Hauptmann Koehl marschierte am 5. Dezember mit 5 Kompagnien, einem Geschütz und einer Munitionskolonne von Nangwale in die Gegend Mwalia-Medo ab. Ich selbst marschierte weiter den Lujenda aufwärts. Glücklicherweise bewahrheitete sich die Versicherung des Leutnants d. Res. von Scherbening und anderer Europäer, die diese Gegend früher als Patrouillen durchstreift hatten, daß wir bald in ein Gebiet mit Verpflegung kommen würden. Aber die Bestände waren nicht überreichlich, und wir waren recht froh, daß die Jagd wieder einen großen Teil zu unserer Verpflegung beizusteuern imstande war. In der Tat sind die enormen Massen an Flußpferden, die während mehrerer Tagemärsche oberhalb von Nangwale den Fluß manchmal in großen Herden von 15 bis 20 Stück bevölkerten, ein ganz wesentliches Nahrungsmittel für uns geworden. Auch ich konnte es mir nicht versagen, auf einen starken Bullen einen Kopfschuß anzubringen; das Tier ging sofort unter und ließ über sich einen Wirbel wie ein untergehendes Schiff. Nach einiger Zeit kam es wieder hoch, mit den Läufen nach oben und schlug nur noch wenig. Das Tier wurde dann mit Hilfe eines Seiles ans Ufer gezogen. Die zahlreich vorhandenen Krokodile mahnten hierbei zur Vorsicht, und manche gute Beute konnte aus Besorgnis vor dieser Gefahr nicht geborgen werden. Das Wildbret des Flußpferdes schmeckt wie derbes Rindfleisch, die Zunge ist dabei besonders wohlschmeckend. Das wichtigste aber ist das ausgezeichnete Schmalz, das die Truppe inzwischen sehr schnell zuzubereiten gelernt hatte. Seine schneeweiße appetitliche Farbe war jetzt etwas ganz anderes als das schmutzige Gelb der ersten Versuche am Rufiji. Bei meinen mehrfachen Erkundungs- und Jagdgängen in den Wald hatten mir der begleitende Askari und die zum Tragen des erlegten Wildes mitgenommenen Leute allmählich auch einige Geheimnisse des Pori verraten. Wir hatten längst gelernt, aus verschiedenen Blattpflanzen (Mlenda genannt) recht guten Spinat zu machen; jetzt zeigten mir die Leute auch verschiedenerlei recht wohlschmeckendes, wildes Baumobst. Auch lernten wir, daß die Kerne der Mbinji-Frucht, deren Fleisch mir von früher her als blausäurehaltig bekannt war, durchaus blausäurefrei sind und geröstet eine außerordentlich wohlschmeckende Nahrung bilden; der Geschmack erinnert an unsere Haselnuß.

Am 17. Dezember 1917 langte das Kommando in Chirumba (Mtarika) an. Dorthin war Oberleutnant von Ruckteschell mit seiner Kompagnie vorausgeeilt und hatte den schwachen portugiesischen Posten schnell vertrieben. Es war dies eine Station der portugiesischen Nyassa-Kompagnie; diese kaufmännische Gesellschaft verwaltet zugleich den nördlichen Teil der Kolonie. Auch weiter südlich wird deren Verwaltung von anderen Privatgesellschaften durchgeführt. Der portugiesische Beamte in Chirumba, namens Fernandez, scheint recht tüchtig gewesen zu sein. Die massiven Gebäude seiner auf einer ganz kahlen Erhebung angelegten Station waren tadellos sauber; eine dicht daneben gelegene Schanze sicherte gegen Überfälle. Schöne Gartenanlagen mit Obst und Gemüse befanden sich am Ufer des nahen Lujendaflusses. Alleen von Maulbeer- und Mangobäumen säumten die sorgfältig angelegten Wege. Diese Mangos, von den Eingeborenen Emben genannt, gab es bei der Station und in den nahen Eingeborenendörfern in verschiedenen Arten. Sie fingen bereits an zu reifen und waren so zahlreich, daß ihre geregelte Aberntung durch die Truppe sich lohnte. Einer Vergeudung, zu der der Schwarze ja im allgemeinen neigt, wurde nach Möglichkeit vorgebeugt; die prachtvolle süße Frucht kam allen Europäern und auch einem großen Teile der Farbigen zugute und bildete bei dem Mangel an Zucker auf Wochen hinaus eine wirklich wertvolle Zutat zur Verpflegung. Als ich bei meinem Eintreffen in Chirumba die Veranda des Europäerhauses betrat, setzte mir Oberleutnant von Ruckteschell lange entbehrtes Schweineschmalz vor; hier wie auf vielen anderen portugiesischen Stationen hatte es europäische Schweine gegeben.

