche. Die Frauen trugen ihr „mali“ (Eigentum) und das ihres Eheherrn zusammengebunden auf dem Kopfe. Oft trugen sie noch ein kleines Kind, das in ein Tuch eingebunden auf ihrem Rücken hing und mit seinem Wollköpfchen herausguckte. Für Ordnung und Schutz bei den Frauen sorgte ein Europäer oder eine zuverlässige alte Charge mit einigen Askari. Alle liebten das Bunte, und nach einer großen Beute von bunten Tüchern sah der ganze viele Kilometer lange Zug manchmal wie ein Karneval aus. Auch während des Marsches mußte an die Verpflegungsbeschaffung gedacht werden. Jagdpatrouillen marschierten der Kolonne voraus oder seitwärts durch den Busch. Manche blieben mit einigen Trägern noch in der Nähe der alten Lagerplätze, wenn sich hier Wild oder Spuren gezeigt hatten. Andere Patrouillen ließen sich durch Menschenspuren zu Ansiedlungen führen, um dort Verpflegung zu beschaffen.

Bei der Ankunft am Lagerplatz schlugen vier Askari und mein Boy Serabili Äste und machten ein Gestell für die Zeltbahnen oder für eine Grashütte. Manchmal wurde auch ein erhöhtes Nachtlager aus Zweigen hergestellt, das mit Gras belegt wurde. Bald langte der bärtige „Baba“, mein Koch, an und traf umsichtig seine Anweisungen für die Anlage der Küche. Die Träger marschierten an, holten Wasser, schlugen mit ihren Buschmessern Brennholz und schnitten Gras. Jagdpatrouillen brachten ihre Beute, und bald dampften überall die Lochfeuer. Trägerkolonnen hatten inzwischen in den Dörfern gedroschen und brachten Korn mit. In den „Kinos“ (dicken Holzgefäßen) wurde das Korn mit dicken Knüppeln gestampft, und weit durch das Pori hallten die dumpfen Schläge. Meldungen, Geländeerkundungen, Beutepapiere wurden gebracht, eine Kiste an schattiger Stelle war das Büro. Bei längerem Aufenthalt wurde aus Zweigen ein Tisch gebaut. Abends am Feuer wurde gemeinsam mit Kameraden gegessen, die Boys brachten Kisten zum Sitzen, Grandseigneurs hatten Feldstühle. Dann ging es zur Ruhe unter das Moskitonetz und morgens früh ging es weiter ins Ungewisse. Würden wir Verpflegung finden und würden wir bis dahin mit dem wenigen Vorhandenen ausreichen? Diese Fragen tauchten jeden Tag von neuem auf und begleiteten uns durch Wochen und Monate. Das ewige Marschieren war begreiflicherweise auch kein reines Vergnügen. Beim Kommen schnappte ich wohl Bemerkungen über mich selber auf, wie: „Geht es denn noch immer weiter? Der Kerl stammt wohl aus einer Landbriefträgerfamilie?“

Als wir die Mündung des Chiulezi erreicht hatten, waren die Verpflegungsschwierigkeiten so groß geworden und die von früher her als reich bekannte Gegend hatte sich so sehr geändert, daß ich meine ursprüngliche Absicht, die Truppe zusammenzuhalten, fallen ließ. Es schien dies im Augenblick auch in taktischer Hinsicht unbedenklich zu sein. Von den Engländern, die uns vielleicht folgten, war bei ihrer sich täglich verlängernden rückwärtigen Verbindung und der hierdurch sich steigernden Nachschubschwierigkeit ein fühlbares Nachdrängen mit starken Kräften nicht zu erwarten. Ein Schreiben des britischen Oberbefehlshabers, des Generals van Deventer, das mir durch Parlamentär zuging und in dem er mich zur Übergabe aufforderte, bestärkte mich in der Auffassung, daß General van Deventer durch unser Ausweichen ziemlich enttäuscht war und unserem Einmarsch in portugiesisches Gebiet vor der Hand ratlos gegenüberstand. Weder er noch vorher General Smuts hatten in Situationen, welche für die Engländer günstig waren, daran gedacht, eine Aufforderung zur Übergabe zu schicken. Warum taten sie es also in einer Lage, die, wie die jetzige oder die im September 1916 bei Kissaki, für uns zweifellos günstig war? Doch nur, weil sie mit ihrem Latein zu Ende waren. Das war wirklich nicht schwer zu durchschauen. Die Zeit bis zu den Ende Dezember einsetzenden, großen Regen war zu kurz für die Vorbereitungen zu einer neuen Operation, und nach Einsetzen der Regen mußte der feindliche, auf Automobile basierte Nachschub auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen.

Wir hatten also Zeit und konnten uns unbedenklich in mehrere Kolonnen teilen. Von dem zeitweiligen Verlust der Verbindung untereinander hatten wir keinen Schaden zu befürchten. So wurde die Abteilung des Generals Wahle abgetrennt und marschierte durch die Mkula-Berge, während ich selbst den Lujenda weiter aufwärts zog.

Die in dem erwähnten Brief des Generals van Deventer mir mitgeteilte Übergabe des Hauptmanns Tafel war ein harter und unvorhergesehener Schlag.