Hauptmann Tafel hatte im Mai 1917, als General Wahle zur Übernahme der Truppen an der Lindi-Front abmarschierte, den Befehl in Mahenge übernommen. Das reiche Gebiet des Mahenge-Bezirkes sicherte er nach Norden durch die wenige Kompagnien starke Abteilung des Korvettenkapitäns Schoenfeldt. Dieser verstand es durch geschickte Benutzung seines 10,5 cm Königsberg-Geschützes seinem kleinen Detachement von wenigen Kompagnien Rückhalt zu geben und auch die materielle Lage seiner Truppe durch Anbau von Gärten und Feldern recht günstig zu gestalten.

Am mittleren Ruhudje stand gleichfalls eine schwache Abteilung unter Hauptmann Aumann und nordöstlich Ssongea die Abteilung des Hauptmann Lincke in der Gegend von Likuju. Diese hatte häufige Zusammenstöße mit dem Feinde und litt in dem armen Gebiet unter Verpflegungsmangel. Sie wich daher allmählich nach Norden, nach Mponda aus. Dort wurde sie durch 2 Kompagnien und 1 Geschütz, die vom Hauptteil der Truppe herangezogen worden waren, verstärkt. Hauptmann Otto übernahm den Befehl. Im August 1917 gingen starke englische und belgische Truppen konzentrisch gegen Mahenge vor; Hauptmann Tafel hatte dies kommen sehen und seine Verpflegungsvorräte aus dem Gebiet von Mahenge auf Mgangira abtransportiert. Am 11. September wurde Mahenge geräumt. Wenn auch die einzelnen Gefechte vielfach günstig verlaufen waren, so machte sich doch die Überlegenheit des Feindes allzusehr bemerkbar, und die Knappheit an Munition wurde bei den meist mit rauchstarkem Gewehr 71 bewaffneten Askarikompagnien immer empfindlicher.

Später erfuhr ich durch Hauptmann Otto, der sich mit einer Patrouille des Hauptmann Tafel zu mir durchgeschlagen hatte und mich in Chirumba erreichte, daß Hauptmann Tafel in 3 Kolonnen westlich von Liwale nach Süden marschiert war, am oberen Mbemkuru mehrere, zum Teil erfolgreiche Gefechte gehabt und auch größere Mengen Munition erbeutet hatte. Er war dann weiter nach Süden zum Bangalafluß marschiert und hatte sich, da er mich in der Gegend von Massassi glaubte, nach Osten gewandt. Südlich dieses Ortes angekommen erfuhr er von Eingeborenen, daß seit mehreren Tagen die Deutschen nicht mehr nördlich des Rowuma kämpften. Hauptmann Tafel wandte sich nun zum Rowuma, überschritt ihn in der Nähe der Einmündung des Bangalaflusses und hoffte, auf dem Südufer Verpflegung vorzufinden. Seine Vorräte waren buchstäblich erschöpft. Er fand aber nichts und hatte keine Ahnung davon, daß nur etwa einen Tagemarsch von ihm entfernt die von mir detachierte Abteilung Goering das portugiesische Lager Nampakescho genommen hatte und in der reichen Landschaft so viel Verpflegung vorfand, daß sie für 14 Tage gut zu leben hatte. So ging Hauptmann Tafel auf das Nordufer des Rowuma zurück und ließ dem Feinde seine Übergabe ankündigen.

Die Nachricht von der Waffenstreckung des Hauptmanns Tafel, da es doch bei meiner unmittelbaren Nähe am seidenen Faden hing, daß die von uns beiden angestrebte Vereinigung geglückt wäre, machte mich von neuem bedenklich dagegen, einen Teil meiner Truppen zu detachieren. Ich wurde geradezu auf die Folter gespannt, als von der Abteilung Goering, mit der bei Ngomano Patrouillenverbindung bestanden hatte, jede Meldung ausblieb. Auch während des Weitermarsches den Lujenda aufwärts, als es notwendig war, die einzelnen Abteilungen und Kompagnien der Suche nach Verpflegung wegen weiter auseinander zu ziehen, mußte wiederholt auf die Unterführung eingewirkt werden, um nicht die Verbindung und den Zusammenhang des Ganzen zu stören. Es war ja auch gar nicht möglich, daß die Herren, die später als Abteilungsführer so Ausgezeichnetes leisteten und sich in den Rahmen des Ganzen einzufügen verstanden, die hierzu notwendige Schulung schon von Anfang an mitbrachten.