Wir machten uns auf mehrere Wochen seßhaft. Eine Abteilung zog weiter stromaufwärts und nahm die kleine Station Luambala in Besitz. General Wahle zog gleichfalls nach dem uns von früher her bekannten, reichen Stationsort von Mwembe. In das reich angebaute Dreieck Chirumba-Luambala-Mwembe und nach außen hinaus über dessen Grenze gingen nun bald unsere Verpflegungspatrouillen und Streifabteilungen. Die Eingeborenen in dieser Gegend erwiesen sich zum großen Teil als verständig und freundlich; sie wußten von früher her, daß sie von der deutschen Truppe nichts zu befürchten hatten. Trotzdem hatten manche ihre Verpflegungsvorräte im Busch versteckt und wollten nichts oder nur wenig liefern. Unsere Leute hatten aber längst gelernt, beispielsweise einen verdächtig aussehenden Baumstumpf genauer zu untersuchen und festzustellen, daß er künstlich aufgestellt und sein Inneres mit Vorräten angefüllt war. Andere stachen mit dem Stock in den lockeren Boden eines frisch angelegten Gartenbeetes und fanden darunter die vermuteten Erntevorräte eingegraben. Kurz, eine Menge solcher Verstecke wurden entdeckt, und als wir in einer großen Grashütte beim Weihnachtsfest zusammensaßen, da waren wir von den drückendsten Verpflegungssorgen befreit. Der Lujendafluß war nach den Schilderungen unserer Leute vor einigen Monaten so fischreich gewesen, daß an einigen Stellen ganze Körbe voll Fische herausgeholt werden konnten. Auffallenderweise wurde aber um diese Zeit nur sehr wenig gefangen. Meist waren es etwa unterarmlange Welse und kleinere Fische, die mit Vorliebe ganz knusperig gebraten wurden. Auch sie trugen ihren bescheidenen Teil zur Bereicherung der Verpflegung bei.

Die Verbindung mit der Abteilung Koehl, die in die Gegend von Medo gerückt war, wurde durch Relaispost hergestellt. Ich rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß der Feind nach alter Methode eine größere konzentrische Unternehmung gegen uns vorbereitete, daß seine Vorbereitungen aber mindestens einen Monat in Anspruch nehmen würden. Somit war mit einer erheblichen feindlichen Tätigkeit erst nach der Regenzeit zu rechnen, deren Schluß ich auf Ende Februar annahm. Ungefähr um diese Zeit gedachte ich unsere Streitkräfte in der Gegend von Nanungu enger zu versammeln. Bis dahin mußten wir die Verpflegungsbestände dieses Gebietes also schonen und so viel wie möglich von den Beständen leben, die aus dem äußeren Umkreise unserer gesamten jetzigen Unterbringung bezogen werden konnten. Die Jagdergebnisse waren bei Chirumba anfangs nicht erheblich, steigerten sich aber, als auf dem östlichen Ufer des Lujendaflusses und besonders weiter stromaufwärts stärkere Bestände an Antilopen vorgefunden wurden. Der Verkehr über den Fluß vollzog sich jetzt, bei dem niedrigen Wasserstande der Trockenzeit, für die Trägerkarawanen, die ihre Lasten nach Magazinen auf das Ostufer des Flusses schafften, durch mehrere Furten. Außerdem waren zum Übersetzen einige große Einbäume vorhanden. Zur weiteren Erkundung und zum Ansammeln von Verpflegung wurden wochenlang Patrouillen entsandt. Die auf Monate entsandte Patrouille des Leutnants von Scherbening marschierte von Chirumba über Mtende, Mahua und schließlich weiter nach Süden über den Luriofluß, dann den Malemafluß aufwärts und überrumpelte die portugiesische Boma Malema. Ein Italiener, der am Lujendaflusse Elefanten gejagt und sich gänzlich abgerissen und verhungert bei uns eingefunden hatte, begleitete die Patrouille des Leutnants von Scherbening. Durch verschleppte Malaria war aber die Gesundheit des Mannes derartig untergraben und seine Milz so riesenhaft angeschwollen, daß er aus der Gegend von Mahua schließlich auf seine bei Malacotera gelegene Pflanzung getragen werden mußte.

