Askarifrau
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GRÖSSERES BILD
Bei strömendem Regen zogen wir dann weiter nach Osten. Die sonst trockenen Bergschluchten waren zu reißenden Flüssen geworden. Durch gefällte Uferbäume, die quer über den Fluß fielen, wurden Übergänge geschaffen, ein Geländer schnell durch Stangen oder zusammengeschlagene Baumrinde improvisiert. Mein Maultier, das ich wegen eines Fiebers ritt, das mich befallen hatte — ich war anscheinend besonders empfänglich für Malaria und litt häufig darunter — sowie die wenigen anderen Reittiere, die bisher nicht in den Kochtopf gewandert waren, schwammen hinüber. Am Lagerplatz angekommen, bauten mir meine Leute wegen der Feuchtigkeit des Erdbodens schnell aus Zweigen eine erhöhte Lagerstelle, über die meine beiden Mannschaftszeltbahnen als Dach gespannt wurden. Oberveterinär d. Res. Huber, der für das materielle Wohl der Mitglieder des Kommandos sorgte, und unter ihm unser tüchtiger schwarzer Koch, der bärtige alte „Baba“, waren sogleich am Werk, und trotz regennassem Holze konnten wir uns stets in kurzer Zeit am Feuer zu gemeinsamem Mahle einfinden. Oft hatte es Dr. Huber fertig gebracht, hierzu in der Eile ein schützendes Grasdach herstellen zu lassen.
An sonnigen Tagen wurde eifrig Tabak fermentiert und geschnitten. Der tüchtige Feldintendant, Leutnant z. S. a. D. Besch, der stets von neuem erfinderisch war, wenn es das leibliche Wohl der Truppe galt, hatte auch hieran gedacht und den bei den Eingeborenen vorgefundenen recht guten Tabak gesammelt. Trotz alledem waren die Entbehrungen aber recht groß, und die Einflüsterungen des Feindes, daß jeder Schwarze, der zu ihm überliefe, frei in seine Heimat ziehen und dort auf eigenem Boden behaglich leben sollte, trafen auch jetzt nicht immer auf taube Ohren. Auch der jahrelang treu dienende Boy eines Offiziers war eines Morgens verschwunden; wahrscheinlich hatte seine „Bibi“ (Frau) das Kriegsleben satt bekommen.
Die Abteilung des Hauptmanns Otto rückte von Luambala aus direkt nach Osten nach Mahua und fand dann am Luriofluß ein reiches Gebiet mit Verpflegung vor. Abteilung Goering, die von Luambala aus quer durch die Landschaft auf Mtende rückte, fand unterwegs größere Verpflegungsmengen. Die Ernte war in dieser Gegend sehr viel früher als in Deutsch-Ostafrika; der Mais fing an zu reifen und konnte zum großen Teil schon verzehrt werden.
Das Kommando zog zunächst von Chirumba nach Mtende und dann nach einigen Tagen weiter nach Nanungu; Abteilung Wahle, die von Chirumba aus nach Mtende gefolgt war, wurde hier von mehreren feindlichen Kompagnien umgangen, die überraschend auf einer Höhe im Rücken der Abteilung auftauchten und den Botendienst und die Transporte unterbrachen. General Wahle entzog sich durch einen Umweg dieser unbequemen Lage und rückte in Richtung auf Nanungu näher an das Kommando heran.
Bei Nanungu fanden wir reichliche Verpflegung, und es lohnte sich, in dem Raume von Nanungu, Namunu und weiter südlich am Lurio wieder, wie in früherer Zeit, Aufkaufposten und Magazine anzulegen. Die Wildbestände lieferten gute Beute, und die Eingeborenen brachten gern Gartenfrüchte und Honig herbei, um diese gegen Fleisch, lieber aber noch gegen Bekleidungsstücke einzutauschen. Recht willkommen war eine wohlschmeckende, süße, kirschartige Porifrucht, die zu Millionen in der Gegend von Nanungu heranreifte. Ich ließ sie mit Vorliebe zu Jam verarbeiten. Auch andere Leckereien, besonders Erdnüsse, bekamen wir gelegentlich, und weit und breit verrieten die krähenden Hähne, daß es in den Lagern und bei den Eingeborenen Hühner und Eier gab.