Der Gouverneur war auch nach Verlassen des Schutzgebietes bei der Truppe geblieben; nach den Bestimmungen — die allerdings den Fall eines Krieges mit einer europäischen Macht nicht vorsahen — stand ihm im Schutzgebiet die oberste militärische Gewalt zu. Dieser Befugnis hatte er eine für den Kommandeur außerordentlich hindernde Auslegung gegeben und in meinen Tätigkeitsbereich mehrfach störend eingegriffen. Ich war dagegen machtlos gewesen und mußte den größten Wert darauf legen, daß wenigstens jetzt, außerhalb des Schutzgebietes, meine Arme frei waren. Wenn ich nun auch den Ansprüchen des Gouverneurs nicht nachgab, so ist doch soviel zu verstehen, daß es in dieser recht schwierigen Kriegslage Meinungsverschiedenheiten genug gab, die den militärischen Führer, dem man allenfalls die Buchstabenverantwortung, niemals aber die moralische Verantwortung abnehmen kann, in übergroßem Maße belasteten.

Es ist vielleicht verständlich, daß ich in dieser Zeit gegen die Menschen meiner Umgebung nicht immer sehr zart und rücksichtsvoll war. So kam es, daß gerade die Offiziere des Stabes, die doch mit größter Hingebung für die Sache arbeiteten und Anerkennung verdienten, manch ungerechtfertigten Vorwurf erlitten. Wenn sie sich hierdurch nicht mißmutig machen oder in der freudigen Weiterarbeit beeinträchtigen ließen, so verdienen sie hierfür besonderen Dank; gerade der Arbeit dieser Herren sind zum großen Teil die unter widrigen Umständen erzielten Erfolge zuzuschreiben, die das Publikum geneigt ist, in so freigiebiger Weise ohne Abzug meinem Konto ausschließlich gut zu stellen. Für mich, der ich von jeher Freude am kameradschaftlichen Leben hatte, wie es in unserem Offizierskorps gepflegt wird, gab es natürlich auch etwas Schöneres, als diesen Zustand, wo alle Beteiligten ein bißchen brummten. Erfreulicherweise war dies aber nur vorübergehend.

Unsere Lage war jetzt so, daß wir bei einem Zusammenstoß mit dem Feinde nicht nach dessen Stärke fragen durften. Zu langen Erkundungen hatten wir keine Zeit. Vielleicht ist es dieser Überzeugung und der Entschlossenheit, mit der beim Zusammentreffen mit portugiesischen Truppen verfahren wurde, zuzuschreiben, daß im Laufe des Dezember in kurzer Zeitfolge noch drei weitere portugiesische Befestigungen genommen wurden. Von entscheidender Wichtigkeit war bei diesen Unternehmungen die Persönlichkeit des Unterführers, der jeweils zuerst auf den Feind stieß. Er durfte keine Zeit verlieren und deshalb auch keine Befehle abwarten. Leutnant der Res. Kempner, der mit der 11. Kompagnie den Lujenda aufwärts als Vorhut marschierte, fand am 2. Dezember bei Nangwale ein befestigtes portugiesisches Lager vor. Dasselbe lag, wie die meisten portugiesischen Lager, auf einer kahlen Höhe mit weitem Schußfeld. Sogleich entwickelte sich die brave 11. Kompagnie am Buschrande und trat zum Sturm an über das 300 m breite, freie Schußfeld. Die Askari, die volles Marschgepäck trugen, konnten das Tempo, das der Kompagnieführer und sein Effendi (schwarzer Offizier) vorlegten, nicht halten. Leutnant Kempner und der Effendi sprangen auf die feindliche Brustwehr, von dort in das Innere der feindlichen Schanze und befanden sich so einige Zeit ganz allein inmitten der aus einem Zuge bestehenden feindlichen Besatzung. Diese war so verblüfft, daß sie dem Befehl, die Waffen niederzulegen, unter dem Eindruck des Hurra unserer heranbrausenden Askari sofort nachkam. Außer ihnen fiel ein nennenswertes Munitionsdepot und Verpflegung, die für mehrere Tage für die ganze Truppe ausreichte, in unsere Hand. Als aber der portugiesische Offizier den Leutnant Kempner zu einem Glas Kognak sehr guter Sorte aufforderte, war die Flasche leer und gab ihrem Besitzer Anlaß, zum zweiten Male verblüfft zu sein, aber diesmal mit dem Unterschiede, daß auch sein Gegner verblüfft war. Ein Ombascha (schwarzer Gefreiter) lachte dazu.