Anfang Januar 1918 begannen die Engländer, sich zu regen. Von der Südostecke des Nyassasees her nahten sich zwei feindliche Bataillone — das 1. und 2. der I. Kings African Rifles — der Abteilung des Hauptmanns Goering, der herangekommen war und dann ein festes Lager in dem spitzen Winkel zwischen Luambala- und Lujendafluß bezogen hatte. Er sicherte die weiter oberhalb am Lujendafluß gelegenen Verpflegungsmagazine. Am 9. Januar wurde vormittags ein Teil des Feindes, der hier vereinzelt angriff, geschlagen. Als der Gegner nachmittags nach Eintreffen seiner Verstärkungen erneut vorging und zugleich feindliche Truppen auf das Ostufer des Lujendaflusses nach Norden in Richtung auf die Verpflegungsmagazine vordrangen, ging Hauptmann Goering mit dem Hauptteil seiner Truppe auf das Ostufer. Im bisherigen Lager, auf dem Westufer, blieb nur eine stärkere Patrouille, die den Feind zurückhielt. Zu gleicher Zeit gingen feindliche Truppen — festgestellt wurde das aus südafrikanischen Mischlingen bestehende II. Cape-Corps — von Mtangula aus auf Mwembe vor.

Es kam nun zu einer Unzahl von kleineren Unternehmungen und Patrouillengefechten, die uns bei der Schwierigkeit, unsere Träger, die Verpflegung herantrugen, ausreichend zu decken, oft in eine unangenehme Lage brachten. Die Engländer benutzten diese für uns unangenehme Zeit geschickt zu Versuchen, die Anhänglichkeit unserer Askari und Träger zu untergraben. Natürlich waren viele derselben kriegsmüde. Die Strapazen waren auch wirklich recht groß gewesen. Dazu kam bei vielen das unsichere Gefühl, wohin die Reise nun weiter führen sollte. Die überwiegende Mehrzahl der Schwarzen hängt an den Verwandten und an der Heimat. Sie sagten sich: wenn wir nun weiter marschieren, dann kennen wir das Land und die Wege nicht mehr. Von da, wo wir jetzt sind, finden wir uns noch zurück, aber später nicht mehr. Die englischen Einflüsterungen und Flugblätter, die Colonel Baxter in unsere Reihen tragen ließ, fielen deshalb bei manchen auf fruchtbaren Boden, und so sind damals eine Reihe guter Askari und selbst ältere Chargen desertiert. Kleine Unannehmlichkeiten, wie sie immer vorkommen, Weiberangelegenheiten und dergleichen, trugen das ihrige dazu bei, den Leuten ihren Entschluß zum Fortlaufen zu erleichtern. Es kam vor, daß ein alter Sol (schwarzer Feldwebel), der eine glänzende, selbständige Patrouille geführt und eine starke Trägerabteilung mit Lasten geschickt mitten durch die feindlichen Reihen zurückgebracht hatte, und der wegen seiner guten Leistungen zum „Effendi“ (schwarzen Offizier) vorgeschlagen war, plötzlich verschwunden war. Auch er war desertiert. Die Impulsivität des Schwarzen macht auch für schlechte Einflüsterungen leicht empfänglich. Aber wenn sich der feindliche Colonel rühmen kann, durch seine Tätigkeit in unseren Reihen bei einigen Elementen eine moralische Krankhaftigkeit erzeugt zu haben, so war dieser Zustand doch nur von vorübergehender Dauer. Bald kehrten die alte Unternehmungslust und das alte Vertrauen zurück, auch bei denen, die den Kopf hatten hängen lassen. Das Beispiel der guten Askari, die einfach lachten über die goldenen Berge, die ihnen der Feind versprach, wenn sie desertierten, gewann die Oberhand. In einem so langen und aufreibenden Kriege war eben die Stimmung gelegentlich auch niedergedrückt. Es kam weniger darauf an, sich hierüber zu erstaunen und zu entrüsten, als vielmehr, dem kräftig entgegenzuwirken, und dazu waren die guten Elemente fest entschlossen, die zahlreich unter unseren Europäern, Askari und Trägern vorhanden waren.

