So langten wir nach mehreren Kilometern heftigen Nachdrängens vor den feindlichen Verschanzungen an. Auf unserem linken Flügel, wo zwei weitere Kompagnien eingesetzt wurden, ging das Gefecht mehrfach hin und her, und es war mir im Busch schwer, Freund und Feind zu unterscheiden. Es dauerte dadurch einige Zeit, bis ich mir von den Verhältnissen auf dem linken Flügel ein klares Bild machen konnte, und erst die Meldung des Majors Kraut, der von mir zur Erkundung dorthin gesandt war, ließ mich erkennen, daß das Vorgehen unseres linken Flügels auf einer Waldlichtung in recht wirksames feindliches Feuer geraten und dadurch zum Stocken gekommen war. Ein Gegenangriff, den der Feind unternahm und der schon ziemlich dicht an den Standplatz des Kommandos gekommen war, hätte uns recht unangenehm werden können. Zu unserem großen Glück traf aber gerade in diesem Augenblick Oberleutnant Buechsel, der mit seiner Kompagnie detachiert gewesen war und deshalb verspätet ankam, auf dem Gefechtsfelde ein und konnte der Gefahr begegnen.

Auf dem rechten Flügel hatte inzwischen Hauptmann Goering erkannt, daß ein frontales Anstürmen auf die feindlichen Verschanzungen keine Aussicht auf Erfolg bot. Er hatte deshalb Oberleutnant Meier mit einer starken Patrouille die Stellung des Gegners umgehen lassen, um von rückwärts her einen dort befindlichen feindlichen Minenwerfer zu beschießen und womöglich fortzunehmen. Diese Wegnahme gelang nicht, da der Feind unerwarteterweise noch über Reserven verfügte, die die Patrouille Meier fernzuhalten imstande waren. So kam das Gefecht zum Stillstand. Bei Einbruch völliger Dunkelheit lagen wir dem Feinde dicht gegenüber. Beiderseits fielen nur noch ab und zu Schüsse.

Während des Gefechts wurden die büromäßigen Arbeiten — es wurde auch in Afrika geschrieben, wenn auch nicht so viel als sonst üblich — erledigt. Eine Anzahl Eingänge, wie Beschwerden und sonstige Unannehmlichkeiten lagen vor. Mit den Kompagnieführern konnte ich mich von Zeit zu Zeit mündlich besprechen und ließ sie zu diesem Zweck zu mir kommen. Ich selbst wechselte meinen Standplatz so wenig wie möglich, um bei der Übermittlung der eingehenden Meldungen Schwierigkeiten und unliebsame Verzögerungen zu vermeiden. Abgekocht wurde weiter rückwärts, wo auch der Verbandplatz eingerichtet worden war. Auch wir, die Angehörigen des Kommandos, erhielten durch unsere schwarzen Diener wie gewöhnlich die zubereitete Verpflegung in die Gefechtslinie vorgebracht.

Um die Truppe zu weiterer Verwendung wieder in die Hand zu bekommen, wurden Teile derselben aus der vorderen Gefechtslinie zurückgezogen und gesammelt. Ich überlegte, daß es zweckmäßig sei, die Nacht über so liegen zu bleiben, um am nächsten Tage das Gefecht wieder aufnehmen zu können und vor allem, um zu versuchen, den Feind von seinem Wasser abzuschneiden, das irgendwo außerhalb seines Lagers liegen mußte.

Da traf gegen Mitternacht die Meldung ein, daß eine unserer Patrouillen an der Straße Nanungu-Mahua auf einen stärkeren Feind gestoßen sei. Ich mußte befürchten, daß dieser Gegner, den ich der Selbständigkeit seines Auftretens wegen für stark hielt, weiter auf Nanungu vordringen und sich so in den Besitz unserer an dieser Straße gelagerten Kompagnielasten (Munition, Verbandzeug, Verpflegung, Kranke usw.) sowie der Magazine von Nanungu setzen würde. Ich rückte deshalb noch in der Nacht mit dem Hauptteil meiner Kräfte über Makoti wieder an die Straße Nanungu-Mahua ab. Dicht am Feinde blieben nur starke Patrouillen, die aber nicht bemerkten, daß der Gegner ebenfalls noch während der Nacht seine Stellung räumte und in Richtung auf Mahua abzog. Am 6. Mai stellte sich heraus, daß die Meldung von den starken feindlichen Kräften an der Straße Nanungu-Mahua, die meinen Abmarsch veranlaßt hatte, verkehrt gewesen war; es befand sich dort überhaupt kein Feind. Hauptmann Müller, der das Schießen der englischen Minenwerfer gehört hatte, war in vortrefflicher Initiative aus seinem nordöstlich Mahua gelegenen Lager im Eilmarsch sofort auf den Gefechtslärm losmarschiert und anscheinend für Feind gehalten worden.

Als er auf dem Gefechtsfeld ankam, stellte er fest, daß der Gegner abgerückt war. Der Feind, der aus 4 Kompagnien und einer Maschinengewehrkompagnie bestand, und, nach seinen Befestigungsanlagen zu urteilen, 1000 Mann stark war, war durch unsere wenig mehr als 300 Gewehre — wir waren 62 Europäer und 342 Askari gewesen — vollständig geschlagen worden. Auf seiner Seite waren 14 Europäer und 91 Askari gefallen, 3 Europäer und 3 Askari hatte er an Gefangenen verloren. Außerdem war sein Hospital mit etwa 100 Verwundeten in unsere Hand gefallen; andere Verwundete hat er nach Aussage von Eingeborenen noch mitgenommen. Unsere Verluste betrugen: 6 Europäer, 24 Askari, 5 andere Farbige gefallen, 10 Europäer, 67 Askari und 28 andere Farbige verwundet.