Ernste Sorgen erfüllten mich über das Schicksal des Hauptmanns Goering, von dessen Abteilung jede Nachricht fehlte. Von der Abteilung des Generals Wahle, die den Chiulezifluß aufwärts marschiert war, wurde erst nachträglich bekannt, daß sie gleichfalls in den Mkula-Bergen ein in verschanzter Stellung liegendes Detachement von mehreren portugiesischen Kompagnien geschlagen und aufgerieben hatte. Die andauernd zur Abteilung Wahle versuchte Blinkverbindung war nicht gelungen, obgleich die Portugiesen von den Mkula-Bergen aus unsere von Nangwale her gegebenen Zeichen genau beobachtet hatten. Die bei Abteilung Wahle gefangengenommenen portugiesischen Europäer hatten die Verpflichtung abgelehnt, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns fechten zu wollen. Sie waren dann vom General Wahle aus Verpflegungsrücksichten nach Norden, zum Rowuma hin, abgeschoben worden.

Dem Hauptmann Stemmermann gelang es erst nach mehrtägiger Einschließung, noch eine stärker besetzte und auch energisch verteidigte feindliche Befestigung, die Boma Chao, zu nehmen. Da ein Sturm auf diese keine Aussicht auf Erfolg hatte, wurde der Feind vom Wasser abgeschnitten, dadurch seine Lage in den Schanzen unhaltbar gemacht und er zur Übergabe gezwungen. Unter unseren Verlusten befanden sich leider auch eine Anzahl sehr guter schwarzer Chargen.

Ich war am Tage des Gefechts bei Nangwale nicht anwesend gewesen, um Marschstockungen der nachfolgenden Kompagnien zu beseitigen und dafür zu sorgen, daß die Bewegung so im Fluß blieb, wie es beabsichtigt war. Durch einen Doppelmarsch holte ich die für mich entstandene Verzögerung leicht wieder ein und war in Nangwale so rechtzeitig, um die Verteilung der Beute vornehmen zu können. Lebten wir doch auch im günstigsten Falle nur von der Hand in den Mund. Bei Nangwale, wo vor einem halben Jahre unsere Truppen eine so reiche Gegend vorgefunden hatten, war das Bild jetzt ganz verändert. Es gab außer den erbeuteten Vorräten einfach nichts; auch das Wild war im größeren Umkreise von Nangwale abgeschossen oder verscheucht. Das war eine Enttäuschung; denn ich hatte gehofft, bei diesem Ort von den gröbsten Verpflegungsschwierigkeiten befreit zu sein. Die Truppe mußte daher weiter geteilt werden. Aus den Aussagen der Gefangenen und aus den erbeuteten Papieren ging hervor, daß die Besatzung von Nangwale durch Trägerkolonnen, die von weit her, aus der Gegend von Mwalia, kamen, verpflegt worden war. Dort mußte also etwas zu finden sein.