Zweiter Abschnitt
Östlich des Lujendaflusses

Die Patrouille des Hauptmanns Otto, die vom Hauptmann Tafel vor dessen Waffenstreckung zu mir abgesandt war und die Einzelheiten über die dortigen Vorgänge meldete, war in Chirumba eingetroffen. Hauptmann Otto rückte jetzt mit zwei weiteren Kompagnien nach Luambala und übernahm dort den gemeinsamen Befehl auch über die Abteilung Goering (3 Kompagnien). Richtigerweise erfolgte der Hauptdruck des Feindes dort bei Luambala, und zwar auf dem östlichen Ufer des Lujenda. Es war ja klar, daß, wenn der Feind dort flußabwärts vordrang, meine Lage bei Chirumba, auf dem Westufer des Flusses, in einem Gebiet, dessen Verpflegungsbestände nach und nach erschöpft wurden, und mit dem durch die inzwischen gefallenen Regen stark angeschwollenen Fluß in meinem Rücken äußerst ungünstig wurde.

Es war nötig, mich dieser Lage zu entziehen und meine Kräfte rechtzeitig auf das östliche Lujendaufer zu verschieben. Leider waren die Furten infolge Hochwassers nicht mehr passierbar, der gesamte Uferwechsel auf die drei vorhandenen Einbäume angewiesen.

Die Kompagnien wurden nach und nach ohne irgendwelche Störungen auf das Ostufer hinübergesetzt. Die Ernährung fing an, recht schwierig zu werden. Erfreulicherweise meldete Hauptmann Koehl, der in der Gegend von Medo und Namunu die sehr verständigen Eingeborenen zum Anbau schnell reifender Feldfrüchte angehalten hatte, daß dort schon von Mitte Februar ab auf die Erträgnisse der neuen Ernte zu rechnen sei. Aber bis dahin war noch ein Monat; so mußten wir mit allen Mitteln versuchen, noch längere Zeit in der Gegend von Chirumba zu bleiben. Erfreulicherweise halfen uns da, wie früher das Manna den Kindern Israel, die in enormen Mengen um diese Jahreszeit hervorschießenden Pilze aus der gröbsten Verlegenheit. Ich hatte mich schon in Deutschland für Pilzkunde interessiert und fand bald nahe Verwandte unserer deutschen Sorten, der Pfifferlinge, Champignons, Steinpilze und anderer im afrikanischen Walde vor. Ich habe sie oft in kürzester Zeit körbeweise gesammelt, und wenn auch eine allzu einseitige Pilznahrung schwer verdaulich und nicht allzu kräftig ist, so waren uns die Pilze doch eine wesentliche Beihilfe.