Während diese für uns so erfreulichen Erfolge gegen die westlichen feindlichen Kolonnen erzielt wurden, hatte Abteilung Koehl gegen die feindliche Division, die von Porto Amelia auf Nanungu vordrang, andauernd Gefechte, manchmal von erheblichem Umfange, zu bestehen. Bei Medo hatte der Feind nach seiner eigenen Angabe recht schwere Verluste; in einem Gefecht, das westlich von Medo stattgefunden hatte, war es dem Hauptmann Spangenberg mit seinen 2 Kompagnien gelungen, den Feind sehr gewandt zu umgehen, von rückwärts her an seine leichte Feldhaubitzbatterie heranzukommen und diese im Sturm zu nehmen. Fast die gesamte Bedienung und Bespannung fiel. Leider war es nicht möglich, die Geschütze und die Munition mitzunehmen. Sie wurden unbrauchbar gemacht. Aber trotz solcher Einzelerfolge mußte Abteilung Koehl weiter zurückweichen. Es nahte der Augenblick, wo sich vielleicht durch rechtzeitiges Eingreifen meiner Hauptkräfte bei der Abteilung Koehl ein durchschlagender Erfolg gegen General Edwards erzielen lassen würde.

Wieder einmal war aber die Verpflegungsfrage ein Bleigewicht für die Bewegungen. Die Feldfrüchte der Landschaft waren im wesentlichen aufgezehrt bis auf den Mtama, der in dieser Gegend früher heranreift als in Deutsch-Ostafrika. Aber er war noch nicht reif. Um nicht rein aus Verpflegungsgründen abrücken zu müssen, halfen wir uns dadurch, daß wir den Mtama durch Trocknen notreif machten. Die Frucht war auch auf diese Weise gut verwertbar, und da in der Gegend sehr viel wuchs, so konnte im allgemeinen jeder so viel bekommen, wie er haben wollte, und keiner litt Not.

Der Bestand der Felder veranlaßte mich, mit den Hauptkräften der Truppe mehr nach Südwesten, in der Richtung auf Mahua, zu marschieren und in der Gegend des Timbaniberges, am Koromaberg, Lager zu beziehen. Von hier aus wollte ich im Notfall nach Süden weiterziehen, um in den fruchtbaren Gegenden der Vereinigung des Malema- und Lurioflusses die dortigen reichen Verpflegungsgebiete auszunutzen. Westlich des Timbaniberges war das Gelände günstig, um ein entscheidendes Gefecht gegen General Edwards aufzunehmen, der der Abteilung des Hauptmann Koehl von Nanungu weiter in südwestlicher Richtung folgte. Das außerordentlich felsige und zerrissene Gelände am Timbaniberg und 6 km nordöstlich davon bis zu der Stelle, auf die die Abteilung Koehl zurückgewichen war, war nicht günstig für ein von mir beabsichtigtes entscheidendes Gefecht. Am 21. Mai verrieten sich neue feindliche Lager westlich der Stellung der Abteilung Koehl durch ihren Rauch. Ich vermutete, daß dieser neue Gegner am 22. Mai der Abteilung Koehl von Westen her in den Rücken marschieren würde. Da habe ich leider versäumt, der Abteilung Koehl den ganz bestimmten Befehl zu geben, sogleich mit ihren Hauptkräften aus dem ungünstigen Gelände heraus bis südwestlich des Timbaniberges zu rücken. Statt des unzweideutigen Befehls gab ich eine Anweisung, die zu viel Freiheit des Handelns ließ.

So kam es, daß die Abteilung Koehl ihre Träger mit den Munitions- und Bagagelasten erst am 22. Mai vormittags in Marsch setzte. Auch das wäre noch gut gegangen, wenn nicht unglücklicherweise an ihrem Anfange der Gouverneur marschiert wäre, der sich bis dahin bei der Abteilung Koehl aufgehalten hatte. In Verkennung des Ernstes der Lage machte der Gouverneur mitten in dem ungünstigen Gelände, wo er jeden Augenblick der Überraschung durch den Feind ausgesetzt war, ohne sich wirkungsvoll verteidigen zu können, einen längeren Halt. Hierdurch ließen sich die Bagagen der Abteilung Koehl trotz dem ihnen vom Hauptmann Koehl erteilten ausdrücklichen Befehle verleiten, ebenfalls zu halten. Ich selbst erkundete an diesem Tage vormittags noch einmal das südwestlich des Timbaniberges gelegene, recht günstige Gelände und traf hierbei unter anderem den Leutnant Kempner, der tags vorher bei Abteilung Koehl verwundet worden war und zurückgetragen wurde. Bei der Abteilung Koehl selbst, wo seit dem Morgen mehrere Angriffe des Feindes abgeschlagen waren, war Gefechtslärm in weiter Ferne zu hören. Mit Hauptmann Koehl bestand telephonische Verbindung, und ich kehrte, ohne eine Ahnung von den Verhältnissen seiner Bagage zu haben, gegen 11 Uhr vormittags in das Koromalager zurück.