Mächtig erhoben uns damals in der zweiten Hälfte des März 1918 die Nachrichten von der gewaltigen deutschen Märzoffensive an der Westfront, die unsere Funkenstation auffing. Ich wettete mit dem Sanitätsoffizier beim Stabe, Stabsarzt Taute, daß Amiens bald fallen würde. Die Zeit mehrwöchentlicher Ruhe, die jetzt beim Stillstand unserer Operationen eintrat, benutzte ich, um meinen rechten Fuß, der mir infolge eines Sandflohes seit einem halben Jahr Unbequemlichkeiten machte, in Ordnung bringen zu lassen. Die in manchen Lagern in Unmenge vorkommenden Sandflöhe bohren sich mit Vorliebe an den Rändern der Fußnägel in das Fleisch und verursachen dort schmerzhafte Entzündungen. Wird nicht aufgepaßt, so greifen diese weiter um sich und nach ärztlicher Ansicht ist die Verstümmelung vieler Füße der Eingeborenen und der Verlust der Zehen häufig auf solche Sandflöhe zurückzuführen. Auch ich litt unter dieser Unbequemlichkeit, und beim Gehen bildeten sich immer wieder Entzündungen. Stabsarzt Taute konnte mir glücklicherweise den Zeh unempfindlich machen, um dann den Nagel herauszureißen.

Auch in anderer Weise war ich einmal etwas gehindert. Auf einem Erkundungsgange hatte mir ein Halm des übermannshohen Grases in mein rechtes Auge geschnitten, und bei der nachfolgenden Behandlung war infolge von Atropin die Anpassungsfähigkeit der Linse beeinträchtigt; ich konnte deshalb mit dem rechten Auge nicht ordentlich sehen und keine Schrift oder Kartenskizzen erkennen. Dieser Zustand war lästig, weil mein linkes Auge durch eine im Jahre 1906 beim Hottentottenaufstand in Südwestafrika erhaltene Schußverletzung so stark beschädigt worden ist, daß ich mit diesem nur vermittelst Starbrille lesen kann. Eine solche war aber nicht verfügbar, und so war ich gezwungen, an verschiedene Unternehmungen heranzugehen, ohne richtig sehen zu können.

Die Patrouillen der Abteilung Koehl waren aus der Gegend Medo-Namunu inzwischen bis an die Küste vorgestreift, hatten am unteren Luriofluß und weit südlich desselben portugiesische Befestigungen erobert, einige Kanonen, vor allem aber Gewehre und Munition, meist von altem Modell, und erhebliche Mengen an Verpflegung erbeutet. Die Eingeborenen erwiesen sich hierbei freundlich gegen unsere Leute und sahen in ihnen auch hier die Befreier von der portugiesischen Bedrückung. Auch Patrouillen der Abteilung Otto waren von Mahua her in das Gebiet südlich des Lurioflusses gestreift, und der in Eingeborenenangelegenheiten so erfahrene Oberleutnant d. Ldw. Methner, erster Referent unseres Gouvernements, rühmte die Tüchtigkeit und Klugheit der portugiesischen Eingeborenen und den verständigen und weiten Blick ihrer Ortsoberhäupter.

Leutnant von Scherbening, der mit seiner Patrouille die Boma Malema genommen hatte, berichtete von dem großen Reichtum dieser Gegend. Um auch uns hiervon etwas zukommen zu lassen, schickte er ein erbeutetes Schwein nach Nanungu. Da es nicht laufen wollte, wurde es 500 km weit getragen. Bei seiner Ankunft stellte sich leider heraus, daß es gar kein europäisches Schwein war, sondern ein Porischwein, wie wir es selbst im Walde häufig erlegten.

Wieder war eine Zeit gekommen, wo es schwer war, Nachrichten über den Feind zu erhalten. Aber aus den unvollkommenen Karten, die uns zur Verfügung standen, war doch manches herauszulesen. Ich konnte nicht zweifeln, daß die sicher bevorstehenden feindlichen Operationen mit ihren Hauptkräften von der Küste, aus der Gegend von Porto Amelia, ansetzen würden. Das Auftreten stärkerer feindlicher Kräfte bei Mtende sowie die allerdings sehr unsichere Nachricht, daß auch feindliche Truppen von Südwesten her auf Mahua im Anmarsch waren, zeigten mir, daß zugleich mit dem bevorstehenden Vorrücken der feindlichen Hauptkräfte andere Truppen von Westen her operieren wollten. Es schien eine Lage heranzureifen, in der es möglich war, die innere Linie, auf der ich stand, auszunutzen und den einen oder den anderen Teil des Feindes vereinzelt zu fassen. Die Nachschubverhältnisse des Gegners bedingten es, daß diejenigen seiner Kolonnen, die von Westen kamen, nicht allzu stark sein konnten. Hier also bot sich auch voraussichtlich die von mir gesuchte günstige Chance. Mit dem Hauptteil meiner Truppen blieb ich deshalb in der Gegend von Nanungu und zog nach hier auch die Abteilung des Hauptmanns Otto vom Lurio heran. Mit diesen Kräften wollte ich angriffsweise verfahren und zwar nach Westen zu. Dem Hauptmann Koehl, der seine Abteilung bei Medo sammelte, fiel die Aufgabe zu, die von Porto Amelia heranrückenden Hauptstreitkräfte des Feindes hinzuhalten und allmählich schrittweise auf mich zurückzugehen.

Hauptmann Müller, der nach jahrelanger Tätigkeit beim Kommando eine selbständige Abteilung von 2 Kompagnien übernommen hatte, wurde aus der Gegend von Nanungu auf Mahua vorgesandt, um dort dem Feinde nach Möglichkeit Abbruch zu tun. Er umging Mahua und überraschte südwestlich dieses Ortes die befestigte Verpflegungsstation Kanene. Die verteidigenden englischen Europäer sahen ein, daß die angesammelten Bestände verloren waren. Um dies wenigstens teilweise zu verhindern, machten sie sich über die Alkoholbestände des Lagers her und fielen recht angeheitert in unsere Hände.