Das Einsetzen der Regenzeit stimmte nicht genau mit dem Vorhersagen der Eingeborenen überein; es gab zwar tüchtige Güsse, aber das Wasser lief in dem hügeligen Gelände schnell ab und sammelte sich in der Hauptader jener Gegend, dem Msalufluß, der zu einem starken Hindernis anschwoll. Über den Msalufluß hatte der als Vizefeldwebel zur Truppe eingezogene Feldpostsekretär Hartmann eine Pontonbrücke gebaut, die uns mit der Abteilung des Generals Wahle verband. Diese war noch auf dem westlichen Ufer des Flusses geblieben. Als schwimmende Unterstützungen der Brücke dienten Rindenboote. Die Notwendigkeit, in dem wasserreichen Gebiete die angeschwollenen Flüsse glatt überwinden zu müssen, lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese Frage. Bisher hatten wir für alle Fälle einige Einbäume mitgetragen. Der Transport war aber auf die Dauer zu schwierig und dieses Mittel zu wenig leistungsfähig. Der Kriegsfreiwillige Gerth, ein Pflanzer vom unteren Rufiji, interessierte sich besonders für diese Frage und ließ sich von den Eingeborenen der Landschaft, die hierin besonders sachkundig waren, im Bau von Rindenbooten unterweisen. Nachdem die Versuche schnell zu einem Resultat geführt hatten, wurde bei allen Kompagnien der Bau solcher Boote, für deren Herstellung nach einiger Übung knapp zwei Stunden erforderlich waren, mit Eifer betrieben. Diese Boote sind in größerem Maßstabe von uns nicht benutzt worden, aber sie gaben uns das sichere Gefühl, daß im Notfalle auch ein starkes Stromhindernis für unsere recht unhandlichen Karawanen und Lasten nicht unüberwindlich sei.
Nach einiger Bekanntschaft mit der Gegend fanden wir im Msaluflusse Furten, die auch bei hohem Wasserstand einen Uferwechsel gestatteten. Unsere Kampfpatrouillen unter Sergeant Valett und anderen gingen von unseren gesicherten Lagern bei Nanungu aus, durchschritten den Fluß, der unser Unterkunftsgebiet nach Westen zu als Hindernis begrenzte, und suchten den Feind in seinen Lagern bei Mtende auf. Einer dieser Patrouillen, die besonders stark gemacht und mit 2 Maschinengewehren ausgerüstet war, gelang es, westlich von Mtende eine feindliche Verpflegungskarawane zu überfallen. Die Unsrigen haben sich dann aber nicht schnell genug den feindlichen Bedeckungstruppen entzogen und kamen, von mehreren Seiten angegriffen, in eine schwierige Lage. Beide Maschinengewehre gingen verloren und die sie bedienenden Europäer fielen. Nach und nach trafen die Askari zwar wieder vollzählig in Nanungu ein, aber der Patrouillenführer, Feldwebel Müßlin, der sich während des Marsches allein entfernt hatte, war in Feindeshand gefallen. Eine andere Patrouille, mit der Hauptmann Müller nach Norden zu den Msalu überschritt, vertrieb schnell eine englische Postierung bei Lusinje. In der Gegend von Lusinje war auch das Lager des englischen Leutnant Wienholt erbeutet worden, der, wie früher erwähnt, aus unserer Gefangenschaft entlaufen und einer der besten englischen Patrouillenführer geworden war. Die Eingeborenen wurden durch die englischen Patrouillen gründlich bearbeitet und leisteten dem Feinde gegen Belohnung durch Kleidungsstücke Spionagedienst. Auch der anläßlich des Bootsbaues erwähnte Kriegsfreiwillige Gerth wurde am Msalufluß, am Hause eines Jumben, von einer englischen Patrouille überfallen und fand hierbei seinen Tod.