Ich selbst rückte Mitte April gleichfalls in Richtung auf Mahua vor und hörte beim Anmarsch schon aus weiter Entfernung von dort her heftige Detonationen. Hauptmann Müller war nordöstlich Mahua bei Koriwa auf ein feindliches Bataillon unter Colonel Barton gestoßen, das einen Streifzug unternommen hatte und nun von den Unsrigen während des Marsches sogleich angegriffen wurde. Trotzdem auf unserer Seite kaum 70 Gewehre im Gefecht waren, gelang es doch, den Feind auf seinem rechten Flügel zu umfassen und ihn von dort aus von einem Termitenhügel (großen Ameisenhügel) so energisch unter wirksames Maschinengewehrfeuer zu nehmen, daß er in wilder Flucht davonlief. Er verlor dabei über 40 Mann. Oberleutnant z. S. Wunderlich, der einen schweren Schuß durch den Unterleib erhalten hatte, mußte zu dem 2 Tagemärsche entfernten Lazarett von Nanungu geschafft werden und starb nach kurzer Zeit.

Der Schlag, zu dem ich das Gros angesetzt hatte, war durch die schwache Abteilung Müller bereits erfolgreich ausgeführt worden. Ich wandte mich deshalb mit meinen Hauptkräften wieder in die Gegend dicht westlich Nanungu. Dort war inzwischen ein stärkerer Feind am Msaluflusse eingetroffen und hatte diesen mit stärkeren Patrouillen überschritten. Meine Berechnung, einen stärkeren feindlichen Körper unmittelbar nach Überschreiten des Flusses überraschend fassen zu können, traf nicht zu; die erhaltenen Meldungen waren irrtümlich gewesen. Aber in einer ganzen Reihe kleinerer Zusammenstöße am Msalufluß und westlich desselben wurden dem Gegner durch unsere Kampfpatrouillen doch nach und nach erhebliche Verluste zugefügt, und seine Streifabteilungen räumten bald das östliche Msalu-Ufer. Unsere Verpflegungspatrouillen, deren Aufgabe es war, in der Richtung auf Mahua weiter Verpflegung zu beschaffen, stießen am 3. Mai überraschend auf stärkere feindliche Abteilungen in der Gegend von Saidi, die unser Feldlazarett und unsere Verpflegungsmagazine bei Makoti stark gefährdeten.

Nach Makoti war zur Vorbereitung der zukünftigen, mehr nach westlicher Richtung geplanten Operationen ein Teil unserer Bestände gebracht worden. Unsere sofort entsandten Kampfpatrouillen hatten am Kirekaberge bei Makoti mehrere Zusammenstöße mit dem Feinde. Ich glaubte zunächst nur an Patrouillen des Gegners, entsandte deshalb den Hauptmann Schulz mit einer starken Patrouille dorthin zur Verstärkung und rückte selbst am 4. Mai mit dem Gros an die Straße Nanungu-Mahua. Von hier aus glaubte ich, schnell gegen irgendwo überraschend auftretende feindliche Kräfte eingreifen zu können. Die allgemeine Lage klärte sich dadurch, daß unsere Patrouillen im Laufe des Tages am Kirekaberge auf einen neuen Gegner gestoßen waren. Eine feindliche Abteilung war zurückgeworfen worden, und es war wahrscheinlich, daß stärkere Kräfte in verschanzten Lagern dahinter standen. Am 5. Mai morgens marschierte ich aus meinem Lager ab, auf Makoti zu. Während des Anmarsches wünschte ich sehnlichst, daß der Feind uns den Angriff auf seine befestigte Stellung ersparen möchte, und hoffte, was ja auch nach der ganzen Lage gar nicht unwahrscheinlich war, daß er aus seinen Schanzen herauskommen und sich so ein Kampf im freien Felde entwickeln würde. Gelang es uns bei dieser Gelegenheit, mit unseren Hauptkräften einzugreifen, ohne daß der Feind von unserem Anmarsch eine Ahnung hatte, so war ein erheblicher Erfolg nicht unwahrscheinlich.

Um 11 Uhr vormittags langte ich am Kirekaberge an und begab mich nach vorn zum Hauptmann Schulz, der mit seinen Patrouillen einige in dem Stangenholz befindliche Felsengrotten besetzt hatte. Als ich gerade angekommen war, erhielt ich von einem Sol (schwarzen Feldwebel), der von einem Patrouillengang zurückkehrte, die Meldung, daß der Feind in großer Stärke ausgeschwärmt vorrücke und sofort auf nahe Entfernung auftauchen müsse. Ich benachrichtigte hiervon den Oberleutnant Boell, der mit seiner Kompagnie soeben hinter der Abteilung Schulz eingetroffen war, und beauftragte ihn, im Falle eines feindlichen Angriffes sogleich einzugreifen. Dann ging ich zurück und ordnete den Aufmarsch unserer weiteren, nach und nach eintreffenden Kompagnien. Inzwischen ging vorn das Gefecht los. Der Feind hatte in dichten Schützenlinien vorgehend unsere Patrouillen schnell aus ihren Steingrotten zurückgeworfen, war dann aber zu seiner größten Überraschung in das wirksame Maschinengewehrfeuer der Kompagnie Boell geraten und teilweise zurückgegangen. Die demnächst eintreffende Abteilung Goering wurde sogleich zum rechts umfassenden Angriff angesetzt, der Feind dadurch völlig überrascht und mit recht schweren Verlusten in großer Eile zurückgeworfen.